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Love-Parade-Prozess : Die Katastrophe nach der Katastrophe

„Liebe hört niemals auf“ steht an der Gedenkstätte für die Toten der Massenpanik bei der Loveparade. Bild: AP

Der Beschluss, mit dem das Landgericht Duisburg den Love-Parade Prozess Anfang Mai einstellte, ist voller Widersprüchlichkeiten, die vom Kern des Skandals ablenken: Wie war es möglich, dass die Genehmigung für diese Massenveranstaltung erteilt wurde?

          12 Min.

          Ende Juni 2020 tritt die ehemalige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erstmals in dieser Legislaturperiode ans Rednerpult des nordrhein-westfälischen Landtags. Zehn Jahre nach der Love-Parade-Katastrophe will das Parlament fraktionsübergreifend einen Antrag beschließen. Darin versprechen die Abgeordneten nicht nur die Einrichtung eines ergänzenden Hilfsfonds und eines Fonds für Opfer von Gewalttaten und Katastrophen. Überdies erteilen sie der Landesregierung auch den Auftrag, eine Expertenkommission einzusetzen. Sie soll unter anderem Vorschläge erarbeiten, wie komplexe Katastrophenfälle künftig besser und schneller aufgearbeitet werden können. Das ist ein Lichtblick. Denn seit zehn Jahren wird den Betroffenen der Love-Parade-Katastrophe vom 24. Juli 2010 eine umfassende amtliche Aufarbeitung verweigert. Und anders als vom Landgericht Duisburg behauptet, ist die Causa auch nicht durch den Beschluss abschließend aufgeklärt, den die sechste große Strafkammer zur Einstellung des Love-Parade-Strafprozesses am 4. Mai 2020 verfasst hat.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Hannelore Kraft sagt: „Ich war vor zehn Jahren fest davon überzeugt, dass die Fehler ermittelt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Ich habe nicht recht behalten.“ Dass das Landgericht den Love-Parade-Prozess „wegen geringer Schuld“ ohne Urteil einstellte, sei zwar aus rechtsstaatlicher Sicht nachvollziehbar, doch für die Angehörigen der Todesopfer, die vielen Verletzten und Traumatisierten schwer zu ertragen. Weder der mit 44 Seiten ungewöhnlich lange Einstellungsbeschluss des Landgerichts noch der heutige Beschluss des Landtags könnten den Verlust ungeschehen machen. „Es werden Wunden bleiben, auch Enttäuschung, auch Wut.“ Doch wollten die Volksvertreter eine Geste an die Angehörigen und die überlebenden Opfer der Love-Parade richten. Sie komme von Herzen, sagt die SPD-Politikerin und ringt um Fassung: „Wir bitten Sie um Vergebung.“ Es ist ein wichtiges Zeichen, nicht nur im Namen des Parlaments.

          Als bei der Katastrophe am 24. Juli 2010 im Gedränge auf der Zu- und Abgangsrampe des ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs 21 junge Menschen ums Leben kamen und mehr als 600 verletzt wurden, hatte die gerade erst zur Ministerpräsidentin gewählte Sozialdemokratin ihre erste große Bewährungsprobe zu bestehen. Bei der zentralen Trauerfeier in der Duisburger Salvatorkirche hielt sie eine berührende Rede. Den jungen Opfern „aus ganz Deutschland, aus vielen Ländern Europas, ja aus der Welt ... und nicht zuletzt uns selbst sind wir schuldig, das Geschehene und Unfassbare lückenlos aufzuklären. Wie konnte dies geschehen? Wer trägt Schuld, wer ist verantwortlich? Auf diese Fragen müssen wir Antworten finden.“

          Die Love-Parade-Katastrophe wurde nicht aufgearbeitet

          Dass dieses Versprechen bisher nicht eingelöst, dass die Love-Parade-Katastrophe nicht unabhängig aufgearbeitet wurde, ist sowohl dem Landtag als auch der früheren Ministerpräsidentin zuzuschreiben. Einen Sonderermittler setzte Kraft in ihrer Amtszeit nicht ein. Dabei ist es durchaus üblich, dass Landesregierungen sich aktiv um die Aufklärung komplexer Katastrophen bemühen. Nach dem verheerenden Großbrand im Düsseldorfer Flughafen 1996 berief der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) eine Sachverständigenkommission ein, die ihre Analyse mit detaillierten Darlegungen über den zeitlichen Ablauf und die Brandursache nur wenige Monate später vorlegte.

          Für einen Love-Parade-Untersuchungsausschuss gab es im Landtag aus drei Gründen nie eine Mehrheit: Krafts Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte „seiner“ Polizei direkt nach dem Unglück einen Persilschein ausgestellt, obwohl es früh Hinweise gegeben hatte, dass es auch beim Bilden von Polizeiketten vor und auf der Rampe zu Pannen und Fehlern gekommen war, die die Lage im kritischen Zeitraum noch verschärften. Die CDU wiederum hatte kein Interesse daran, die Vorgänge in der Duisburger Verwaltung eingehend zu durchleuchten, weil damals an deren Spitze mit Oberbürgermeister Adolf Sauerland ein Christlicher Demokrat stand. Später hieß es dann sowohl von SPD und Grünen als auch von den beiden Oppositionsparteien CDU und FDP, man wolle den Ermittlungen der Duisburger Staatsanwaltschaft nicht vorgreifen.

          Die aber zogen sich lange hin und standen unter keinem guten Stern. Anfang 2014 stellte die Staatsanwaltschaft Duisburg die Anklageschrift fertig. Schon dieses Dokument war für viele Opfer und Angehörige eine bittere Enttäuschung. Zwar lautete das zentrale Ermittlungsergebnis, die Katastrophe sei wegen haarsträubender Planungs- und Genehmigungsfehler unausweichlich gewesen. Besonders die Zu- und Abgangsrampe sei „deutlich zu eng“ gewesen, was den zuständigen Mitarbeitern im Duisburger Bauamt ebenso klar gewesen sei wie den Mitarbeitern der privaten Veranstalterfirma Lopavent.

          Doch dann war es zu einer fatalen Engführung der weiteren Ermittlungen gekommen. Denn die Staatsanwaltschaft folgerte aus ihren Erkenntnissen unter anderem, dass wegen der Planungsfehler die am Tag der Love Parade handelnden Personen wie den Einsatzleiter der Polizei gar keine Schuld treffen könne. Angeklagt wurden deshalb nur der frühere Duisburger Baudezernent Jürgen D. und fünf Mitarbeiter seines Bauamts sowie vier Angestellte von Lopavent. Nicht zu den Angeklagten zählten dagegen unter anderen Lopavent-Chef Rainer Schaller, Besitzer einer Fitness-Kette, und der damalige Duisburger Ordnungsdezernent Wolfgang R., der sich in der Stadtverwaltung zum bedingungslosen Lopavent-Fürsprecher gemacht und die Kollegen aus der Bauverwaltung unter andauernden Druck gesetzt hatte. Im Sommer 2010, als das Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt war, sollte die Love Parade unbedingt stattfinden.

          Mehr als zwei Jahre lang prüfte das Landgericht Duisburg die Anklage. Im April 2016 entschied es dann, dass es überhaupt keinen Prozess geben soll, weil den Beschuldigten die Vorwürfe mit den vorgelegten Unterlagen nicht bewiesen werden könnten. Opferanwälte und Staatsanwaltschaft legten „sofortige Beschwerde“ ein, der das Oberlandesgericht Düsseldorf dann nach mehr als einem Jahr Prüfung im April 2017 vollumfänglich stattgab. Ende 2017 wurde schließlich die Hauptverhandlung eröffnet. Doch seit Ende 2018 zeichnete sich ab, dass das Mammutverfahren nicht mit einem Urteil enden würde. Zu schwierig war die Beweisführung. Wer war konkret für welchen Fehler verantwortlich? Was genau ist die individuelle Schuld jedes Angeklagten?

          Entschieden trat der Vorsitzende Richter Mario Plein damals Befürchtungen entgegen, das Gericht wolle die Aufklärung mit einem juristischen Deal stoppen. Niemand müsse sich Sorgen machen. „Mir ist es ein riesiges Anliegen, dass die Nebenkläger den maximalen Nutzen aus dem Verfahren ziehen.“ Die Fragen, die dringend zu beantworten seien, würden durch das Verfahren beantwortet. „Wir werden sagen, was die Ursache für die Katastrophe war.“ Als Anfang 2019 zunächst gegen sieben der zehn Angeklagten das Verfahren eingestellt wurde, erneuerte Plein sein Versprechen. Egal wie der Prozess im Jahr 2020 ende, seine Kammer werde auf jeden Fall „eine ausführliche Darstellung“ vorlegen.

          Der Love-Parade-Prozess wurde eingestellt

          Der Einstellungsbeschluss vom 4. Mai 2020 ist allerdings nur in den Passagen überzeugend, in denen die Ereignisse am Unglückstag geschildert werden. Demnach kam es am 24. Juli 2010 zu einer fatalen Ursachenverkettung, weil Ordner und Polizeibeamte die Personenströme unkoordiniert steuerten und „massive Störungen in der Kommunikation notwendige Absprachen teilweise unmöglich machten“. Gleichwohl ist das Gericht überzeugt: Das Unglück hätte noch am 24. Juli verhindert werden können, etwa indem der Zugang zum Festivalgelände rechtzeitig gesperrt worden wäre. Doch nachdem gegen 16.31 Uhr einige Zaunelemente an einer der Vereinzelungsanlagen geöffnet worden waren, bestand keine Möglichkeit mehr, „die tragischen Ereignisse mit koordinierten Steuerungsmaßnahmen abzuwenden“. Zur selben Zeit kippte nach Überzeugung des Gerichts am Fuß der Rampe die Stimmung von einer Lage „mit feier- und kletterfreudigem Publikum“ in eine lebensbedrohliche Situation, „aus der man vermeintlich nur kletternd entkommen konnte“. Durch Wellenbewegungen stürzten immer mehr Besucher übereinander, so dass sie „ineinander verkeilt in mehreren Schichten in einer Art ‚Menschenhaufen‘ übereinanderlagen“.

          Als Richter Plein die 44 Seiten am 4. Mai vorgetragen hatte, wandte er sich direkt an überlebende Opfer und Angehörige, die als Nebenkläger so große Hoffnungen in den Prozess gesetzt hatten. Die Kammer habe stets versprochen, sie werde darlegen, wie es zur Katastrophe kommen konnte. Das habe sie nun geleistet. Nichts sei mehr nebulös. Immer eindringlicher sprach der Richter, erteilte zuletzt gar therapeutische Ratschläge. „Suchen Sie nicht nach anderen Antworten, es wird keine weitere Aufklärung mehr geben. Wichtig ist, dass Sie jetzt die Sache abschließen können.“ Er habe Verständnis dafür, wenn man als Betroffener einer Katastrophe nach dem großen Bösewicht suche. Doch bei diesem Unglück handle es sich um ein multikausales Geschehen. „Wir können Ihnen den Bösewicht nicht anbieten.“

          Wolfgang Seibel, der an der Universität Konstanz den Lehrstuhl für Politik und öffentliche Verwaltung innehat, hält wesentliche Teile des Einstellungsbeschlusses für abwegig. Seibel erforscht seit Jahren Verwaltungsdesaster; 2014 legte er eine Untersuchung zum Versagen der Polizeibehörden von Bund und Ländern bei der Aufklärung der rechtsterroristischen NSU-Morde aus verwaltungswissenschaftlicher Sicht vor. 2017 publizierte er eine eingehende Studie zu den Verwaltungsabläufen bei der Love Parade. „Wer ist denn so naiv anzunehmen, dass es bei komplexen Verfahrensabläufen mit desaströsem Ausgang ‚den großen Bösewicht‘ gibt?“, fragt Seibel. „Und was soll die paternalistische Mahnung an die Betroffenen, es doch jetzt mal gut sein zu lassen?“ Wenn sich der Vorsitzende Richter schon so aus dem Fenster lehne, dann hätte er auch ein paar deutliche Worte zur „absoluten Verantwortungslosigkeit leitender Verwaltungsbeamter der Stadt Duisburg finden müssen“. Die Fehlentscheidungen der Verwaltung hätten die Katastrophe zwar nicht automatisch ausgelöst, seien keine hinreichende, aber zweifellos die notwendige Bedingung für den Tod von 21 Personen und das Schicksal von mehr als 600 Verletzten.

          „Einer breiten Öffentlichkeit ist bis heute nicht zur Kenntnis gebracht worden, wie es überhaupt zur Genehmigung einer Veranstaltung kommen konnte, von der die zuständigen Mitarbeiter der Stadtverwaltung genau wussten und in zahlreichen Aktenvermerken dokumentiert hatten, dass die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen nicht erfüllt werden konnten“, moniert Seibel. „Das alles hat das Landgericht durch die Begründung seines Einstellungsbeschlusses mit dem Hinweis auf ‚Multikausalität‘ in milden Nebel gehüllt, zudem geht die Kammer mit mehreren Schlüsseldokumenten höchst selektiv um.“

          Dabei lässt sich der Weg ins Verderben aus den Akten eigentlich lückenlos nachzeichnen. In der Duisburger Verwaltung war frühzeitig erkannt worden, dass der alte Güterbahnhof für das Technospektakel ungeeignet war. In einem Protokoll eines Gesprächs zwischen Mitarbeitern von Ordnungs- und Bauamt vom 2. März 2010 ist festgehalten, dass „die Durchführung der Veranstaltung auf dem jetzt geplanten Gelände nicht möglich“ sei, da es lediglich höchstens 180 000 Besucher fasse. Selbst wenn weniger Techno-Fans kämen als eigentlich von Lopavent erwartet, seien es also immer noch viel zu viele. „Diese Problematik ist nicht lösbar!“, hielt der Verfasser des verwaltungsinternen Dokumentes fest und fügte dann sogar an: „Auf die möglichen strafrechtlichen Konsequenzen der Mitarbeiter von Genehmigungsbehörden wurde hingewiesen.“ Im Einstellungsbeschluss erwähnt die Kammer das Gespräch vom 2. März zwar in einem Satz, doch den Inhalt des Protokolls lässt sie unter den Tisch fallen. „Das hat objektiv verzerrenden Charakter“, kritisiert Seibel.

          Sicherheitsbedenken der Polizei

          Auch die Duisburger Polizei teilte Anfang 2010 die Sicherheitsbedenken. Doch nach einer kontrovers verlaufenen Beratung am 23. März wurden ihre Vertreter an der Planung zur Erteilung der erforderlichen Veranstaltungsgenehmigung einschließlich des Sicherheitskonzepts nicht mehr direkt beteiligt. Schallers Lopavent wiederum machte entgegen der Absprachen lange keine Anstalten, einen förmlichen Genehmigungsantrag beim zuständigen Bauamt einzureichen. Statt dem Veranstalter zu verdeutlichen, dass die Love Parade abgesagt würde, sollte nicht umgehend ein bewilligungsfähiger Antrag vorliegen, nahm die Duisburger Verwaltung die Hinhaltetaktik Schallers einfach hin.

          Erst am 10. Juni 2010 legte Lopavent einen „Antrag auf Erteilung erforderlicher baurechtlicher Genehmigungen für die Durchführung der Love Parade 2010“ vor. Doch der war völlig ungenügend, weshalb das Bauamt vier Tage später mit einer nicht weniger als fünf Seiten umfassenden Nachforderungsliste antwortete. Die Behörde stellte klipp und klar fest, dass der Lopavent-Antrag nicht den maßgeblichen Vorschriften der nordrhein-westfälischen Sonderbauverordnung entspreche. Ausdrücklich wies das Amt unter anderem darauf hin, dass für die von Lopavent angesetzte Besucherzahl lediglich ein Drittel der vorgeschriebenen Fluchtwege-Gesamtbreite zur Verfügung stehen würde – nämlich rund 150 statt 450 Meter.

          „Allein schon wegen der unzureichenden Fluchtwege hätte die Genehmigung versagt werden müssen“, urteilt Verwaltungsfachmann Seibel. Umso mehr irritiere ihn, dass es im Einstellungsbeschluss des Landgerichts nun verquast heiße, schuldmindernd sei zu berücksichtigen, „dass die Regelungen für Planungen und Durchführungen von Großveranstaltungen nach den bisherigen Erkenntnissen während der Planungs- und Durchführungsphase der Love Parade 2010 in Duisburg lückenhaft gewesen sein dürften“.

          Im Frühjahr und Sommer 2010 war es ausgerechnet Wolfgang R., der Duisburger Ordnungsdezernent, der seine Kollegen im Bauamt massiv unter Druck setzte, sich verwaltungsintern zum energischen Lopavent-Anwalt aufschwang und sich dabei ausdrücklich auch auf den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland berief. Statt seiner Kernaufgabe nachzukommen und auf Rechtmäßigkeit zu pochen, ordnete R. am 18. Juni 2010 an, an die Stelle des von Lopavent zu erbringenden Nachweises, dass die Sicherheitsbestimmungen insbesondere beim Thema Fluchtweg eingehalten werden, solle nun ein von Behörden, Feuerwehr und Veranstalter gemeinsam erarbeitetes Konzept treten.

          Das hieß: Die Verantwortung lag nicht mehr beim eigentlich zuständigen Veranstalter, sondern bei der Genehmigungsbehörde, der Duisburger Bauverwaltung. Die Anordnung des Ordnungsdezernenten hatte nach Einschätzung von Seibel „nur den Zweck, die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen gezielt zu unterlaufen und einen im Gesetz nicht vorgesehenen Verfahrensweg zu nutzen, von dem man annehmen konnte, er werde in jedem Fall zu dem politisch gewünschten Ergebnis führen, nämlich zu einer Genehmigung der Durchführung der Love Parade buchstäblich um jeden Preis“.

          Baudezernent Jürgen D. protestierte zwar mit einem handschriftlichen Vermerk auf dem Dokument gegen das Vorgehen des Ordnungsdezernenten und lehnte „eine Zuständigkeit und Verantwortung“ ab, da das Vorgehen „in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln und einer sachgerechten Projektsteuerung“ entspreche. Darüber hinaus unternahm er nichts und stellte sich auch nicht schützend vor seine Mitarbeiter, wie das seine Pflicht als Vorgesetzter gewesen wäre. Erstaunlicherweise wird dieser entlarvende Vermerk im Einstellungsbeschluss des Landgerichts nicht erwähnt.

          Höchst selektiv geht die Kammer dann wiederum mit einem anderen Schlüsselereignis auf dem Weg ins Verderben vor. Am 15. Juli 2010 fand im Ratssaal der Stadt Duisburg eine Besprechung über den Stand der Vorbereitungen der Love Parade statt, an der unter der Leitung von Ordnungsdezernent Wolfgang R. nicht weniger als 36 Mitarbeiter von Polizei, Feuerwehr, Ordnungs- und Bauamt sowie von Lopavent teilnahmen. Nach kurzen Vorträgen „wurden trotz ausdrücklicher Nachfrage von keinem Vertreter der anwesenden Institutionen Bedenken gegen die Planung der Love Parade geäußert“, heißt es im Einstellungsbeschluss des Landgerichts Duisburg vom 4. Mai 2020 lapidar. Die Kammer zieht das als eines der wesentlichen Argumente heran, weshalb man den Angeklagten keinen Vorwurf mehr machen könne.

          Der eigentlich relevante Sachverhalt ist dem Gericht keine Silbe wert: An jenem 15. Juli 2010 lagen noch immer keine genehmigungsfähigen Unterlagen vor, obwohl sie das Bauamt schon mehr als vier Wochen von Lopavent angefordert hatte. „Es gab also in der Ratssaal-Runde überhaupt keine Grundlage für Fragen, Anregungen und Kritik“, sagt Seibel. Die wiederholt vorgetragene Nachfrage von Sitzungsleiter Wolfgang R. sei nur dazu geeignet gewesen, Scheinlegitimität zu erzeugen, sie habe manipulativen Charakter, da sie von der allein ausschlaggebenden Frage abgelenkt habe, ob die Love Parade überhaupt genehmigungsfähig war. „Hätte Ordnungsdezernent R. verantwortungsbewusst gehandelt, hätte er der Runde das schildern müssen. Die einzig adäquate Ansage wäre gewesen: ‚Liebe Firma Lopavent, es sind jetzt nur noch neun Tage bis zum geplanten Spektakel, die Geduld der Stadt Duisburg ist am Ende!‘“

          Zuvor war schon die Stellungnahme eines Strömungsphysikers eingeholt worden, die allerdings auf die gesetzlichen Genehmigungsvoraussetzungen gar nicht Bezug nahm. Nach dem ausdrücklichen Willen von Ordnungsdezernent R. sollte diese Stellungnahme gleichwohl für die weitere Planung maßgeblich sein – obwohl sie schon wegen zahlreicher Absicherungsklauseln für den eigentlichen Zweck der Genehmigungsentscheidung schlicht unbrauchbar war. „Auch hier ging es um Manipulation, denn dieses Pseudoprüfverfahren diente dazu, die massiven Bedenken der Duisburger Bauverwaltung einzuhegen“, sagt Seibel.

          Trotz noch immer fehlender rechtlicher Grundlage genehmigte das Duisburger Bauamt die Love Parade am 23. Juli 2010, also buchstäblich in letzter Minute. Am Veranstaltungstag verzichtete das Bauamt dann – wie es noch in der Anklageschrift hieß – „pflichtwidrig“ darauf, Mitarbeiter auf das Love-Parade-Gelände zu schicken. Dabei hatte die Behörde bei einer Begehung am 23. Juli festgestellt, dass ihre Sicherheitsauflagen nicht erfüllt und dass vor allem die ja behördenbekannt ohnehin viel zu schmale Zu- und Abgangsrampe durch Hindernisse wie einen Bauzaun noch weiter verengt worden war. An der schmalsten Stelle betrug die Breite nun nur noch elf Meter.

          Das Oberlandesgericht Düsseldorf stellte dazu in seinem Beschluss zur Eröffnung der Hauptverhandlung im April 2017 noch fest, dass die Mitarbeiter der Duisburger Genehmigungsbehörde die Kontrolle ganz bewusst unterlassen hatten, „offenbar weil sie befürchteten, in diesem Fall einen Auflagenverstoß und damit die Unsicherheit der Veranstaltung feststellen zu müssen“. Der Einstellungsbeschluss des Landgerichts erwähnt das planvolle Unterlaufen selbst noch der eigenen Sicherheitsauflagen durch die Duisburger Verwaltung dagegen nun mit keinem Wort.

          „Die Entscheidungen, die zur Genehmigung der Love Parade führten, waren nicht auf Stümperei, Dilettantismus oder sonstiges Unvermögen der Beteiligten zurückzuführen, sondern auf planvolles Kalkül leitender Beamter der Duisburger Stadtverwaltung, die sich über die Bedenken ihrer Mitarbeiter und der Polizei hinwegsetzten und die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen gezielt umgingen“, sagt Seibel. Aus den Akten gehe hervor, dass viele der Beteiligten von den Entscheidungen und ihren Auswirkungen durchweg ein klares Bild gehabt hätten. „Und sie kannten auch die damit verbundenen Risiken für die Besucher der Love Parade.“

          Auch wenn man in der Gesamtschau eine individuelle strafrechtliche Verantwortung ausschließe, ändere das nichts an der institutionellen Verantwortung von Staat und Verwaltung. So begrüßenswert der Love-Parade-Beschluss des Landtags von Ende Juni auch sei, an eine Rekonstruktion der Ereignisse sei aber offenbar nach wie vor nicht gedacht, moniert Seibel: „Der eigentliche Lackmustest steht erst an: ob das Land Nordrhein-Westfalen für eine unabhängige Untersuchung und Dokumentation von Vorgeschichte und Hergang der Love-Parade-Katastrophe und die abgestuften Verantwortlichkeiten sorgt oder ob sich abermals die Kultur der Verantwortungslosigkeit durchsetzt, die die Katastrophe vor zehn Jahren erst möglich gemacht hat.“

          Nordrhein-Westfalen könne sich seinen Nachbarn im Westen zum Vorbild nehmen. In den Niederlanden leiste das „Dutch Safety Board“ nach Katastrophen und behördlichen Fehlleistungen unabhängige Aufklärung. „Es stünde der Landesregierung oder der Stadt Duisburg vollkommen frei, das Safety Board um eine Untersuchung zu bitten. Zumal es sich um eine hochrenommierte ausländische Einrichtung in geographischer Nähe ohne Interessenkollision handelt.“

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