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Amerikanischer Wahlkampf : Danke für die Frage, du Depp

Facebook ist eines der Social Networks Bild: dpa

Präsidentschaftswahlkampf per Facebook: Barack Obama steht in der Gunst der Nutzer, während John McCain all seine Hoffnung auf eine Invasion rosaroter Schweinchen setzt, die mit einem Veto abzufeuern sind.

          Politiker haben keine Freunde. Facebook, die Website, auf der auch sie sich längst in soziale Netzwerke einweben, billigt ihnen statt Freunden lediglich Befürworter zu. Diese aber verwandeln sich, haben sie erst einmal ihren Befürworterstatus erreicht, in Unterstützer und schließlich in Fans. Was ganz automatisch vor sich geht, nach einem ersten Mausklick.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Ich bin jetzt Fan von Barack Obama, wie 2.215.848 andere Nutzer auch. Bis ich nachgelesen und mir angesehen habe, was diese Fans so alles auf Obamas Pinnwand und ihren eigenen Profilseiten in Form von Notizen, Fotos und Videos hinterlassen, werden es garantiert noch viel mehr und der aktuelle Wahlkampf und der nächste und übernächste schon vorbei sein.

          The Fugees und Martin Luther King

          Ich will mich darum nicht verzetteln und zunächst nur in Erfahrung bringen, was Obama mitzuteilen hat. Seine Profilseite ist ja nur eine unter hundertzehn Millionen, und von ihnen unterscheidet sie sich grundsätzlich nicht. Dass er männlichen Geschlechts und verheiratet ist, nämlich mit Michelle, sowie seine religiösen Ansichten als christlich bezeichnet, ist keine Neuigkeit. Ich weiß sogar, dass er zwei Kinder hat, auch wenn er sie in Facebook nicht erwähnt. Oder vielleicht doch. Denn unter seinen Interessen verzeichnet er Basketball, Schreiben und „m. Kindern herumhängen“. Seine Lieblingsmusiker heißen Miles Davis, John Coltrane, Bob Dylan, Stevie Wonder, Johann Sebastian Bach, von dem er besonders die Cello-Suiten schätzt, und The Fugees. Letztere haben, obwohl Obama sie gleich nach Bach aufführt, mit Hip-Hop mehr zu tun als mit Fugen.

          Als seine Lieblingsfilme gibt Obama „Casablanca“, „Der Pate I und II“, „Lawrence von Arabien“ und „Einer flog über das Kuckucksnest“ an. Als seine Lieblingsbücher Toni Morrisons „Song of Salomon“, „Moby Dick“, Shakespeares Tragödien, Taylor Branchs Studie über die Bürgerrechtsbewegung „Parting the Waters“, Marilynne Robinsons kontemplativen Roman „Gilead“, die Bibel, Ralph Waldo Emersons Essay über die Eigenständigkeit und Abraham Lincolns gesammelte Schriften. Als Lieblingsfernsehserie nur „Sportcenter“. Als Lieblingszitat Martin Luther Kings „Der Bogen des moralischen Universums ist lang, aber er neigt sich der Gerechtigkeit entgegen“. Alles in allem keine verblüffende, aber bedachte und breitangelegte Auswahl. Ich bin froh, dass ich ein Fan geworden bin.

          Mehr Abwechslung als jede offizielle Rede

          Etwas enttäuschend sind dagegen seine Lieblingsseiten. Da beschränkt er sich auf Eigenwerbung, von „Frauen für Obama“ über „Latinos für Obama“ bis „Veteranen und Militärfamilien für Obama“. In diesem eigennützigen Sinne geht es wahlzielstrebig weiter. So reiht sich in der „You Tube Box“ zwar ein Videoclip an den anderen, aber wenn sie nicht Ausschnitte aus Obamas Reden zeigen, ermuntern sie zur Mitarbeit im Wahlkampf.

          Auch die Rubriken „Notizen“, „Fotos“, „Gepostete Beiträge“ und „Kurzmeldungen“ sind allein dazu da, Stimmung für den Kandidaten zu machen. Der postet, wie es unter Nutzern heißt, zwischendurch einen Link, ein Video, eine Notiz, eine Nachricht und hängt meist auch noch die Bitte dran, ein paar Dollar zu spenden. Trotzdem fühle ich mich nicht von Obamas Auftritt angesprochen. Und mit seinen Notizenschreibern und Internetvertretern will ich weder chatten noch mailen. In einem öffentlichen, zugleich aber intimen Medium wie dem Internet werfen so viel Delegierungsmethoden gewisse Authentizitätsprobleme auf.

          Gott sei Dank gibt es noch die Pinnwand. Rund eine halbe Million Einträge sind auf ihr zu finden. Alles bloß Hommagen an Obama? Mitnichten. Es geht manchmal heiß her zwischen Fans und jenen, die nur so heißen und sich, wie es scheint, subversiv eingeschlichen haben. Es wäre keine Überraschung, wenn sich hinter einigen besonders kritischen Nutzern Wahlkämpfer der Gegenpartei versteckten. Jedenfalls bietet die Pinnwand viel mehr Abwechslung als jede offizielle Rede und Debatte.

          Jenes Ding namens Computer

          Haben sich deswegen Facebook und andere Websites wie YouTube und MySpace von Geheimwaffen in allseits bekannte und benutzte und am Ende womöglich entscheidende Wahlkampfinstrumente verwandelt? Wer glaubt, darauf eine Antwort liefern zu können, ist ein Spekulant. Junge potentielle Wähler sind im Internet sicher leichter aufzutreiben als anderswo, und schon die beeindruckende, stetig steigende Zahl der Nutzer legt nahe, dass sich da ein engagiertes, interessiertes Publikum zu versammeln pflegt. Aber ob aus Nutzern Wähler werden, die den altmodischen Urnengang absolvieren, ist eine andere Frage.

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