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Immobilienkrise : Zwangsvollstreckung in jedem 171. Fall

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Nach manchen Berechnungen haben 2,2 Millionen Amerikaner 2007 ihre Häuser wegen Zahlungsschwierigkeiten verloren. Bis Ende 2009 werden nochmals mindestens ebenso viele Zwangsvollstreckungen hinzukommen, errechnete das „Center for Responsible Lending“ (CRL), eine Verbraucherschutzorganisation, die gegen ruinöse Finanzpraktiken kämpft. „Rund 40 Millionen Häuser in den betroffenen Gegenden werden an Wert verlieren; insgesamt wird sich der finanzielle Schaden auf rund 352 Milliarden Dollar summieren“, sagt Chris Kukla, ein Sprecher von CRL.

Düster sind auch die Zahlen des amerikanischen Verbandes der Hypothekenbanken. Danach hat der Anteil der Hypothekenschuldner, die im Zahlungsrückstand sind, nach den jüngsten Angaben für Ende Juni die neue Höchstmarke von 6,4 Prozent erreicht. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede. Am schlimmsten ist die Lage in Florida und Kalifornien, wo die Blase am Häusermarkt besonders groß war. Aber auch in Arizona, Nevada und in Ohio ist die Zahl der Hausbesitzer, denen die Zwangsvollstreckung angekündigt wurde, deutlich höher als im nationalen Durchschnitt. Im Sommer habe durchschnittlich einer von 171 amerikanischen Haushalten die Nachricht der Zwangsvollstreckung erhalten, berichtet das Unternehmen Realtytrac, das im Internet Informationen über Zwangsvollstreckungen anbietet.

Keine Seite ist frei von Verantwortung

Wer in welchem Maße für die Misere verantwortlich ist, darüber wird in der stark ideologisch geführten Debatte erbittert gestritten. Republikaner und Demokraten, Wirtschaftsvertreter und Bürgerorganisationen schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Frei von Verantwortung, sagen Fachleute, ist keine Seite: Politiker beider Parteien, Banken und betroffene Hausbesitzer haben die Augen vor den Risiken verschlossen, die mit der expansiven Verwirklichung des amerikanischen Traums vom Eigenheim einhergingen. „Der legitime Gedanke, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, es zum Hausbesitzer zu bringen, ist zum vermeintlichen Recht auf Hausbesitz verzerrt worden“, kritisiert Robert Strupp, ein Jurist der Bürgerrechtsorganisation Community Law Center in Baltimore.

Paradoxerweise nahm mit dem Boom am Häusermarkt zugleich die Bedeutung von Hauseigentum als Garant für Sicherheit und Stabilität ab. „Traditionell diente der Erwerb eines Eigenheims dazu, dass man sich und seiner Familie ein sicheres Zuhause und einen Platz in der Gesellschaft schuf“, sagt der Immobilienfachmann Nicolas Retsinas, Direktor des Joint Center for Housing Studies an der Harvard-Universität. Das änderte sich, als die Preise für Einfamilienhäuser zwischen 1995 und 2006 um 80 Prozent stiegen. „Millionen amerikanischer Bürger betrachteten ihr Heim nunmehr als Kapitalanlage, die ihnen mit fast hundertprozentiger Sicherheit hohe Gewinne bringen werde. Das war natürlich töricht, weil es nicht ewig so weitergehen konnte“, sagt Retsinas.

Dass der Anteil der Hausbesitzer zwischen 1994 und 2004 von 64 auf nahezu 70 Prozent stieg, hat maßgeblich mit politisch gewollten Veränderungen am Finanzmarkt zu tun, die es Amerikanern mit relativ geringem Einkommen ermöglichten, sich Geld für den Hauskauf zu beschaffen. Massenhaft vergaben die Kreditinstitute an Bürger mit nachgewiesen schlechter Bonität die mittlerweile berüchtigten „subprime mortgages“: Hypotheken mit niedrigen Lockzinsen, die später in die Höhe schnellten.

Viele „tollkühne und unverantwortliche“ Geschäfte

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