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John McCain : Der große Dramatiker

  • -Aktualisiert am

Will den Retter spielen: John McCain Bild: AFP

Seinen Coup mit Sarah Palin hat John McCain noch übertroffen. Er will das erste Fernsehduell mit Barack Obama, das seit Wochen ausgehandelt war, verschieben. Doch das Drama, das McCain inszeniert, entpuppt sich als Farce.

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          Zuerst wollte er als Maverick, als Mann, der nur auf sich selbst hört, die Wählerschaft betören. Das ging nur so weit gut, wie es bei einem Politiker gutgehen kann, der zum Urgestein Washingtons gehört. Dann versuchte er sich als Draufgänger, der kein Risiko scheut, zu profilieren. Das war umso prächtiger ausgedacht, als er damit auch manche Kritik an seinem Alter zu entkräften trachtete. Mit zweiundsiebzig, schien er zu sagen, kann ich immer noch so tolldreist sein wie ein Zweiundzwanzigjähriger und, wenn es mir Spaß macht und es die Nation in Atem hält, auch eine Weggefährtin an meine Seite holen, die erst zu laufen anfängt.

          Jetzt hat John McCain diesen Coup noch übertroffen. Er will das erste Fernsehduell mit Barack Obama, das seit Wochen ausgehandelt war, verschieben. Damit empfiehlt er sich nach dem ersten aufregenden Akt, der mit der Kür von Sarah Palin zur Vizepräsidentschaftskandidatin endete, ein für alle Mal als Dramatiker. Nun ist es zwar wahrscheinlich, dass sich dieses Drama die Altdramatiker ausgedacht haben, die schon für George W. Bush das Wahlkampfszenario entwarfen und nun auch bei McCain wieder aus dem Vollen schöpfen dürfen. Der Kandidat aber wird seine Zustimmung zur wahlkampfgerechten, je nach aktuellem Bedarf zu vollziehenden Imagekorrektur gegeben haben.

          Plötzlicher dramatischer Elan

          McCain will nicht reden, er will Amerika retten – so der Subtext der Entscheidung, lieber nicht nach Mississippi zu fliegen, um dort mit Obama unter den Augen der fernsehenden Nation zu palavern. Er hätte vorschlagen können, nicht, wie geplant, einen Meinungsaustausch über Außenpolitik zu führen, sondern gemeinsam über die Wirtschaftskrise, die er mit Recht historisch nennt, nachzudenken. Aber er will in seinem plötzlichen dramatischen Elan die Debatte verschieben. Weil er in Washington dringend gebraucht werde. Weil sonst seine Kollegen ohne ihn noch mehr Unheil anrichten könnten.

          Wahlkampf trotz Finanzkrise : Obama pocht auf Fernsehduell

          Da rauchen in der Hauptstadt zwar schon die bedeutendsten und hoffentlich auch klügsten Köpfe aus Politik und Wirtschaft, aber offenbar genügt das dem Kandidaten nicht, der vor gar nicht so langer Zeit behauptete, die amerikanische Wirtschaft stehe auf solidem Fundament, danach aber vorschlug, ein Gremium einzuberufen, das die Ursachen der Krise herausfinden sollte. Zumindest von seinen politischen Gegnern nicht vergessen ist auch McCains altes Eingeständnis, mit Wirtschaftsfragen nicht gar so furchtbar viel am Hut zu haben.

          Ein anderer Hut

          Aber mittlerweile trägt der Kandidat einen anderen Hut, und so kann er, nein, muss er sich aus den Niederungen des Wahlkampfs erheben und als Retter nach Washington einschweben. Das Drama verlangt es so, zumal wenn sein Hauptthemenstrang, der sich immer mehr um die Wirtschaft verdichtet, dem Kandidaten die Luft abzuschnüren droht. Seine Umfragewerte fallen, eben weil er sich selbst als ökonomisch nicht gerade sattelfest bezeichnete und einer Partei angehört, die nun einmal den Präsidenten stellt, unter dem das Malheur seinen Lauf nahm. Mag er damit auch Gefahr laufen, sein Publikum mit so viel durchsichtigem Theater für dumm zu verkaufen.

          Nun soll der Nichtamerikaner Winston Churchill zwar gesagt haben, das beste Argument gegen die Demokratie sei ein Fünfminutengespräch mit einem Durchschnittswähler. In Washington fände er mit dieser Meinung wenig Beifall, schon gar nicht auf offener Szene. Auch wer Zweifel an der Intelligenz der Wählerschaft hegt, wird ihr dennoch zutrauen, allzu unverhohlene dramatische Wendungen und strategische Züge als solche zu erkennen. Das Drama entpuppt sich dann leicht als Farce, und wenn auch Amerikaner im Theater und überhaupt im Leben gerne lachen, ist doch in der Lage, wie sie sich derzeit darbietet, kaum einem im Lande dazu zumute.

          Obama muss nur warten

          Barack Obama kann also nach Mississippi reisen und dort in aller Ruhe auf seinen Gesprächspartner warten. Sonst braucht er im Grunde nichts zu tun. Die kritischen Stimmen, die McCain mit seinem groben Dramenentwurf hervorgerufen hat, sind laut genug, um überall vernommen zu werden. Und wenn sie noch lauter werden, wird er das Stück absetzen und den Abend gemäß dem alten Spielplan bestreiten müssen. Er kann jedoch nicht mehr erwarten, dass das Publikum ganz vergisst, was er ihm eigentlich zugedacht hatte. In der Debatte, egal, wann sie stattfindet, wird das Drama weiter mitschwingen.

          Es wäre sogar denkbar, dass McCain auch darin mit einer neuen dramatischen Rettungsaktion für Aufsehen sorgt. Denn das ist die Strategie des neuen Wahlkampfdramatikers McCain und seiner Dramaturgen: Aufregung zu verursachen, um keine mühsam ausgearbeiteten Programme vorlegen zu müssen und jede Verbindung zum unpopulären Stückeschreiber im Weißen Haus zu vertuschen.

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