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Das Duell der Sekundanten : Keine neue Dynamik für den Wahlkampf

Die Debatte der beiden Kandidaten war zu einem Schlüsselmoment des amerikanischen Wahlkampfs aufgebauscht worden. Nach dem Wortgefecht mit Joseph Biden sind die Zweifel an Sarah Palins Qualifikation geringer geworden - Obamas Vorsprung dürfte sich nicht verringert haben.

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          Die Debatte der beiden Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten war schon zu einem Schlüsselmoment dieses Wahlkampfs aufgebauscht worden. Das war nicht falsch, denn erstens waren das öffentliche Interesse und die allgemeine Spannung zu Recht groß - so groß deshalb, weil auf der Republikanerin Palin eine bohrend-skeptische Neugier lastete; und zweitens deutet sich unter dem Eindruck der Finanzkrise allmählich eine Art Vorentscheidung an: Der Demokrat Obama hat sich in den Umfragen von seinem Konkurrenten McCain abgesetzt, und zwar erstmals deutlich abgesetzt.

          Würde also die Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, zur (Selbst-)Vernichtung des republikanischen „Ticket“ beitragen und die Frage aller Fragen erledigen, ob sie, im Falle des Falles, für das Amt des Präsidenten befähigt sei - nämlich nicht? Oder würde sie, weil sie die Erwartungen haushoch überträfe, ebendiesem Ticket einen solchen Schub verleihen, dass ein Erfolg Anfang November keine fromme Hoffnung wäre? Nach neunzig Minuten einer überaus kontrollierten Debatte fällt das Ergebnis zweideutig aus: Sarah Palin, die Heroin der republikanischen Basis, diejenige, durch deren Nominierung sich John McCain mit ebendieser evangelikalen Basis versöhnt hat, hat sich nicht zum Gespött der Leute gemacht und damit auch keine neue Schatten auf die Urteilsfähigkeit McCains geworfen.

          Keine großen Ausrutscher, keine k.o.-Schläge

          Sie hat ihren einstudierten „Mann“ gestanden und ist vor dem erfahrenen Senator Joe Biden nicht in die Knie gegangen. Sarah Palin hat der republikanischen Kampagne neue Moral injiziert, hat sich als Champion der Mittelschicht dargestellt, viel von Energieunabhängigkeit geredet - oft wirkte es auswendig gelernt - und die populistische Grundstimmung im Lande zu bedienen versucht. Das ist ihr zum Teil gelungen. Und das ist nicht wenig. Reicht aber vermutlich nicht.

          Denn ihr ist es nicht gelungen, wenn das denn ihre Aufgabe gewesen sein sollte, dem Wahlkampf eine neue Dynamik zu geben: den Negativtrend der vergangenen Tage also zu stoppen oder gar umzudrehen. Vielleicht sind die Zweifel an ihrer Qualifikation, an ihren intellektuellen Fähigkeiten geringer geworden - Senator Obamas Vorsprung dürfte sich nicht verringert haben. Denn dafür hätte sich sein Sozius Biden eine entscheidende Blöße geben müssen - was er nicht tat. Dafür versuchte er sein Mienenspiel zu sehr zu kontrollieren. Oder Sarah Palin hätte einen vernichtenden Schlag aus dem Repertoire der volkstümlichen Lebenswirklichkeit landen müssen, den auch die unabhängigen Wähler, die sie bisher nicht erreicht hat, nicht hätten übersehen können. Diesen k.o.-Schlag gab es nicht.

          Unorthodoxer Ritter oder Bush-Klon?

          Ob und wie sehr die Selbststilisierung Frau Palins als Außenseiterin angesichts eines verbreiteten Wählerverdrusses gegen „Washington“ und die Regierung Bush dennoch wirkt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Das gehörte vielleicht zu den Kuriositäten dieser Debatte: Die Republikanerin stellt den 72 Jahre alten Senator McCain als Einzelgänger dar, der - als klassischster aller amerikanischen Polittypen - den Kampf gegen Bürokratie und Großfinanz aufnimmt und so das Thema Wandel okkupiert, während ihr demokratischer Debattengegner Biden John McCain als einen Klon Bushs zu denunzieren sucht, ihm jedenfalls den Status des unorthodoxen Ritters für die einfachen Leute aberkennt. Dass er es dabei mit Zahlen übertrieb, nahm seinem Angriff einige Kraft.

          Dass Joe Biden sich in der Außenpolitik auskennt, wurde trotz einiger Versprecher klar. Die republikanische Basis dürfte aus der Performanz Sarah Palins neuen Mut geschöpft haben, jedenfalls nicht daran verzweifelt sein. Das Risiko, das der „Spieler“ John McCain mit ihrer Nominierung unzweifelhaft eingegangen ist, hält sich nach wie vor mit dem Enthusiasmus, den Frau Palin im eigenen Lager entfacht hat, die Waage. Und so bewahrheitet sich der alte Satz, dass die Wahl der Vizepräsidenten für die Hauptentscheidung sekundär ist. Und ungeachtet aller Erregung gilt das für die Fernseh-Debatte der beiden Kandidaten erst recht.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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