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Obama und sein Vize : Der Abstieg vom Olymp

Bild: ap

Am Wochenende hat Barack Obama seinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten benannt. Kommende Woche wird er sich selbst zum amerikanischen Präsidentschaftskandidaten ausrufen lassen. Sein Charisma hat ihn weit gebracht. Ist der Siegeszug jetzt vorüber?

          Der Parteitag der Demokraten, eine recht schrille Krönungsmesse für den Präsidentschaftskandidaten, könnte für Barack Obama zu keinem besseren Zeitpunkt kommen. Der 47 Jahre alte Junior-Senator aus Chicago im Bundesstaat Illinois darf von dem gewaltigen Medienrummel, der die viertägige Veranstaltung in Denver von diesem Montag an begleiten wird, gewiss einen hübschen Auftrieb erwarten. Und den hat er auch bitter nötig.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nötiger vielleicht als je zuvor in seiner erstaunlichen Kampagne für die Präsidentenwahlen am 4. November, die er an einem klirrend kalten Wintertag im Februar 2007 mit einer Rede vor dem Alten Kapitol in Springfield in Illinois offiziell begonnen hatte. Wie alles in Obamas Karriere war auch der Ort dieser Rede mit Bedacht gewählt: An gleicher Stelle hatte am 16. Juni 1858 ein aufstrebender Politiker von damals 49 Jahren namens Abraham Lincoln seine bald darauf berühmte Rede gehalten, in welcher er angesichts des Streits zwischen dem Norden und dem Süden um die Sklaverei die amerikanische Nation mit den Worten des Evangelisten Matthäus davor gewarnt hatte, dass "ein jegliches Haus, so es mit sich selbst uneins wird, nicht bestehen kann".

          Er hat sich noch nie kleine Fußstapfen ausgesucht

          Der Politiker Barack Obama hat sich noch nie kleine Fußstapfen ausgesucht, in welche er auf seinem historischen Gipfelsturm in Richtung Weißes Haus zu treten gedachte. Am Samstag kehrte Obama mit seinem frisch gekürten Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten, Senator Joseph Biden aus Delaware, zum ersten gemeinsamen Auftritt als Team nach Springfield vor das Alte Kapitol zurück: Der Geist Lincolns sollte auch über dem eher schlichten Akt der Vorstellung eines "running mate" schweben.

          Kann er in ihre Fußstapfen treten? Barack Obama vor dem Präsidentenberg Mount Rushmore

          Und tatsächlich hat es Obama mit seiner politischen Predigt vom "Wandel, an den wir glauben können" und mit seinem Lincolnschen Versprechen, eine tief gespaltene Nation wieder zusammenzubringen, aus den Klauen der Washingtoner Machtpolitik zu befreien und schließlich in eine leuchtende Zukunft zu führen, sehr weit gebracht. So weit wie kein schwarzer Politiker vor ihm. Weiter auch als Hillary Clinton, die lange Zeit als unausweichliche Präsidentschaftskandidatin gegolten hatte, ehe sie sich nach einem episch langen Vorwahlkampf gegen Obama im Juni endlich geschlagen geben musste.

          Der Vorsprung ist geschrumpft, die Demokraten haben Grund zur Sorge

          Doch seither ist es nicht gut gelaufen für Obama. Der Vorsprung in den Umfragen auf den Herausforderer John McCain ist geschrumpft. Einige Meinungsforscher sehen den Republikaner gar schon in Führung - und das in einem Wahljahr, in dem von der Wirtschafts- und Energiekrise über die Kriegsmüdigkeit und die Staatsverschuldung bis zum Überdruss an einem historisch unpopulären Präsidenten alles buchstäblich nach dem von Obama gepredigten Wechsel zugunsten eines Demokraten im Weißen Haus schreit.

          Schon ist weithin vom Phänomen des "buyer's remorse" die Rede, von der "Reue des Käufers", der sich vom schönen Schein eines Produkts hat blenden lassen und hernach feststellt, dass er auf minderwertige Qualität hereingefallen ist. Auch das Gespenst des "August Curse" geht um, wonach ein im Frühsommer schon sicher geglaubter Sieg im verfluchten Wendemonat August aus den Händen gleitet - so wie es 1988 Michael Dukakis gegen George Bush den Älteren und vor vier Jahren John Kerry gegen den Jüngeren widerfahren war.

          Die Strategen der Demokraten haben Grund zur Sorge, denn die letzten vier Wochen haben Obama nicht recht vorangebracht. Die Auslandsreise von Ende Juli und zumal die Rede vor verzückten Deutschen an der Siegessäule in Berlin hat ihm offenbar eher geschadet als genützt, nicht zuletzt weil es die immer aggressivere Wahlkampfmaschine McCains verstanden hat, Obama als substanzlose Berühmtheit ohne die nötigen Führungsqualitäten hinzustellen. Gerade in besonders umkämpften Staaten wie Ohio, Michigan, Florida oder auch Virginia und bei den vermutlich wahlentscheidenden Wählern der politischen Mitte konnte McCain in den vergangenen Wochen zulegen.

          Hässliche Angriffe und hässliche Gegenangriffe

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