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Vorwahlen bei den Demokraten : „Zählt unsere Stimmen!“

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Christina Schowe aus Washington, DC. scheint das Unglück schon zu ahnen: Ihre Forderung, jede Stimme zu zählen, wird der Satzungsausschuss der Demokratischen Partei nicht erfüllen Bild: Marie Kopcsik

Der Streit darüber, wie mit den Abstimmungsergebnissen der Vorwahlen in den Bundesstaaten Michigan und Florida umgegangen werden sollte, hat die Demokraten weiter gespalten. Matthias Rüb traf in Washington auf verzweifelte Anhänger Hillary Clintons. Sie beklagen „Stimmen-Diebstahl“ im Duell mit Barack Obama - es gibt Tränen und Bitterkeit.

          Die Frauenbewegung ist pünktlich um sieben Uhr früh zur Stelle. Sie wird zwar erst in den kommenden zwei Stunden zur vollen Stärke anschwellen, und außerdem gehören ihr auch zahlreiche Männer und ein paar Kinder an. Aber es ist doch vor allem eine Frauenbewegung, die sich vor dem Eingang zum Marriott Hotel Wardman Park in Washington lautstark bemerkbar macht.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Sie sind aus allen Himmelsrichtungen gekommen, mit dem Auto, mit Bussen oder mit dem Flugzeug, um mit allerlei Plakaten und wechselnden Sprechchören ihrer Forderung Gehör zu verschaffen. Die lautet: „Zählt unsere Stimmen!“, und zwar alle. Es geht um den Streit, wie mit den Abstimmungsergebnissen der Vorwahlen in den Bundesstaaten Michigan und Florida am 15. und am 29. Januar umgegangen werden soll.

          Traditioneller Auftakt in Iowa und New Hampshire

          Dort, in den Hauptstädten Lansing und Tallahassee, hatten sich die Parlamente mit den Stimmen jeweils beider Parteien sowie der Zustimmung der Gouverneure darauf geeinigt, die Vorwahlen gegen den Willen der nationalen Führung beider Parteien schon im Januar abzuhalten. Hintergrund ist der Generationen alte Streit um Iowa und New Hampshire: Die machen seit Menschengedenken alle vier Jahre den Auftakt zur Vorwahlsaison zu Präsidentenwahlen.

          Christina Schowe aus Washington, DC. scheint das Unglück schon zu ahnen: Ihre Forderung, jede Stimme zu zählen, wird der Satzungsausschuss der Demokratischen Partei nicht erfüllen Bilderstrecke

          Weil die beiden Staaten nur wenig Einwohner haben - gerade einmal knapp drei beziehungsweise 1,3 Millionen in einem Riesenland mit mehr als 300 Millionen Menschen - und alles andere als repräsentativ für das ganze Land sind - es leben fast nur Weiße dort, Schwarze und Latinos sind krass unterrepräsentiert -, drängen andere Staaten seit langem auf einen der vorderen Plätze bei der Kandidatenkür.

          Mit dem Schneeballeffekt zum Sieg?

          Denn oft und oft war es so, dass jene Kandidaten, die in Iowa und/oder New Hampshire vorne lagen und im Scheinwerferlicht der geballten Medienaufmerksamkeit standen, in einer Art Schneeballeffekt zum Sieg im Wettlauf um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten getragen wurden.

          Also entschieden die Demokraten, dass in diesem Jahr South Carolina, wo es viele Schwarze gibt, und Nevada mit seiner wachsenden Bevölkerung von Latinos, auch schon im Januar sollten abstimmen dürfen, während die übrigen 46 Staaten sowie die Territorien wie üblich frühestens am „Superdienstag“, dem 5. Februar ihre Stimme würden zu Gehör bringen dürfen.

          Millionen wertlose Stimmen?

          In Michigan und Florida fragte man sich, warum dürfen Nevada und South Carolina, was wir nicht dürfen? Die Parteizentrale der Republikaner bestrafte die voreiligen Bundesstaaten Michigan und Florida von Beginn an mit dem Entzug der Hälfte der ihnen zustehenden Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag, während die nationale Parteiführung der Demokraten zunächst die Höchststrafe verhängte und alle Delegiertensitze strich.

          Dennoch fanden die umstrittenen Vorwahlen in Michigan und Florida statt, ordnungsgemäß abgehalten, mit Millionen Dollar Wahlkampfausgaben und Rekordwahlbeteiligung, auch wenn die maßgeblichen Kandidaten der Demokraten auf Geheiß der Parteizentrale nicht persönlich zu Wahlkampfauftritten reisten - und Obama in Michigan seinen Namen sogar von den Wahlzetteln streichen ließ.

          Was also tun mit den Stimmen von gut 2,3 Millionen Wählern, die an den Vorwahlen in Michigan und Florida teilgenommen hatten? Einfach hinauswerfen, wie es die Parteiführung ursprünglich gewollt hatte? Oder doch wieder ganz zählen, wie es die Anhänger Hillary Clintons, die in Michigan mit gut 55 Prozent und in Florida mit 50 Prozent der abgegebenen Stimmen Obama deutlich geschlagen hatte, hier und jetzt vor dem Marriott Hotel fordern?

          „,Wir, das Volk'“

          Es ist viel Zorn, viel Erregung, auch noch manche Äußerung der Hoffnung zu hören auf dem schmalen Streifen, auf dem die Demonstranten zusammengedrängt sind: Vorne treibt die Polizei sie von der Straße, auf welcher allmählich die 30 Mitglieder des Satzungsausschusses der Partei eintreffen, die ihm Ballsaal des Marriott Hotels in den kommen Stunden den Streit beilegen sollen; hinten achten die Sicherheitsleute des Hotels darauf, dass die Blumenrabatten, wo die Gärtner gerade Stiefmütterchen-Setzlinge einbringen, nicht beschädigt werden.

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