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Biloxi (Mississippi) : Das Glücksspiel als Heilsbringer

Bild: F.A.Z.

Vor gut drei Jahren waren die Kasino-Stadt Biloxi und die etwa zehn Kilometer entfernte Hafenstadt Gulfport „Ground Zero“: Nirgendwo sonst traf der Hurrikan Katrina mit solcher Wucht auf die Küste wie hier in Mississippi. So schleppend der Wiederaufbau in Louisiana oder in New Orleans vorankam, so ungestüm ging es hier zu.

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          Anfang November wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten - den Nachfolger von George W. Bush. Der Wahlkampf zwischen dem designierten demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama und dem Kandidaten der Republikaner, John McCain, gewinnt an Schärfe. Wo wird die Wahl entschieden? F.A.Z.-Korrespondent Matthias Rüb reist quer durch das Land und zeichnet ein Stimmungsbild.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Jeanne aus Jackson hat gewonnen: 1600 Dollar. Bei solchen Gewinnen kommen sogleich die Angestellten des Kasinos „Beau Rivage“ und bringen druckfrische Hundert-Dollar-Noten, denn solche Summen können die Spielautomaten nicht in Viertel-Dollar-Münzen ausschütten. Sie wird mit dem Geld nicht weiter ihr Glück an den blinkenden und klingelnden Automaten versuchen, versichert sie, sondern damit ihre Hotelrechnung, ein schönes Dinner und ein paar Andenken bezahlen - und schließlich noch etwas mit nach Hause nehmen.

          Jeanne, eine Verwaltungsangestellte Mitte fünfzig, fährt ein, zwei Mal im Monat die drei Stunden von Jackson, der zumal an Wochenenden doch recht verschlafenen Hauptstadt Mississippis, an die Golfküste, um in Biloxi ein bisschen zu spielen, vielleicht ein Popkonzert zu hören und die Seebrise zu genießen.

          Die Kasino-Stadt Biloxi und die etwa zehn Kilometer entfernte Hafenstadt Gulfport waren am 29. August 2005 „Ground Zero“: Nirgendwo sonst traf der Hurrikan Katrina mit solcher Wucht auf die Küste wie hier in Mississippi.

          Die Sturmböen trieben vor allem eine Springflut von bis zu neun Metern Höhe vor sich her, die mancherorts mehr als zehn Kilometer ins Landesinnere vordrang. Die Schäden durch Katrina beliefen sich auf mehr als 80 Milliarden Dollar, es war die Naturkatastrophe mit den schlimmsten Sachschäden in der amerikanischen Geschichte.

          Knapp drei Jahre später gleichen Biloxi und Gulfport einer Baustelle. Überall stehen Kräne, Baumaschinen und Lastwagen herum. So schleppend im benachbarten Louisiana und zumal in New Orleans der Wiederaufbau vorankam, so ungestüm ging es in Mississippi zu.

          Kaum zwei Wochen nach der Katastrophe beschloss das Parlament in Jackson, die archaische Bestimmung aufzuheben, wonach Kasinos in Mississippi nur auf riesigen Flößen auf dem Wasser betrieben werden dürfen. Die schwimmenden Kasinos waren von dem Hurrikan aus ihren Verankerungen gerissen und über Häuser, Tankstellen und Geschäfte hinweg irgendwo aufs Land geschleudert worden.

          Nach neuer Gesetzeslage darf immerhin bis zu 240 Meter von der Küstenlinie entfernt in jetzt hurrikansicher gebauten Kasinos an Land Glücksspiel betrieben werden. Der Rest des gottesgläubigen „Bibelgürtel“-Staates, wo evangelikale Christen bei den Präsidentenwahlen 2004 knapp die Hälfte der Wähler ausmachten (und diese zu 88 Prozent für George W. Bush stimmten), bleibt vom offenbar ebenso sündhaften wie einträglichen Spiel um den schnöden Mammon verschont.

          Elf der ehedem 13 Kasinos sind längst wiedereröffnet, in den kommenden Jahren sollen weitere acht Kasinos gebaut werden. Mehr als eine Milliarde Dollar werden in Biloxi jährlich verspielt - nur in Las Vegas in Nevada und in Atlantic City in New Jersey sind es noch mehr. Die Steuereinnahmen für die Stadt und den Bundesstaat sprudeln. Zwar bleibt Mississippi, neben Louisiana mit einem Armutsanteil von jeweils fast einem Fünftel der Bevölkerung, unter den 50 Bundesstaaten ein Armenhaus. Von dieser Armut, der Erblast der Sklaverei und der Rassentrennung, sind vor allem die Schwarzen betroffen, die 37 Prozent der Bevölkerung stellen - so viel wie in keinem anderen Bundesstaat.

          Aber vom Wiederaufbau und vom Bauboom im Süden her erwachsen Möglichkeiten für ganz Mississippi. Schon bis Juni 2006 verzeichnete Mississippi einen Zuwachs an 30 000 Arbeitsplätzen im Vergleich zum Vorjahr - trotz der Hurrikane Katrina und Rita. Zum Glücksspiel in Biloxi und zum Hafen in Gulfport kommen milliardenschwere Investitionen des Rüstungsunternehmens Northrop Grumman sowie des Ölkonzerns Chevron für eine neue Raffinerie in Pascagoula.

          Überall an der Küste werden Häuser und zumal Appartements gebaut. Immobilieninvestoren haben Biloxi zur Stadt mit dem besten Wertzuwachs für Wohn- und Geschäftsimmobilien im ganzen Land gekürt. Weitere 30 000 neue Jobs sollen bis 2010 allein in den Kasinos entstehen, weitere 15 000 Arbeitsplätze als „Zulieferer“ für das Glücksspiel- und Gastgewerbe. Schon wird in Biloxi geklagt, es sei zu viel des Guten: „Wir wollen eine Stadt mit Kasinos sein, keine Kasino-Stadt“, sagt Stadtrat-Sprecher Vincent Creel.

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