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Charlotte (North Carolina) : Wo die Krise noch fern ist

Bild: F.A.Z.

Kürzlich wurde Charlotte von einer Agentur zur Bewertung der Wohnqualität als „Ort mit der besten Lebensqualität“ in den Vereinigten Staaten gewählt - gemessen an Jobs, Kriminalitätsrate und Immobilienpreisen. Nach New York ist die Stadt der wichtigste Finanzplatz Amerikas.

          Wahlkampf in Amerika: Anfang November wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten - den Nachfolger von George W. Bush. Der Wahlkampf zwischen dem designierten demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama und dem Kandidaten der Republikaner, John McCain, gewinnt an Schärfe. Wo wird die Wahl entschieden? F.A.Z.-Korrespondent Matthias Rüb reist quer durch das Land und zeichnet ein Stimmungsbild.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Als Kinga und Péter Zay vor 16 Jahren aus Ungarn nach Amerika kamen, verschlug es sie nach Charlotte in North Carolina. Wie so viele wollten sie bloß für die Zeit eines befristeten Arbeitsvisums bleiben, danach vielleicht zurück nach Europa oder anderswohin weiterziehen. Es kam, wie es so oft kommt bei befristeten Aufenthalten in den Vereinigten Staaten: Aus dem Arbeitsvisum wurde die Aufenthaltsberechtigung „Green Card“, dann wurden die zwei Töchter geboren und erhielten sogleich die amerikanische Staatsangehörigkeit, längst sind auch die Eltern „naturalisierte“ Amerikaner.

          Vor anderthalb Jahrzehnten galt Charlotte - benannt nach der Fürstin Charlotte von Mecklenburg (1744 bis 1818), die im Jahre vor der Stadtgründung Charlottes den britischen König Georg III. (1738 bis 1820) geehelicht hatte - noch nicht als besonders aufregende Destination: Im Sommer ist es heiß und schwül, im Winter wiederum nicht warm genug, zudem liegt die Stadt abgelegen von den Hauptverkehrsströmen. Doch seit 1990 haben der Bundesstaat North Carolina und die Metropole Charlotte eine erstaunliche Entwicklung genommen. Die Einwohnerzahl des Südstaates wuchs von sechs auf jetzt fast neun Millionen, in Charlotte selbst leben heute fast 650 000 Menschen, im Ballungszentrum um die Stadt knapp 1,6 Millionen - das entspricht ebenfalls einem Bevölkerungszuwachs von etwa 50 Prozent in kaum zwei Jahrzehnten.

          Kürzlich wurde Charlotte von einer Agentur zur Bewertung der Wohnqualität als „Ort mit der besten Lebensqualität“ in den Vereinigten Staaten gewählt - gemessen an Jobs, Kriminalitätsrate und Immobilienpreisen. Angetrieben wird der Strukturwandel von der Möbel-, Textil- und Agrarindustrie zur Dienstleistungsökonomie von den Banken und der Hochtechnologie. Charlotte, der Sitz von Bank of America und Wachovia, ist nach New York der wichtigste Finanzplatz Amerikas. In Technologieparks mit Springbrunnen und Golfplatzatmosphäre im Weichbild der Stadt sind bei Computer-, Pharmazie- und Nanotechnologieunternehmen Zehntausende Jobs entstanden, viel mehr, als in der verarbeitenden Industrie verlorengingen. Zudem hat die Fluglinie US Airways in Charlotte ihren Sitz, in Mooresville nahe Charlotte werkeln 60 Teams an den neuesten Rennwagen für die Nascar-Rennserie.

          Trotz der Banken- und Immobilienkrise sind sogar die Häuserpreise in Charlotte und Umgebung stabil geblieben, allenfalls hat sich der Wertzuwachs um durchschnittlich zehn Prozent jährlich verlangsamt.

          Als Kinga und Péter Zay vor zehn Jahren ihr hübsches Häuschen in einem Grünbezirk in Zentrumsnähe gekauft haben, haben sie 135 000 Dollar bezahlt; heute werden in der Nachbarschaft ähnliche Häuser für 350 000 Dollar verkauft. „Dieser Tage ist in einem der schönsten Wohngebiete ein Haus für eine Million Dollar verkauft worden - binnen 24 Stunden“, erzählt Péter Zay, der als Kleinunternehmer reüssiert hat, während seine Frau Kinga an einer Schule unterrichtet. Freilich sei der Boom auf dem Häusermarkt auch in Charlotte deutlich abgekühlt, man werde von der Krise wohl doch noch erfasst, wenn auch verspätet.

          Auch die Zays erwägen einen Umzug, innerhalb Charlottes versteht sich, in ein anderes Grünviertel, wo die staatliche Mittelschule, welche die ältere Tochter bald besuchen wird, einen ausgezeichneten Ruf hat. Im November werden die Zays wohl Barack Obama wählen; nicht mit so viel Begeisterung wie ihre von dem Kandidaten enthusiasmierten Freunde, aber „Wechsel und Veränderung und neue Ideen“ brauche das Land schon. In der Regel wählt North Carolina bei Wahlen für Ämter in Washington republikanisch, beim Rennen um gewählte Ämter in der Hauptstadt Raleigh hatten zuletzt Demokraten wie der populäre Gouverneur Michael Easley mehr Glück.

          Man muss nicht weit hinausfahren ins Land, um zu erkennen, dass North Carolina ein Südstaat der Gegensätze geblieben ist - politisch, wirtschaftlich, demographisch. Charlottes Skyline mit dem 60 Stockwerke hohen Turm der ,Bank of America' ist noch am Horizont zu erkennen, da findet man sich im Land der Schweinezüchter. Auch darin belegt North Carolina einen zweiten Rang: Nur in Iowa werden noch mehr Schweine gezüchtet, geschlachtet und verarbeitet.

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