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Hillary Clinton : Die Kämpferin, die nicht aufgibt

Bleibt kämpferisch Bild: AFP

Während sich Barack Obama der Ziellinie nähert, steuert Hillary Clinton auf eine Tragödie zu. Sie hat die meisten Vorwahlen in den vergangenen Wochen gewonnen, und ihr Sieg in Kentucky hätte nicht eindrucksvoller sein können. Gewinnen kann sie trotzdem nicht mehr - und kämpft doch bis zur letzten Stimme.

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          Das ist vielleicht die Tragödie der Hillary Clinton, zumindest ist es ein Dilemma: Sie hat die meisten Vorwahlen in den vergangenen Wochen gewonnen, und ihr Sieg über Barack Obama in Kentucky hätte nicht eindrucksvoller ausfallen können. Aber sie kann die Mehrheit der zu wählenden Delegierten nicht mehr gewinnen.

          Der Sieg ihres Rivalen im liberal gesinnten Pazifik-Staat Oregon war erwartet worden; hier gab die Sozialdemographie für ihn genauso den Ausschlag wie umgekehrt diejenige im sogenannten „Grenzstaat“ Kentucky für Frau Clinton. Obama nähert sich der Ziellinie - „der Sieg ist in Reichweite“. Damit rechnen, dass die Senatorin aus New York, die im vergangenen Jahr noch als die unvermeidliche Kandidatin der Demokratischen Partei für die Präsidentenwahl galt, vor den letzen Vorwahlen aufgibt, das allerdings kann er nicht. Warum auch?

          Zurück zur Zivilität

          Frau Clinton wird kämpfen bis zur letzten Stimme, vielleicht darauf hoffend, dass sie die Superdelegierten, die Parteigranden, noch irgendwie auf ihre Seite zieht, dass die Überredungs- und Überzeugungskünste der Clintons doch Wirkung zeigen wird. Vielleicht kämpft sie, die eigentlich weiß, dass sie unter normalen Umständen nicht mehr in die Schlacht ums Weiße Haus ziehen kann, um maximale Verhandlungsmasse. Wird ihr ein Kandidat Obama am Ende doch etwas anbieten? Will sie unter dem Etikett „historisch“ den Kampf bis zum Ende führen als erste Frau, die Millionen Amerikaner gern als erste Präsidentin gesehen hätten?

          Dass möglicherweise noch mehr Amerikaner nicht mehr die Kulturkampf-Jahre der Neunziger reanimiert sehen wollen und ihr persönlich nicht über den Weg trauen, gehört auf der anderen Seite zu dem großen Handicap, mit dem sie von Beginn an fertig werden musste - nur zum Teil ist ihr das gelungen. Und dieser Teil hat mutmaßlich nicht genügt.

          Nach der Bitterkeit der vergangenen Wochen ist es für die Demokraten ein gutes Zeichen, dass beide Bewerber kurz vor Ultimo die Giftpfeile wieder weggesteckt und zu einer bemerkenswerten Zivilität zurückgefunden haben. Wem hätte am Ende die Politik des persönlichen Verunglimpfens und der unschönen Unterstellungen auch genutzt, wenn nicht vor allem dem Republikanischen Kandidaten John McCain?

          Die Kluft ist enorm

          Trotz der vielen negativen Faktoren, welche gegen die abermalige Wahl eines Republikaners sprechen - von der Lage der Wirtschaft über den Irak-Krieg bis zur Unbeliebtheit des Präsidenten Bush - wird das schließlich kein Spaziergang werden. Der Ausgang der Präsidentenwahl wird, so sagen es alle Fachleute voraus, knapp, wen die Demokraten auch immer ins Feld schicken werden. Aber wenn das Land tatsächlich von einer Sehnsucht nach neuer Einheit und der Überwindung einer polarisierenden Politik erfasst sein sollte, dann müssen sie erst einmal die Gräben im eigenen Lager überwinden.

          Die soziale, kulturelle und demographische Kluft ist nämlich enorm, sie war vom Tag der ersten Parteiversammlung an offenbar. Man muss es ernst nehmen, wenn Anhänger Frau Clintons sagen, sie würden im November nicht für einen Kandidaten Obama stimmen - und umgekehrt. Dann wäre eine große Mobilisierungsleistung verpufft.

          Der Sommer ist die Zeit, welche die Demokraten zur inneren Versöhnung nutzen müssen. Aber davor wird gekämpft bis zur letzten Stimme. Das sagt Frau Clinton, und das entspricht schließlich dem demokratischen, partizipatorischen Wesen der amerikanischen Vorwahlen. Und was mag Amerika mehr als den Kämpfer, der nicht aufgibt? Die Kämpferin? Aber am Ende wird es doch der Prophet des Wandels werden - vermutlich.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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