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Luftschlag in Kundus : Langer Bericht, knappe Stellungnahme

Generalinspekteur Schneiderhan: „In operativer Hinsicht militärisch angemessen gehandelt” Bild: dpa

Der Bericht ist mehrere hundert Seiten stark und wird von den Militärs als großes Geheimnis gehütet. Die Nato-Ermittlungen zu dem Luftschlag gegen die entführten Tanklastzüge bei Kundus sind abgeschlossen. Die Bundeswehr sieht sich entlastet.

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          Der Bericht ist mehrere hundert Seiten stark und wird von den Militärs als großes Geheimnis gehütet. Fast zwei Monate ist es her, dass die Afghanistan-Schutztruppe Isaf einen Luftschlag auf zwei Tanklastwagen bei Kundus geführt hat, der von dem deutschen Oberst Klein, dem örtlichen Isaf-Kommandeur, befohlen worden war. Dabei kamen viele Menschen zu Tode, die tief in der Nacht in der Nähe der Tanklaster waren.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Am vergangenen Wochenende war die von der Nato angeordnete Untersuchung endlich fertiggestellt worden. Dann wurde der Bericht in Papierform auf die lange Reise geschickt, bis er pünktlich zum deutschen Ministerwechsel am Mittwochabend in Deutschland eintraf. Es gibt nur sehr wenige Exemplare: neben dem für Berlin eines für den Nato-Oberkommandierenden (Saceur) in Brüssel und eines für den Chef des Nato-Hauptquartiers im niederländischen Brunssum, den deutschen General Ramms, der derzeit in Kabul ist.

          Offensichtlich war die Nato bestrebt, den Deutschen nicht wieder die Deutungshoheit über den Fall zu nehmen. Nach dem Luftschlag vom 4. September hatte der Isaf-Kommandeur, der amerikanische General McChrystal, das Vorgehen heftig kritisiert und einer amerikanischen Zeitung Zugang zu sensiblen Informationen dazu verschafft. Jetzt blieb es dem deutschen Generalinspekteur überlassen, sich als Erster über den Untersuchungsbericht zu äußern.

          Auf den Inhalt ging General Schneiderhan nur allgemein ein. Der Bericht stelle fest, dass die Zahl der Toten nicht mehr feststellbar sei. Er zitierte unterschiedliche Quellen, wonach zwischen 17 und 142 Menschen getötet worden seien, unter ihnen nach einem Bericht lokaler Führer 30 bis 40 „Civilians“. Dabei machte der General eine Unterscheidung: Der Bericht „belegt nicht, dass Unbeteiligte getötet wurden“. Zivilisten, die von den Taliban zur Unterstützung herangezogen wurden oder die für sich Benzin abzapfen wollten, gelten demnach offenbar als Beteiligte.

          Konkrete Pläne für Anschläge

          Schneiderhan skizzierte in einer Stellungnahme, die er im Bendler-Block ablas (Fragen waren nicht zugelassen), die Entwicklung der Sicherheitslage in Kundus. Diese Region bilde den Schwerpunkt der feindlichen Aktivitäten im Norden. Die Stärke der militanten Aufständischen werde auf mehrere hundert Mann geschätzt. Unter ihnen seien „Gelegenheitskämpfer“, die gegen Bezahlung zur Waffe griffen, aber auch gut geschulte ausländische Kämpfer: Usbeken, Araber, Tschetschenen.

          Seit Oberst Klein das PRT Kundus übernommen habe, habe es 87 „sicherheitsrelevante Vorfälle“ gegeben: Anschläge mit improvisierten Bomben, aber zunehmend auch Feuergefechte. Dabei seien 19 afghanische Sicherheitskräfte und acht Isaf-Soldaten gefallen, darunter vier Deutsche. Im Süden Afghanistans seien zuvor dreimal Lastwagen für verheerende Anschläge verwendet worden. Weil bei Kundus zunehmend Angriffstechniken wie im Süden eingesetzt worden seien, habe man auch mit solchen Lastwagenbomben rechnen müssen, zumal es seit Ende Juli auch konkrete Hinweise auf derartige Pläne gegeben habe. Deswegen komme er zu der Beurteilung, dass der Luftangriff „zum damaligen Zeitpunkt“ angemessen gewesen sei.

          Militärisches Ziel erreicht?

          Auf viele Aspekte ging Schneiderhan mithin nicht ein. Da ist die Frage, ob die Isaf-Soldaten auch am Boden die beiden Tanklaster, die in einem Flussbett feststeckten, hätten bekämpfen können. Militärs kommen hier zu dem Urteil, dass das zu einem nächtlichen Chaos geführt hätte: Das Gelände hätte eine Annäherung nur auf zwei Wegen erlaubt, die an Dörfern vorbeigeführt hätten. In der mondhellen Nacht wäre die Annäherung nach diesen Einschätzungen durch Beobachter gemeldet worden. Zudem war ein großer Teil der verfügbaren Kampftruppen in einer anderen Operation gebunden oder wurde als Reserve gebraucht.

          Eine andere Frage ist, ob die Menschen um die Lastwagen durch die beiden amerikanischen Kampfflugzeuge nicht hätten gewarnt werden können. Das wäre allerdings nicht sinnvoll gewesen, wenn die Soldaten in der Einsatzzentrale in Kundus vermutet hätten, dass einige der gefährlichsten Gegner mit diesem Luftschlag ausgeschaltet werden könnten. Auf diese Lesart - und darauf, dass dieses militärische Ziel erreicht worden sein könnte - deutet der Umstand hin, dass seither nur wenige, zudem nicht sehr gut koordinierte Angriffe auf Isaf-Kräfte bei Kundus ausgeführt wurden.

          Schließlich ließ Schneiderhan offen, inwieweit der Kommandeur in Kundus die Einsatzregeln und Meldewege der Isaf missachtet hat. Ohne Rücksprache hätte er, wie es von Seiten der Nato hieß, den Luftschlag nur befehlen können, wenn eigene Kräfte unter Feuer lagen. Tatsächlich gibt es Berichte, wonach zunächst fälschlich Feindkontakt (Troups in contact) gemeldet wurde. Zielte der Schlag darauf, gefährliche Feinde auszuschalten, so wären die Lastzüge ein gewähltes Ziel gewesen - der Befehl hierfür hätte aus dem Nato-Hauptquartier kommen müssen. Der Untersuchungsbericht enthält, wie der General sagte, „eine ganze Reihe von Empfehlungen“, wie Verfahren und Vorschriften zu verbessern seien, einschließlich der Fachausbildung. Wie das Vorgehen Oberst Kleins dort bewertet wird, sagte Schneiderhan nicht. Auch Auslassungen können vielsagend sein.

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