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Amerika im Wahlkampf : Sarahs Story

  • -Aktualisiert am

Fleißiger Schreiberling Palin: Aus dem amerikanischen Wahlkampf ist ein Geschichtenwettbewerb geworden Bild: AP

Der amerikanische Wahlkampf ist längst zu einem Geschichtenwettbewerb geworden: Beim kommenden Fernsehinterview mit Sarah Palin steht weniger ihr Wissen auf dem Prüfstand als vielmehr die Frage, ob sie ihre Geschichte glaubhaft weitererzählen kann.

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          Heute Abend findet an der Washington University in St. Louis, Missouri, keine Debatte zwischen den beiden Vizepräsidentschaftskandidaten statt. Anstelle des Rededuells wird ein Test durchgeführt. Selbst Joe Bidens Vorliebe, seinen beängstigenden Wortschwall mit Ausrutschern anzureichern, mag nicht ohne Bedeutung sein. Aber die Versuchsperson im Scheinwerferlicht heißt Sarah Palin.

          Nachdem sie mit ihrer fulminant vom Teleprompter abdeklamierten Rede den republikanischen Wahlkonvent in Taumel versetzt hatte, zogen ihre Beschützer um sie einen schalldichten Wall. Wurde sie doch zum Fernsehinterview freigegeben, redete sie sich in die Katastrophe. Amerikas Komiker haben eine neue Lieblingsfigur, deren Aussagen sie nur wörtlich zu wiederholen brauchen. In St. Louis stehen indes nicht Sarah Palins Wissen und Erfahrung auf dem Prüfstand. Am Ende der Veranstaltung kommt es nur darauf an, ob Sarahs Story glaubhaft weitererzählt werden kann.

          Mrs. Palin und Mr. Smith

          Aus dem amerikanischen Wahlkampf ist ein Geschichtenwettbewerb geworden. Persönliche, emotional aufgedonnerte Storys zählen zu den entscheidenden Waffen der Wahlkampfstrategen. Sie versorgen die mediale Matrix mit Nahrung. Um Sarah Palin aber webt sich eine sagenhafte Geschichte. In dem Film „Mr. Smith geht nach Washington“ schickte einst Frank Capra Hollywoods Durchschnittsamerikaner Jimmy Stewart nach Washington. Dort sollte er mit der Entschlossenheit des unverdorbenen Provinzlers kräftig aufräumen.

          Nominiert: Für die Ultrakonservativen hinter McCain ist Sarah Palin unverzichtbar
          Nominiert: Für die Ultrakonservativen hinter McCain ist Sarah Palin unverzichtbar : Bild: picture-alliance/ dpa

          Sarah Palin will die Rolle übernehmen. Mr. Smith müsste sich in der Tat verstecken angesichts ihrer Qualifikationen, die sich ja nicht allein auf jene gepriesenen Tätigkeiten als Hockeymama, Schönheitskönigin, Kleinstadtbürgermeisterin, Elternbeiratsmitglied, Elchjägerin, Abtreibungsgegnerin und wiedergeborene Christin beschränken. Sie verkörpert Stärke, Echtheit und Mumm, wie sie die Legenden von der frontier woman prägen.

          Ganz Amerika wird Triumph oder Niederlage zuschauen

          In ihrer Feier der Durchschnittlichkeit, die sich auf eine unverwüstliche Ader im amerikanischen Urgestein, den Antiintellektualismus, verlassen kann, weckt sie freilich altbekannte, von den Republikanern aufpolierte Ressentiments gegen Eliten und angeblich elitäre Medien. Die als kosmopolitisch verhöhnte Stadt wird gegen die Ursprünglichkeit des Landes ausgespielt. Solche Geschichten mögen inzwischen Märchen sein, aber sie halten ein breites Publikum in Bann. Es sind die Mythen des Landes, die in Sarah Palins Erzählung verwoben werden.

          McCain hat sich Sarah Palin als Weggefährtin ausgesucht, um die widerspenstigen Ultrakonservativen für sich einzunehmen. Nach ihrem Jubel zu urteilen, kann er mit ihren Stimmen rechnen. Der Ausgang der Debatte ist für sie unbedeutend. So wie die religiöse Rechte die Schwangerschaft von Sarah Palins unverheirateter Tochter zum uramerikanischen Normalfall erklärte, so hätte dieser harte Kern der Republikaner keine Hemmungen, jeden Fauxpas als Bonmot zu beklatschen. Für die Ultrakonservativen ist Sarah Palin unverzichtbar, weil sie in ihr die Garantin von Werten sehen, deren Schutz sie McCain noch immer nicht zutrauen.

          Jenseits solcher Hardliner ist Sarah Palins Stern nach ihren wenigen Auftritten ohne Sicherheitsnetz beträchtlich verblasst. Ob er nach diesem Donnerstagabend an Glanz gewinnt, wird von ihren Fortschritten im Schnellkursus in nationaler und internationaler Politik abhängen, dem sie sich zu unterziehen hatte. Die ungeheure Prominenz, der sich die vor einem Monat aus der Bedeutungslosigkeit hervorgezauberte Frau womöglich nicht nur erfreut, ist die größte Gefahr, für sie und für McCain. Ganz Amerika wird dem Triumph oder der Niederlage von Sarah Palin zuschauen. Und dabei John McCain, sein Entscheidungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein fest im Auge behalten.

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