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: Machen, was notwendig ist

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          BANDA ACEH, 11. Februar. Neben der Landstraße nach Banda Aceh decken Schaufelbagger mit Erde ein Massengrab zu. 5000 Tote, heißt es, liegen hier. Tags zuvor habe ein Lastwagen noch Leichensäcke abgeladen, erzählt der Stabschef des Technischen Hilfswerks, der fast sechs Wochen schon in der größten Elendswüste zubringt, die das Seebeben und die Tsunami-Welle am Indischen Ozean hinterließen. Drei Kilometer weiter entstehen am Flußufer Holzreihenhütten, stabil auf Pfähle gegründet, die Dächer mit frisch blitzendem Wellblech gedeckt - eines von 24 Übergangslagern. Sie sollen die Zeltstädte und die improvisierten Hütten am Straßenrand ersetzen, in denen die Obdachlosen bislang Schutz gefunden haben. Die neuen Behausungen werden nach dem Willen der Hilfsorganisationen als "relocation-center" bezeichnet, um den Ausdruck "camp" oder "Lager" zu vermeiden. In der Übersetzung der deutschen Helferbürokratie werden sie "semi-permanente Einrichtungen" genannt.

          Am Tag, als der deutsche Außenminister nach Banda Aceh kommt, haben der Tod und das Leben dort schon wieder ihren Rahmen gefunden, und doch sind die Arbeitsgrundlagen und die Zukunftsplanungen der vielen Aufbauhelfer noch wenig stabil. Zu jedem Augenschein lassen sich anderslautende oder gegenteilige Berichte einholen. Die Repräsentantin der Caritas am Ort erzählt, sie habe neulich ein Haus betreten, vor dessen Außenwand zwei Frauen die Totenklage sangen, während drinnen der laut laufende Fernseher die Show "Indonesien sucht den Superstar" abspielte.

          Helfer, Zelte, Angebote überall: In einer Kurve stehen drei dunkelblaue Hauszelte der Scientology-Sekte. "Die machen hier Energie-Massagen", sagt die Caritas-Repräsentantin Christina Holzemer. Scientology biete "Trauma-Arbeit" an. Mehr als 60 internationale humanitäre Organisationen haben noch Personal in Banda Aceh oder der Umgebung. "Es gibt einen Helferwettbewerb, auch bei den staatlichen Spenden", stellt der Direktor des regionalen Büros der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau fest. So seien deutsche Ärzte, die in einem Flüchtlingslager eine Impfkampagne beginnen wollten, von Japanern mit dem Satz abgewiesen worden: "Hier impfen wir." Alle bemühen sich aber, solche Konkurrenz durch bessere Koordination zu vermeiden. "Sie können hier jeden Tag von mittags bis nachts in irgendwelchen Meetings sitzen", sagt die Caritas-Repräsentantin. OCHA, das humanitäre Hilfsbüro der Vereinten Nationen, hat einen Wochenfahrplan der Besprechungsrunden zusammengestellt. Täglich mindestens vier Termine sind aufgelistet, mittwochs bis zu sieben.

          Außenminister Fischer wird mittags im Lager des Technischen Hilfswerks von den deutschen Helfern umringt - Bundeswehr, THW, Rotes Kreuz, Caritas, Malteser-Hilfswerk, Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, Welthungerhilfe und andere. Fischer wiederholt den Satz, es sei ihm lieber, "wenn die sich hauen, um helfen zu dürfen, als wenn sie an den Haaren herbeigezogen werden müssen". Alle, die in der Runde das Wort ergreifen, sagen, die Zeit der akuten Nothilfe sei jetzt vorbei, nun müsse der Wiederaufbau gefördert werden. Die Bundeswehr bereitet ihren Abzug vor. Mitte März, heißt es unbestimmt, sollen das Feldlazarett im Hauptkrankenhaus und das Versorgungsschiff vor der Küste abgezogen werden; die Ausbildung der Ärzte für jene Krankenstationen, die die Bundeswehrsanitäter wieder eingerichtet haben, bleibt den Maltesern überlassen. Sie wollen dem einheimischen Personal (die Hälfte der Krankenhausbelegschaft ist tot, von den Patienten, die in den ebenerdigen Krankenzimmern lagen, überlebte keiner) eine Halbjahresschulung anbieten "für die vielen neuen Geräte, die jetzt herkommen".

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