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Obama und das Brandenburger Tor : Jetzt hat auch Steinmeier einen Dalai Lama

  • -Aktualisiert am

Vor den Säulen des Brandenburger Tors umstritten: Barack Obama vor den Säulen des Capitols in Washington Bild: AFP

Eigentlich zeugt es von einer fairen Haltung gegenüber beiden möglichen künftigen amerikanischen Präsidenten, Obama das Brandenburger Tor nicht zu gönnen, weil der erfahrene Transatlantiker McCain es nicht nötig hat. Warum Bundeskanzlerin Merkel damit dennoch schlecht beraten war.

          Die deutsch-amerikanische Welt hat sich gedreht – dabei ist Barack Obama noch längst nicht der Präsident Amerikas. Formal ist er nicht einmal Kandidat seiner Demokratischen Partei. Aber Berlin steht bereits kopf, seit Überlegungen Obamas bekannt wurden, am 24. Juli Deutschland besuchen und vor dem Brandenburger Tor sprechen zu wollen. Darüber stritten sich die Bundeskanzlerin auf der einen und das Auswärtige Amt wie auch der Berliner Senat auf der anderen Seite.

          In diesem bizarren Streit scheinen die gewohnten Seiten vertauscht: Links, also auf der Seite von Bürgermeister Wowereit und Außenminister Steinmeier, jubeln sie wie nie zuvor als überzeugte Transatlantiker: Obama solle unbedingt vor Deutschlands Wahrzeichen reden. Schließlich verdankten wir ja Amerika Einheit und Recht und Freiheit.

          Auf der anderen Seite, sozusagen rechts der SPD, gibt sich Kanzlerin Merkel skeptisch: Das Brandenburger Tor solle nicht als Wahlkampfkulisse missbraucht werden, warnte sie und ließ es dadurch zu, als wenig gastfreundlich und irgendwie anti-obamanisch zu wirken. Warum handelte sie so?

          Für wen auch immer: Frau Merkel ließ zwei Botschaften verkünden

          Auf der linken Seite gab es schnell eine Erklärung dafür: Bushs Leute hätten auf dem G-8-Gipfel in Japan beleidigt angemerkt, in Deutschland werde offenbar schon das nächste deutsch-amerikanische Kapitel aufgeschlagen; die oft gepriesene Freundschaft zur noch bis Januar amtierenden Regierung Bush spiele wohl keine Rolle mehr. Um zu zeigen, dass sie die wahre Transatlantikerin ist, habe sich die Bundeskanzlerin in die Besuchspläne Obamas eingemischt und ihm durch ihre Skepsis das Tor ausreden wollen. Wowereit hat diese Geschichte auch gehört und verbreitet sie mit Genuss. Der Sprecher der Bundeskanzlerin dagegen streitet alles als „Legendenbildung“ ab. Auf dem Gipfel in Japan sei das überhaupt kein Thema gewesen, die Bush-Leute dort hätten von dem Streit um Obama nichts mitbekommen.

          Frau Merkel aber ließ – für wen auch immer – zwei Botschaften in Deutschland verkünden zu Obamas vermeintlichen Redeplänen: Wir sind dagegen, können aber nichts dagegen tun. Dahinter mag tatsächlich die Haltung stehen: Die Würde des Brandenburger Tors ist zu hoch, um niederen Wahlkampfmotiven zu genügen. Denn nur das habe Obama im Sinn, ist man sich seitens der Kanzlerin sicher. Er suche eine ausdrucksstarke Kulisse für seine transatlantische Rede, weil ihm der tatsächliche Hintergrund zu diesem Thema fehlt. John McCain hingegen, Obamas republikanischer Gegner und sein Gegenkandidat im Rennen um das Weiße Haus, gilt im Bundeskanzleramt als erfahrener Transatlantiker.

          Trotz Fairness schlecht beraten

          Obama das Brandenburger Tor nicht zu gönnen, weil McCain es nicht nötig hat, zeugt tatsächlich von einer neutralen und fairen Haltung gegenüber beiden möglichen Nachfolgern Bushs. Weil das nachvollziehbar und erklärbar ist, wird es die Beziehungen zwischen Frau Merkel und Obama auch nicht belasten, ob er nun Präsident wird oder nicht. Dennoch war die Bundeskanzlerin schlecht beraten in ihrem Vorgehen.

          Ihr wahrscheinlicher Gegenkandidat Steinmeier stieg schnell ein in den Streit, um ihn für sich zu nutzen. Mit seinem Einsatz für Obama, der erst durch Frau Merkels Skepsis so offenbar werden konnte, will sich Steinmeier rechtzeitig positionieren: an der Seite Obamas, den die Mehrheit der Deutschen sehnlich als Bushs Nachfolger wünscht. Was Frau Merkel ihr Dalai Lama ist, könnte nun Steinmeier sein Obama werden. Es wäre schon ein Kratzer im neuen Lack, wenn Obama nun seine angekündigte Transatlantik-Rede in London oder sonst wo hielte, weil ihm Frau Merkel dafür in Deutschland nicht gerade den Hof machte.

          Soll er doch auf der Waldbühne sprechen

          Um das zu verhindern, bemühen sich offenbar beide Seiten in Deutschland um einen gütlichen Ausgang. Daraus mag Einsicht im Kanzleramt sprechen und ein schon verbuchter Sieg auf der Seite Steinmeiers und Wowereits. Ein anderer Ort in Berlin werde gesucht, heißt es, etwa der Gendarmenmarkt. Aus der Berliner FDP war der Vorschlag gekommen, Obama solle doch vor dem Schöneberger Rathaus sprechen wie einst Kennedy. Auch ganz trübe Plätze wurden ihm vorgeschlagen: Alexanderplatz etwa oder die Waldbühne, ein feuchter Fleck am Rande der Stadt, wo Fans auf Popkonzerten jubeln können, ohne zu stören.

          Der laute Zank um das Tor übertönte aber den unerhörten Versuch rot-roter Bezirksamtswächter, ein feierliches Gelöbnis der Bundeswehr vor dem Reichstag zu verbieten. Der Vorwurf, hier würden Kleingeister sich Kompetenzen anmaßen, kann nun stets leicht pariert werden.

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