https://www.faz.net/-gpf-we4c

Hillary Clinton : Das doppelte Sansculottchen

Emotional im Wahlkampf Bild: AFP

Hillary „Robespierre“ Clinton und die Wiederkehr des Radikalismus der sechziger Jahre als pragmatischer Apfelkuchen: Eine Anwärterin auf die Präsidentschaftskandidatur ist zu loben.

          4 Min.

          Ob es sie wirklich gibt und Amerika sie nicht einfach geträumt hat, als strenge, zuchtmeisterliche Mutterimago fürs neue Jahrtausend, kompakt verdichtet aus den Tagesresten des erfreulicherweise gleichfalls immer matriarchalischer werdenden Medienalltags: Ganz sicher sollte sich da keiner sein.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Hillary Rodham Clinton ist so ehrgeizig wie Clarice Starling aus „Das Schweigen der Lämmer“, so wild auf wasserdichte Argumente wie Dana Scully aus „Akte X“, von spröder, ein bisschen stierer Herzlichkeit wie Leela aus „Futurama“ und könnte jederzeit die oberste Schlichterin eines Buchclubs spielen, in dem Susan Sarandon, Meryl Streep, Sigourney Weaver und Glenn Close sich um den Primat bei der richtigen Auslegung etwaiger dunkler Stellen im Werk von Isabel Allende prügeln. Nur eine Rolle fehlt noch: Geena Davis als Präsidentin der Vereinigten Staaten in „Welcome, Mrs. President“ (der deutsche Serientitel) beziehungsweise „Commander In Chief“ (wie die Show, erheblich hillarystischer, rodhamoider und clintonesker, im Original heißt).

          Strikt nach Stundenplan

          Wenn sie's wird, muss sie ihren Vorgänger eigentlich abklatschen wie beim Ping-Pong oder beim Profi-Wrestling, vielleicht mit dem Ausruf: „Schorsch, der Kampf geht weiter!“ Denn George W. Bush hat während seiner reichlich ruckeligen Amtszeit die selbstgefälligeren Segmente der Funktioneseliten der Vereinigten Staaten herber inkommodiert und ihre Ideologie vom „Manifest Destiny“ für „God's own country“ gründlicher demoliert als irgendjemand oder irgendetwas seit Richard Milhouse Nixon. Hillary Rodham Clinton wird diesen Leuten und ihrem unzeitgemäßen Humbug, so fürchten deren klügste Parteigänger, wahrscheinlich den Rest geben.

          Griff nach den Sternen
          Griff nach den Sternen : Bild: AP

          Allerdings wird sie dabei ganz anders als Bush zu Werke gehen. Der verfuhr beim Mythenzertrümmern sozusagen nach der Methode Eulenspiegel: Unilaterale Übererfüllung der Mission führte zu deren Blamage. Hillary käme, wenn sie denn Gelegenheit dazu erhielte, von der anderen Seite: Die gründlichste Zersetzung eines Auserwähltheitsglaubens ist stets denen gelungen, die vordergründig an ihn appellieren, während sie in Wahrheit ein bis ins Kleinste ausgetüfteltes, komplett unsentimentales, restlos pragmatisches Programm durchziehen. Am Persischen Golf, im Kaspischen Meer, im Nilbecken, im Südchinesischen Ozean und wo immer der Gang der Geschichte es krachen lassen will, wird es auch unter Hillary Clinton krachen, Dienst ist Dienst und Imperialismus ist Imperialismus. Aber zuhause geht es vom Wahlsieg an, wenn er denn kommt, strikt nach Stundenplan.

          Finstere Bedrohung

          Schon im April 1999, als es um ihre Kandidatur für den Senat ging, schrieb ein verzweifelter Leser an die lustige stockkonservative Zeitschrift „National Review“, man solle „bitte, bitte“ dem scharfsinnigen und rhetorisch hochbegabten Gründer dieses Organs William F. Buckley „schmeicheln, ihn locken und tun, was immer nötig ist, damit er gegen Hillary antritt“. Buckley versuchte, sich mit einem für seine Verhältnisse eher hemdsärmeligen Praktikantinnenwitz aus der Affäre zu ziehen. Aber auf den Abdruck dieser ersten Bitte folgten mehrere weitere, alle im Tenor: Hier geht es nur noch um den nackten, erbarmungslosen Intellekt, wenn Buckley es nicht macht, sind wir geliefert, denn Personal wie Ronald Reagan, Bush Senior und all die andern, denen Buckley so lange den Rücken gestärkt und intellektuelle Munition geliefert hatte, reicht gegen diese finstere Bedrohung nicht mehr aus. Wenn Hillary Clinton Präsidentin wird, schrieb dem Blatt ein ehemaliger Captain der Marine, dann werde er zur Flasche greifen.

          Buckley antwortete mit der Prophezeiung, ein solches unvorstellbares Ereignis müsse nicht nur für den Alkoholverkauf, sondern auch fürs Drogengeschäft, ja für das medizinische Narkosebusiness ein Aufschwungssignal sein. Was da nach Trost verlangte, war nicht die Gesinnung, sondern das Gemüt, die Seele. Seit der Französischen Revolution gibt es den Vorwurf kluger Reaktionäre an die Linke, sie sei wurzellos, kalt, von abstrakten, blutleeren Ideen zwischen Erziehungsdiktatur und Planwirtschaft besessen. Das Klischeebild dazu in der gegenrevolutionären Propaganda hieß damals „calculateur patriotique“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ruth Bader Ginsburg

          Amerikas Supreme Court : Ikone liberaler Rechtsprechung gestorben

          Sie war wohl die bekannteste Richterin der Vereinigten Staaten. Nun ist Ruth Bader Ginsburg gestorben. Präsident Trump bekommt damit die Chance, zum dritten Mal einen Richter für den Supreme Court zu nominieren.
          Volker Wissing, der designierte FDP-Generalsekretär

          Volker Wissing im Interview : „Für die FDP ist es fast immer besser zu regieren“

          Auf dem Bundesparteitag der FDP soll Volker Wissing an diesem Samstag als Generalsekretär wiedergewählt werden. Im Interview attackiert er den Wirtschaftsminister, fordert das Ende der Rettungspolitik und erklärt, warum es richtig sein kann, unter Habeck zu arbeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.