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Die Wahlnacht in Heidelberg : Wie ein „weißer Obama“

Auch in Köln wurde gefeiert: Fernab der amerikanischen Heimat feiern die „Democrats Abroad” Bild: ddp

Die vermutlich spannendste Wahl in der jüngeren amerikanischen Geschichte hat Rüdiger Soldt im Heidelberger „Deutsch-Amerikanischen Institut“ verbracht. Er berichtet über eine elektrisierende „election night“ aus einer Stadt, in der die deutsch-amerikanische Freundschaft bis heute gepflegt wird.

          Die Säulen sind mit blau-rot-weißen Girlanden geschmückt. Ein Student trägt eine Baseballkappe mit der Aufschrift „Obama 08“, ein Mädchen hat sich den klassischen amerikanischen Zylinder mit stars stripes aufgesetzt. Paul Chambers ist Amerikaner, seit einer Woche forscht der Politikwissenschaftler an der Universität Heidelberg.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Den vermutlich spannendsten Wahlabend in der jüngeren amerikanischen Geschichte verbringt er im „Deutsch Amerikanischen Institut“ (DAI) in Heidelberg, das zu einer „election night“ eingeladen hat. „It's the economy stupid“, zitiert er den berühmten Satz James Carvilles aus dem Clinton-Wahlkampf. „Seitdem die Wirtschaft runter geht, wollen sie Obama“, sagt Chambers. Es ist 23 Uhr.

          Die Leinwand zur Übertragung der CNN-Wahlkampfsendung ist noch gar nicht heruntergefahren. Bis es spannend wird, sollen Heidelberger Lokalpolitiker deutsche Korrespondenten in Amerika interviewen. Der Heidelberger Oberbürgermeister Eckart Würzner (parteilos) ist der Einladung gefolgt, der grüne Fritz Kuhn und der Sozialdemokrat Lothar Binding - beide vertreten die Universitätsstadt im Bundestag - haben abgesagt. Angeblich wegen der Finanzkrise. Würzner ist genauso alt wie Obama, und in Heidelberg fühlt er sich wie ein „weißer Obama“. Seit seiner Wahl versucht er, in der Stadt einen optimistischeren Grundton zu verbreiten. Er würde Obama wählen.

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          Gepflegte deutsch-amerikanische Freundschaft

          Würzner geht aufs Podium und hantiert mit zwei Mobiltelefonen gleichzeitig, dann steht die Leitung nach Washington. „Wir haben 1.000 Begeisterte aus der Metropolregion versammelt“, sagt Würzner. „Ich nehme mal an, Obama ist der Favorit“, antwortet der Korrespondent. Die Zuhörer lachen. Bei einer Probeabstimmung im DAI wählen 91 Prozent Obama, sieben Prozent McCain. „Und zwei Prozent für Ralph Nader und Snoopy“, sagt Köllhofer. Der deutsche Blick auf Amerika und die deutschen Erwartungen an einen Präsidentschaftskandidaten sind eben anders - auch in einer amerikafreundlichen Einrichtung. Heidelberg und die Vereinigten Staaten stehen in einem besonders engen Verhältnis: Noch ist das europäische Hauptquartier der amerikanischen Landstreitkräfte in der Universitätsstadt am Neckar beheimatet. Kaum eine andere deutsche Stadt zieht amerikanische Touristen so zahlreich an wie Heidelberg.

          Und dann gibt es noch einige Legenden, die besagen, Heidelberg habe den Bombenkrieg nur deshalb weitgehend unbeschadet überlebt, weil die Amerikaner die Stadt schonen wollten. Nur 13 Gebäude wurden total zerstört, 94 Prozent des Wohnraums blieben unbeschädigt. Zwanzig Kilometer weiter, in Mannheim blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Manche glauben, für die Rücksichtnahem auf die „Stadt der Romantik“ sei der amerikanische Generalmajor William A. Beiderlinden verantwortlich, andere sagen, die Amerikaner hätten die Stadt nicht bombardiert, weil sie dort ihr Hauptquartier einrichten wollten. Historisch belegt sind diese Thesen alle nicht. Sicher ist, Heidelberg pflegt bis heute die deutsch-amerikanische Freundschaft.

          „Er wird es nicht überleben“

          Heide Hatry ist Künstlerin. Sie hat in Heidelberg studiert und viele Jahre ein Antiquariat geführt. Seit sieben Jahren lebt sie in New York. Auch sie ist zum Feiern von Obamas Sieg in das DAI gekommen: „Jeder will Obama, aber er wird es nicht überleben, sie werden ihn töten, dann bekommen wir Biden. Das ist immer noch besser als Sarah Palin.“ Die Umfragen von CNN für Florida fallen zugunsten Obamas aus.

          Als zwanzig Minuten vor drei Uhr zum ersten Mal Obamas Sieg in Pennsylvania bekannt gegeben wird, brandet starker Applaus auf. McCains Sieg in Texas quittiert ein Mann mit exakt zwei Klatschbewegungen. Jakob Köllhofer, der Direktor des DAI, hat für diesen Abend vor allem Schüler eingeladen. Weil der Wahlkampf in Amerika junge Wähler mobilisiert habe, will Köllhofer, dass von Enthusiasmus und dem Interesse der jungen Erwachsenen auch etwas im Herz des alten Europas ankommt. Die Schüler sind mit Bussen aus Ettlingen, Darmstadt oder auch Ludwigshafen gekommen. Die alten 68er sind ohnehin da.

          Es ist vier Uhr, die Studentin Julia Nacimiento, 19 Jahre alt, erstes Semester Jura, will wissen, wann Obama in Chicago endlich vor die Massen tritt. „Die will noch bleiben, die hat Ausdauer“, sagt Kollhöffer. Alles, was die jungen Deutschen an Präsident Bush störte, der Irak-Krieg, die Missachtung der Menschenrechte, der Neokonservativismus, glauben sie von Obama niemals fürchten zu müssen.

          Oberbürgermeister Würzner verabschiedet sich, nachdem Obama in zwei traditionell von den Republikanern gewonnen Staaten gewonnen hat. „Jetzt kann nichts mehr passieren, den Rest höre ich im Radio.“ Im Saal beginnt nun das lange Warten. Irgendwann flimmert die Meldung über den Bildschirm, dass McCains Leute keinen Weg zum Sieg mehr erkennen können. Dann sind wieder die Analysten dran. Auch James Carville spricht. Der Saal hat sich geleert. McKain tritt vor seine Fans. Die Studenten und Schüler verfolgen die Rede recht teilnahmslos.

          Nachdem die Kameras von CNN lange die wartenden Massen in Chicago gezeigt haben, bekommen die Zuschauer in Heidelberg um kurz vor sechs Uhr endlich den 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sehen. Barack Obama spricht. „Der Wandel ist nach Amerika gekommen.“ Das reißt die jetzt noch etwa fünfzig Zuhörer aus ihrer Müdigkeit. Die Studentin Julia Nacimiento sitzt andächtig auf ihrem Stuhl. „Ein so riesiges Land wird jetzt von einem Afroamerikaner vertreten, das finde ich faszinierend. Das ist ein riesiger Fortschritt für die Menschheit, hoffe ich.“

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