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Reformationstag : Die Macht des Gewissens

Auftakt zu einem Jahr der Feierlichkeiten: Bildnisse der Reformatoren in Berlin Bild: dpa

Ohne Luther und die Reformation ist Deutschland nicht zu verstehen. Seine politische Kultur ist viel stärker vom Christentum geprägt, als mancher es wahrhaben will.

          Luther entkommt man nicht, nicht nur in diesen Tagen, in denen er den Deutschen in ganz unterschiedlicher Gestalt vorgeführt wird, vom Praeceptor Germaniae über den Antisemiten bis hin zum frühen Wutbürger. Denn ohne Luther und die Reformation ist Deutschland nicht zu verstehen; nicht, was es heute ist, und nicht, wie es dazu wurde.

          Fünfhundert Jahre lang haben die Deutschen mit sich und anderen darum gerungen, welche Schlussfolgerungen aus Luthers Lehre auch für das weltliche Leben und dessen Gestaltung zu ziehen sind. Sie haben dabei Irrwege bis hinein in die größte Katastrophe ihrer Geschichte beschritten, aus dieser aber auch in einzigartiger Weise gelernt. Das Gewissen ist zu einer Macht in der deutschen Politik geworden, und Deutschland zu einer Macht des Gewissens.

          Gauck über die Gnade

          Bundespräsident Gauck hob in seiner Berliner Rede hervor, welche zentrale Rolle in freien Gesellschaften dem mündigen und selbständigen Bürger zukommt, der „im Letzten nur seinem Gewissen gegenüber verantwortlich“ ist. Diese letzte Instanz respektieren sogar Zeitgenossen, denen Gott wenig bis nichts bedeutet.

          Der politische Diskurs in Deutschland ist auch in dieser Hinsicht viel stärker vom Christentum geprägt, als mancher es wahrhaben will. Luther spaltete die Kirche und das Land – und einte die Deutschen doch im Reden, Schreiben und Denken. Im Genom der politischen Kultur dieses Landes steckt natürlich nicht allein Luther mit all seinen Widersprüchen. Doch ist sein Anteil daran so groß, dass man durchaus zehn Jahre lang danach fragen darf, was ein Mönch aus dem 16. Jahrhundert uns noch zu sagen hat.

          Gauck beantwortete das am Beispiel eines für die Reformation zentralen Begriffs, der wohl vielen nicht nur in seiner religiösen Dimension fremd geworden ist, der „Gnade“: Auch wer nicht an die Gnade Gottes glaube, könne und solle gnädig mit sich selbst und anderen umgehen. Das ist in Zeiten, in denen im Internet nicht Nächstenliebe und Friedfertigkeit, sondern Wut und Hass gepredigt werden, keine überflüssige Mahnung. Denn schon für Luthers Lehre galt, dass es nicht allein auf das Wort ankommt, sondern auch auf die Wege seiner Verbreitung, die der Buchdruck revolutionierte. Das Internet eröffnet seinen Nutzern, den menschlichen wie den maschinellen, noch ganz andere Möglichkeiten. Darunter sind, um mit Luther zu sprechen, nicht nur himmlische, sondern auch dämonische.

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