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Machtkampf im AfD-Vorstand : Steine werfen im Glashaus

  • -Aktualisiert am

2013 herrschte noch Harmonie unter den drei AfD-Sprechern (v.l.n.r.): Konrad Adam, Frauke Petry und Bernd Lucke Bild: dpa

Beim Machtkampf im Bundesvorstand der AfD wird viel geheuchelt. Die Gegner von Bernd Lucke werfen ihm Dinge vor, die sie sich selbst vorwerfen könnten.

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          Der Machtkampf im Bundesvorstand der AfD wird auch mit dem Mittel der Heuchelei geführt. Die AfD-Landesvorsitzenden von Brandenburg, Sachsen und Hessen - Alexander Gauland, Frauke Petry und Konrad Adam -, wollen verhindern, dass Bernd Lucke alleiniger Parteivorsitzender wird.

          Momentan hat die Partei im Bundesvorstand ein sogenanntes Drei-Sprecher-Modell. Die Parteivorsitzenden heißen Bernd Lucke, Frauke Petry und Konrad Adam. Gauland amtiert im Bundesvorstand als stellvertretender Vorsitzender. Gauland und Petry aber führen ihre Landesverbände längst in Eigenregie. Ausgerechnet dort, wo es um ihren Einflussbereich ging, hatten sie selbst den alleinigen Vorsitz für sich beansprucht - so wie Lucke.

          Was denn nun: Drei-Sprecher-Modell oder ein Vorsitzender?

          Unter den 16 Landesverbänden wird das Drei-Sprecher-Modell überhaupt nur in Hessen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen praktiziert. Jede Kritik an der Forderung, eine Partei solle nur einen Vorsitzenden haben, müsste sich folglich in gleichem Maße an die übrigen Landesverbände richten, also auch an Sachsen und Brandenburg. 

          Der Versuch der Lucke-Kritiker im Bundesvorstand, die Satzungsdebatte zu einem Streit über die politische Ausrichtung der AfD zu stilisieren, verwundert. Vor wenigen Tagen erst hatte Lucke sich hinter Gauland gestellt, der seit Wochen die Schlagzeilen mit versteherischen Aussagen zu den Pegida-Protesten in Dresden beherrscht. Lucke hatte gesagt, er teile Gaulands Aussagen „vollkommen“. Auch das Treffen von Petry und den Pegida-Organisatoren in der kommenden Woche hatte Lucke gutgeheißen - obschon ihm die Nähe der AfD zu den islamkritischen Protesten weniger behagt als Petry.

          Eher gestärkt als gefesselt

          Dass Gauland, Petry und Adam als Vertreter eines national-konservativen und islamkritischen Flügels unter der Fuchtel eines Wirtschaftsliberalen namens Bernd Lucke stünden, mögen Außenstehende kaum glauben. Im Gegenteil sind es ausgerechnet Gauland und Petry, die durch die erfolgreichen Landtagswahlen an Stärke gewonnen haben. Es ist Adam, der seit seiner Wahl zum hessischen Landesvorsitzenden auch als Bundesvorsitzender an Statur gewonnen hat - eine Wahl, die von Lucke unterstützt wurde. Gefesselt wirken sie nicht, im Gegenteil.

          Dass ausgerechnet Gauland den Vorwurf erhebt, Lucke neige zu Alleingängen, verwundert ebenfalls. Seit er Fraktionsvorsitzender in Brandenburg ist, hatte Gauland selbst mit Alleingängen auf sich aufmerksam gemacht. So hatte Gauland, wie einige Bundesvorstandsmitglieder bemängelten, ohne Absprache die russische Botschaft in Berlin besucht, um mit dem Botschafter einen „konstruktiven Austausch“ zu pflegen. Gleiches könnte man über Adam sagen.

          Vorwurf des Alleingangs hat gewisse Ironie

          Adam wirft Lucke vor, er habe im Alleingang eine Kreisvorsitzendenkonferenz einberufen. Es hat eine gewisse Ironie, dass Adam von seinem Co-Vorsitzenden in Hessen Peter Münch der identische Vorwurf gemacht wird. Adam hatte nämlich, nachdem Luckes Pläne bekannt wurden, selbst eine Kreisvorsitzendenkonferenz in Hessen angedacht, um die dortigen Kreisvorsitzenden vor dem Treffen mit Lucke auf eine gemeinsame Linie einzuschwören. Adam sagt, die Konferenz sei die Idee eines Kreisvorsitzenden gewesen, nicht seine.

          Trotzdem steht die Vermutung im Raum, Adam wollte die hessischen Kreisvorsitzenden für seine Position gewinnen, wie es Lucke auf Bundesebene vorhat. Beides lässt sich als Manipulationsversuch werten - oder als legitimer Meinungskampf.  Nur in einem sind sich die Mitglieder des AfD-Bundesvorstands momentan einig: die Zukunft der Partei droht düster zu werden.

          Die Ängste der zwei Lager

          Die Lucke-Gegner fürchten einen allmächtigen Vorsitzenden, der die übrigen Vorstandsmitglieder zu Vasallen degradiert und mit überheblichen Äußerungen eine Kernklientel der AfD vergrault. Gemeint sind jene Menschen, die an Dinge glauben, die aus ihrer Sicht nur deshalb als Verschwörungstheorien verunglimpft werden, weil auch die Medien von fremden Mächten kontrolliert werden. Ihnen steht Lucke reserviert gegenüber, was er den Mitgliedern im November per E-Mail mitteilen wollte, bis die übrigen Bundesvorstandsmitglieder dies verhinderten.

          Lucke wiederum fürchtet, die Partei könnte von Querelen zerstört werden, die von auf Konkurrenz angelegten Ämter und Strukturen begünstigt werden. Die gegenwärtige Selbstbeschäftigung der AfD könnte als Beleg für diese These gelten. Weil die Vertreter beider Untergangsszenarien noch viele gemeinsame Bundesvorstandssitzungen vor sich haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Seite Recht behalten wird. Die AfD würde - den Prophezeiungen ihrer Führungsmitglieder folgend - entweder auf die eine, oder auf die andere Art scheitern.

          In einer früheren Version hatte es irrtümlich geheißen, das Drei-Sprecher-Modell werde im AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen praktiziert.

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