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Amerika und Afghanistan : Verbaler Schlagabtausch am Hindukusch

Amerikanische Soldaten in Ost-Afghanistan Bild: REUTERS

Mit Kritik hat der afghanische Präsident Karzai seine Position gegenüber Amerika abgesteckt. Der Austausch von Unfreundlichkeiten geht weiter. Auch dass sich Washingtons Ton gegenüber Kabul unter Obama ändern könnte, deutet sich bereits an.

          2 Min.

          Mit Kritik und im Ton der Selbstbehauptung hat der afghanische Präsident Hamid Karzai am Tag nach der Amtseinführung Barack Obamas seine Position gegenüber den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten abgesteckt. Der Krieg am Hindukusch, den der neue amerikanische Präsident in Abgrenzung zum Irakkrieg einmal als „den wirklichen“ Krieg apostrophiert hat, müsse „effektiver“ werden, verlangte Karzai am Mittwoch vor dem afghanischen Parlament. Er beklagte nicht nur die hohe Anzahl ziviler Opfer als Folge von Luftangriffen, sondern warf der internationalen Gemeinschaft vor, die Hilfe auf korrupten Wegen zu verteilen und zu wenig gegen den Rauschgifthandel zu unternehmen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Karzais harsche Worte, die von vielen Parlamentariern mit „Allah ist groß!“-Rufen begleitet wurden, werden als Reaktion auf den wachsenden internationalen Druck verstanden, dem sich seine Regierung ausgesetzt sieht. Am Wochenende hatte der Generalsekretär der Nato, Jaap de Hoop Scheffer, in einem erstaunlich undiplomatischen Artikel Karzai kritisiert. Das Problem in Afghanistan sei weniger die Stärke der Taliban als die Schwäche der Regierung, argumentierte der Nato-Politiker in der „Washington Post“.

          „Wir haben genug bezahlt“

          De Hoop Scheffer, den viele Afghanen als Sprachrohr Washingtons betrachten, schrieb weiter: „Wir haben genug bezahlt – an Blut und Geld –, um zu fordern, dass die afghanische Regierung konkretere und energischere Maßnahmen ergreifen muss, um die Korruption auszurotten und die Effizienz zu stärken, selbst wenn dies schwierige politische Entscheidungen bedeutet.“

          Im Bunker oder im Schützengraben? Präsident Hamid Karzai

          Dass sich mit dem Amtswechsel in den Vereinigten Staaten die Tonlage ändern könnte, hatte sich bereits angedeutet, als Obama dem afghanischen Präsidenten im Wahlkampf vorhielt, „im Bunker“ zu verharren, statt bei der Neuorganisation des Landes mitzuhelfen. Für seine Replik wählte Karzai im Dezember die größte Zeitung in Obamas Wahlheimat Chicago. Er befinde sich nicht in einem Bunker, sagte Karzai der „Chicago Tribune“, sondern im Schützengraben – und zwar gemeinsam mit den Alliierten. In diesem werde man immer tiefer versinken, wenn die amerikanisch geführten Koalitionstruppen weiterhin in afghanische Privathäuser eindrängen und „extralegale Hinrichtungen“ vornähmen. Falls dies weitergehe, werde der Krieg gegen den Terrorismus in einer schmachvollen Niederlage enden.

          Der Austausch von Unfreundlichkeiten ging weiter, als die damals noch designierte Außenministerin Hillary Clinton vor dem Senat Afghanistan einen „narco state“ nannte – ein Rauschgiftland. Als „völlig falsch“ wies Karzais Außenminister Dadfar Spanta den Begriff zurück. Der Eindruck, dass das Obama-Team weniger Milde walten lässt als die Regierung Bush, verfestigte sich dann weiter während des Afghanistan-Besuchs von Obamas Vizepräsident Joseph Biden in der vergangenen Woche.

          Ein „Regimewechsel“ in Kabul?

          Was ein Regierungssprecher in Kabul als „offenes, aber herzliches Gespräch“ beschrieb, soll nach Informationen aus Kabul einem verbalen Schlagabtausch geglichen haben. Biden habe Karzais Klagen die Forderung entgegengehalten, endlich mehr gegen die Vetternwirtschaft zu unternehmen und weniger über die Fehler der internationalen Soldaten zu sprechen. Angeblich ließ Obamas Stellvertreter sogar durchblicken, dass sich die Vereinigten Staaten, denen Karzai sein Amt zu verdanken hat, nicht für alle Zeiten an ihre Personalwahl gebunden fühlen müssten.

          Gerüchten zufolge debattieren Kreise in Kabul bereits einen – wenn auch gewaltfreien - „Regimewechsel“. Registriert wurde, dass Biden den Kontakt zu Innenminister Hanif Atmar suchte. Auch in der EU und im Auswärtigen Amt genießt der 41 Jahre alte Politiker hohes Ansehen. Der in Großbritannien ausgebildete Atmar, der seit 2002 allen Kabinetten in verschiedenen Funktionen angehört hat, gilt als effizient und integer. Bislang ist geplant, die afghanische Präsidentenwahl im kommenden Herbst abzuhalten.

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