https://www.faz.net/-gpf-a0gv4

Maas in Polen : In seltener Einmütigkeit

Seit’ an Seit’: Außenminister Heiko Maas und sein polnische Amtskollege Jacek Czaputowicz (rechts) am Dienstag in Warschau Bild: EPA

Heiko Maas und seine Amtskollege Jacek Czaputowicz wollen gemeinsam auf die Suche nach deutsch-polnischen Helden gehen. Trumps angekündigter Truppenabzug gerät bei ihrem Treffen zur Randnotiz.

          3 Min.

          In der Endphase eines heftig geführten polnischen Wahlkampfs gab es eine kleine Überraschung: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und sein polnischer Kollege Jacek Czaputowicz sprachen zukunftsweisend und einmütig wie selten darüber, wie beide Länder mit ihren von der Geschichte belasteten Beziehungen künftig umgehen wollen. Der frühere Bürgerrechtler Czaputowicz begrüßte Maas am Dienstag als den ersten Außenminister, der in der Zeit der Pandemie zu Besuch nach Warschau gekommen sei. Das dokumentiere „die Bedeutung, die wir unseren Beziehungen zumessen“. Am 28. Juni wird in Polen ein neuer Staatspräsident gewählt, drei Tage später übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Mit dem Leiter der Gedenkstätte Auschwitz, Piotr Cywiński, unterzeichnete Maas eine Vereinbarung, wonach Deutschland, je zur Hälfte der Bund und die Länder, insgesamt noch einmal etwa 60 Millionen Euro zum Kapitalstock der Stiftung Auschwitz-Birkenau beisteuern. Die Mittel dienen der Erhaltung der weiträumigen Anlagen des einst von Deutschen im besetzten Polen errichteten Vernichtungslagers. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Zustiftung im vorigen Jahr angekündigt. Nach der Unterzeichnung überraschte Cywiński die Anwesenden mit einer Idee: Die Nachbarschaft beider Länder sei heute derart, dass man „gemeinsame Helden, nicht deutsche oder polnische, sondern gemeinsame Helden suchen und sie ehren“ könne. Auch in finsterster Zeit habe es sie gegeben. Cywiński schlug einen ersten dieser Helden vor: den deutschen Häftling Otto Küsel, der als verurteilter Dieb 1940 mit dem ersten Transport nach Auschwitz kam und dort die Häftlingsnummer 2 erhielt. Als späterer „Funktionshäftling“ habe er die Arbeit zugeteilt, geschwächte Häftlinge geschont und Fluchtwilligen geholfen. „Ohne ihn wäre die Entfaltung der Widerstandsbewegung im Lager Auschwitz nicht möglich gewesen“, sagte Cywiński. Polnische politische Häftlinge hätten ihn als ihren „Erlöser“ bezeichnet; Überlebende hätten 1946 in Polen vorgeschlagen, Küsel die Ehrenbürgerwürde zu verleihen.

          Maas zeigte sich beeindruckt: „Ich nehme das gerne auf, gemeinsam nach deutsch-polnischen Helden zu suchen.“ Die Frage, „wie hätte ich mich selbst in der Zeit des Nationalsozialismus verhalten“, habe ihn „mein ganzes Leben lang beschäftigt“, und er sei später „wegen Auschwitz in die Politik gegangen“. Wer heute nicht den Mund aufmache „gegen Rassismus, Extremismus, Antisemitismus“, der sei, wenn er damals gelebt hätte, wohl eher zu einem Mitläufer geworden als zu einem Helden.

          Beide Minister begrüßten auch die Pläne, in Berlin einen Gedenkort für die Opfer der deutschen Besatzung Polens einzurichten. „Wir nehmen das als ein gutes Zeichen der Absicht, an die sechs Millionen Polen zu erinnern, die während des Zweiten Weltkriegs ums Leben gekommen sind.“ Polen sei bereit, an der Konzeption mitzuwirken und sie zu kommentieren. Die Berliner Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden in Europa“ und das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt hatten sich vorige Woche mit einem entsprechenden Vorschlag an den Bundestag und die Regierung gewandt. An einem zentralen Ort in der Mitte Berlins solle ein „Platz des 1. September“ mit einem Denkmal an den deutschen Überfall von 1939 erinnern. Dieses Denkmal solle auch der zentrale Gedenkort für die Opfer in allen deutsch besetzten Ländern und Gebieten sein, so der Vorschlag. Zusätzlich solle ein

          Dokumentationszentrum die „Gewalterfahrungen der unterschiedlichen Gesellschaften und Opfergruppen“ verständlich machen. Maas sagte, ein Gedenkort für die Opfer des Kriegs und der Besatzung in Polen sei längst überfällig.

          Bei der Frage, ob abziehende amerikanische Truppen aus Deutschland womöglich auch nach Polen verlegt werden könnten, bemüht sich Warschau, daraus kein deutsch-polnisches Thema zu machen. Maas erinnerte in Polen daran, die amerikanische Präsenz in Deutschland diene der Sicherheit Deutschlands und Amerikas ebenso wie jener der Nachbarn Deutschlands.  Im Übrigen kenne man keine Details der Pläne von Präsident Donald Trump für den Abzug von fast 10.000 Soldaten aus Deutschland. „Wir haben keine genaueren oder detaillierten Informationen darüber, wann wie wo was umgesetzt werden soll“, sagte Maas in Warschau. „Weder im Außenministerium noch im Pentagon (Verteidigungsministerium) waren Informationen darüber zu erhalten. Insofern warten wir ab, was die amerikanische Seite dort zu tun gedenkt.“ In Polen sind derzeit etwa 5.000 amerikanische Soldaten stationiert, allerdings nicht dauerhaft wie in Deutschland, sondern rotierend. Warschau wäre an einer Aufstockung dieser Truppen interessiert, um die Ostflanke der Nato gegenüber Russland zu stärken.

          Weitere Themen

          Bolsonaro vertraut auf Hydoxychloroquin Video-Seite öffnen

          Coronainfektion : Bolsonaro vertraut auf Hydoxychloroquin

          Der an einer Coronainfektion erkrankte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro schwört bei der Behandlung der Krankheit auf das umstrittene Mittel Hydroxychloroquin. „Es funktioniert offenbar“, sagte Bolsonaro bei der Einnahme einer Tablette in seinem Büro. Es gehe ihm bereits besser.

          Topmeldungen

          Einigung auf Frauenquote : Wird die CDU jetzt weiblicher?

          Nach jahrelangem Ringen will sich die CDU eine Frauenquote geben. Bis 2025 sollen die Vorstandsämter paritätisch besetzt werden. Doch es gibt einige Ausnahmen. Was taugt also die „kleine Quote“?

          Krise der AfD : „Im Grunde haben wir keine Führung“

          Die AfD ist im Tief. Es ist unklar, für was sie thematisch überhaupt noch stehen will. Viele Abgeordnete im Bundestag machen die Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Alexander Gauland dafür verantwortlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.