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An der Seite des Präsidenten : Die First Lady des Stils

Bei der National Convention der Demokraten trug Michelle Obama ein gemustertes Etuikleid des New Yorker Designers Thakoon Panichgul Bild: AFP

Michelle Obama ist ein Modevorbild wie keine andere Frau seit Jacqueline Kennedy. Sie überrascht bei fast jedem Auftritt mit Kleidern, die nicht von großen Modemarken stammen, sondern von ausgewählten kleinen und sogar von ausgemachten Billig-Labels.

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          Thakoon Panichgul hatte es sich am Abend des 28. August bequem gemacht, um mal schnell am Fernseher in den Nominierungsparteitag der Demokraten in Denver zu schalten. Als die Frau des Kandidaten, Michelle Obama, auf die Bühne trat, glaubte der New Yorker Modemacher seinen Augen nicht zu trauen: Das war ja sein Kleid! Der Designer, der aus Thailand stammt und in Nebraska aufwuchs, rief angesichts der einschneidenden Erfahrung gleich seine Mutter an.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Bisher war Thakoon, der seine kleine New Yorker Marke nach seinem Vornamen benannt hat, kaum bekannt – obwohl er seit Beginn des Jahres auch die italienische Freizeitmarke Hogan modernisiert. Michelle Obama, die bei einem Bummel im Designermodekaufhaus Ikram in Chicago zu dem Radzimir-Kleid im Kimonoschnitt mit verwirbelten rot-schwarzen Blumendrucken aus der Vorkollektion fürs kommende Frühjahr griff, hat das gründlich geändert. Mutter Panichgul, eine pensionierte Näherin, berichtet nicht ohne Stolz, dass sie seither sogar auf den Straßen ihrer modefernen Heimatstadt Omaha auf ihren Sohn angesprochen wird.

          Und damit ist Thakoon Panichgul, der bisher erst sieben Mitarbeiter beschäftigt und nur einstellige Millionenumsätze verbucht, nicht allein. Denn die Frau des frisch zum amerikanischen Präsidenten gewählten Barack Obama überrascht das Publikum und auch die Modewelt bei fast jedem Auftritt mit Kleidern, die nicht von großen Modemarken stammen, sondern von ausgewählten kleinen und sogar von ausgemachten Billig-Labels.

          Am Wahlabend wieder im Kleid eines New Yorker Designers: Narciso Rodriguez. Kollektion Frühjahr 2009! Schnitttechnisch raffiniert mit Querband, die Schultern mit Cardigan verhüllt
          Am Wahlabend wieder im Kleid eines New Yorker Designers: Narciso Rodriguez. Kollektion Frühjahr 2009! Schnitttechnisch raffiniert mit Querband, die Schultern mit Cardigan verhüllt : Bild: AFP

          Das Gespür für den richtigen Augenblick

          Immer wieder zeigt sie verblüffende Kennerschaft und beherzten Stil. Sei es in einem weiteren auffälligen Blumenkleid von Thakoon bei der ersten Debatte der Kandidaten an der University of Mississippi, sei es im 90-Dollar-Cardigan zu 100-Dollar-Bluse und 148-Dollar-Rock von „J. Crew“ bei Talkmaster Jay Leno, sei es in einem Kleid mit schwarz-weißem Blattmuster in der Fernsehsendung „The View“ im Juni, mit dem sie auch ethnische und soziale Kommentare abgab: Das Shiftkleid stammt vom Modekaufhaus „White House Black Market“ und vereint den Schwarz-Weiß-Gegensatz spielerisch. Und es kostet nur 148 Dollar, weshalb auch die Frau von Joe, dem Klempner, zugriff: Mehr als 3000 Nachbestellungen im Sommer zeigen die Bereitschaft der Amerikanerin, ihrer neuen First Lady auch in Stilfragen zu folgen.

          Endlich inszeniert sich eine Politikergattin wieder auf faszinierende Art. Hillary Clinton konnte im Hosenanzug als Businessfrau, aber nicht als Präsidentin durchgehen. Cindy McCain durfte mit ihrer hausbackenen Alte-Damen-Mode einfach nicht ins Weiße Haus einziehen – da halfen nicht einmal Diamantohrringe im Wert von 280.000 Dollar. Michelle Obama ist die erste Präsidentengattin seit Jacqueline Kennedy, die mit einem unglaublichen Gespür für den richtigen Augenblick und einem ausgeprägten Sinn für Überraschungen modische Aussagen wagt. Ihr geht es nicht um die Anpassung an einen vermeintlichen Präsidentengattinnen-Stil, wie ihn Nancy Reagan, Barbara Bush, Hillary Clinton und Laura Bush mit ihren ewigen Bill-Blass- und Oscar-de-la-Renta-Einheitskleidern vorgelebt haben.

          Eine seltene Gabe

          Und ihr geht es auch nicht um den zweifellos geschmackvollen, aber eben auch etwas angestrengten französischen Stil, den Bernadette Chirac würdig in Chanel bestritt und Carla Bruni-Sarkozy elegant in Dior personifiziert. Nein, Michelle Obamas Kleider haben deshalb Klasse, weil sie so unabhängig ist, nicht auf bewährte Marken und Muster zurückgreifen zu müssen, weil sie so kreativ ist, auch Teile von Gap oder H&M gut an ihrem Körper unterzubringen, und weil sie so intelligent ist, dem Anlass Glanz zu geben, ohne aufgedonnert zu wirken. Schon das ist in Washington wahrlich eine seltene Gabe.

          Angeblich hat Michelle Obama bis heute Oscar de la Renta noch gar nicht kennen gelernt. Das ist nun wirklich das Ende der Ära Reagan. Nancy Reagan hatte „Oscar“ damals für sich ausersehen. Das war sicher eine gute Wahl, denn kaum jemand kennt die gehobene Gesellschaft der Ostküste besser als dieser Mann, der schon Jacqueline Kennedy einkleidete und dessen zweite Frau Annette zuletzt Vormund der im vergangenen Jahr im Alter von 105 Jahren gestorbenen legendären New Yorker Gesellschaftsdame Brooke Astor war. Aber schon diese beiden Namen zeigen, dass Oscar de la Renta, inzwischen 76, mit seinen Kundinnen alt geworden ist. Bei allem Niveau fehlen dem Altmeister dann doch die entlegenen und verwegenen Ideen junger Modemacher.

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