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Immobilienkrise : Zwangsvollstreckung in jedem 171. Fall

  • -Aktualisiert am

Hilfsorganisation statt Eigenheim: Die Immobilienkrise trifft immer mehr Menschen Bild: picture-alliance/ dpa

Ein Recht aufs Eigenheim redeten sich viele Amerikaner ein, die an sich kein Haus bezahlen konnten. Politiker und Banker schlossen die Augen. Jetzt steigt die Fallhöhe und vor allem die Anzahl der Opfer.

          „Ich gehörte zu den üblen Kerlen“, stellt sich Mark Zagroeki vor. Die Beraterin der Bürgerorganisation „Empowering and Strengthing Ohio's People“ (Esop), die Opfern der Häuserkrise im gebeutelten Bundesstaat Ohio hilft, verzieht keine Miene. „Ich war Banker bei Indymac und habe mit den unabhängigen Hypothekenmaklern über unsere Bedingungen für die Vergabe von Häuserkrediten verhandelt“, fügt der junge Mann in Jeans und Kapuzenpulli hinzu. Das Geschäft lief glänzend. Von 2004 bis zum vergangenen Frühjahr brachte es der 29 Jahre alte Angestellte des einst siebtgrößten Hypothekenfinanzierers auf ein Jahresgehalt von 150.000 bis 250.000 Dollar. „Wir pflegten einen aufwendigen Lebensstil“, erzählt Zagroeki.

          Der Banker, der verheiratet ist und vier Kinder im Alter von zwei bis neun Jahren hat, kaufte ein großes - komplett fremdfinanziertes - Haus, das vor zwei Jahren mehr als eine halbe Million Dollar wert war. In der Garage standen mehrere Autos, und in den Ferien unternahm die Familie teure Urlaubsreisen. Dann geriet Indymac als eine der ersten großen amerikanischen Bankhäuser voriges Jahr in die Krise. „Mein Gehalt wurde innerhalb von fünf Monaten um mehr als 90 Prozent gekürzt“, sagt Zagroeki. Es war der Beginn einer schnellen Talfahrt.

          Ehemaliger Banker nun selbst betroffen

          Mit dem Bankrott von Indymac in diesem Sommer hat Zagroeki sein Vermögen in Form von Aktienanteilen an dem Kreditinstitut verloren. Das Technologieunternehmen, bei dem er zuletzt arbeitete, hat ihm im September gekündigt. Sein großes Haus hat der ehemalige Banker mit erheblichem Verlust verkaufen müssen. Seit acht Monaten hat er die monatlichen Hypothekenraten in Höhe von 3025 Dollar für ein kleineres Haus, in das die Familie dann zog, nicht mehr bezahlen können. Für den 17. November ist die Zwangsversteigerung angesetzt.

          Neue Nachbarn gesucht - in der ganzen Straße

          Nun hofft Zagroeki, mit Hilfe der Organisation Esop einen Aufschub zu erreichen. „Ich brauche 60 Tage Zeit, bis dahin werde ich hoffentlich einen Job als Finanzberater haben und wieder zahlen können“, antwortet er auf die Frage der Beraterin, worüber Esop mit seiner Gläubigerbank GMAC Mortgage verhandeln solle. Zagroeki bemüht sich außerdem um Lebensmittelmarken für seine Familie. „Damit wir nicht so oft die Hilfe unserer Kirchengemeinde in Anspruch nehmen müssen.“ Wenn er mit seinem Schicksal hadern sollte, lässt er sich das nicht anmerken. „Mit Gottes Hilfe werden wir schon wieder auf die Füße kommen.“

          In Florida und Kalifornien ist die Lage am schlimmsten

          Die Fallhöhe, aus der Mark Zagroeki abstürzte, ist zwar die Ausnahme. Aber nicht nur bei Esop, wo man 2007 mehr als 1600 Familien durch Verhandlungen mit den Gläubigerbanken vor dem Verlust ihrer Häuser bewahrte, wird ein neues Opferprofil deutlich. „Seit Ende vorigen Jahres gibt es deutlich mehr Hausbesitzer mit mittlerem Einkommen und einigermaßen solide finanzierten Krediten, die in den Strudel des Desasters geraten sind“, sagt John Synder von „Neighbor Works“, einer schon 1978 vom Kongress geschaffenen Dachorganisation zur Förderung bezahlbaren und sicheren Wohnens, die sich nun auch für Opfer der Häuserkrise einsetzt. „Zu uns kommen Lehrer, Krankenschwestern und Büroangestellte, die wegen der gefallenen Häuserpreise und der Kreditklemme Schwierigkeiten bei der Refinanzierung ihrer Heime haben“, erläutert der Leiter des Programms zur Vermeidung von Zwangsvollstreckungen. Die gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten täten ein Übriges, um den Leuten das Leben schwerzumachen. „Wenn dann noch Arbeitslosigkeit oder ein Krankheitsfall in der Familie dazukommt, fehlt plötzlich das Geld für die Bezahlung der Hypothekenraten.“

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