https://www.faz.net/-gpf-70abc

Lob aus der Union : Grüne kritisieren Gaucks Äußerungen zum Islam

Gauck-Kritiker. Cem Özdemir Ende April in Berlin. Bild: dpa

Die Äußerungen des Bundespräsidenten über den Islam in Deutschland stoßen bei den Grünen auf Kritik: Er könne Gaucks Differenzierung nicht nachvollziehen, sagte der Grünen-Vorsitzende Özdemir. Gauck hatte sich von dem Satz seines Vorgängers Wulff distanziert, der Islam gehöre zu Deutschland.

          Dass sich Bundespräsident Joachim Gauck von dem Satz seines Vorgängers Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, distanziert hat, ist bei Politikern der Union auf Zustimmung, bei den Grünen dagegen auf Kritik gestoßen. Funktionäre türkischer und muslimischer Verbände wollten dagegen in Gaucks Worten keine Distanzierung von Wulff erkennen. Gauck hatte in einem Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ gesagt, er teile die Intention seines Amtsvorgängers, doch hätte er selbst stattdessen „einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir äußerte Unverständnis darüber. „Ich kann diese Differenzierung zwischen Islam und gläubigen Muslimen nicht nachvollziehen“, sagte Özdemir den „Ruhr Nachrichten“. „Wenn der Bundespräsident erklärt, dass Muslime, die hier leben, zu Deutschland gehören, dann gehört natürlich auch ihr Islam zu Deutschland.“ Schließlich hätten die Muslime, die seit den sechziger Jahren nach Deutschland eingewandert seien, auch ihre Religion mitgebracht. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, sagte der F.A.Z.: „Vier Millionen Menschen muslimischer Herkunft leben als fester Teil dieser Gesellschaft in Deutschland und selbstverständlich prägt auch ihre Religion dieses Land mit. Ich dachte, wir seien in der Debatte schon einen Schritt weiter.“ An die Adresse Gaucks sagte der Grünen-Politiker: „Ich würde mir vom Bundespräsidenten wünschen, die Debatte über den Islam anhand der tatsächlichen Fragen dieser Zeit zu führen. Denn Rassismus, Integrationshürden für Einwanderer und die Einführung islamischen Religionsunterricht oder die Imamausbildung sind die Aufgaben, die ihrer Bewältigung harren. Debatten, wer und was wie viel Teil von Deutschland ist, bringen uns nicht weiter.“

          Sozialdemokraten hielten sich mit Kritik an Gauck zurück. Der SPD-Politiker Sebastian Edathy mahnte eine „sachliche Debatte“ an: „Ob man freitags in die Moschee, samstags in die Synagoge, sonntags in Kirche geht oder Atheist ist, ist Privatsache. Die Zugehörigkeit zu diesem Land ergibt sich nicht aus einer Religionsmitgliedschaft, sondern aus dem gemeinsamen Teilen der Werte des Grundgesetzes“, sagte er der F.A.Z.. Die stellvertretende SPD-Parteivorsitzende Aydan Özoguz äußerte Verständnis für Joachim Gaucks Äußerung: „Der Satz seines Vorgängers Wulff ist so ausgeschlachtet worden, dass der Bundespräsident den Versuch gestartet hat, eine neue Debatte zu starten“, sagte sie der F.A.Z.

          Der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl lobte dagegen: „Ich halte das, was Herr Gauck gesagt hat, für sehr klug. Nicht der Islam gehört zu Deutschland, sondern die Muslime, die hier auf Dauer leben.“ Es gehe um die Menschen. „Der Islam bleibt für uns eine fremde Religion, dennoch sind die Muslime herzlich willkommen.“

          Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, befand, der Bundespräsident breche gar nicht mit bisherigen Vorstellungen, „sondern führt die begonnene Debatte als kluger Moderator fort“. Die Erregung über die Äußerung Gaucks sei nur hinderlich. Mayzek war zuvor mit der Äußerung zitiert worden, wonach es von fehlendem Geschichtsbewusstsein zeuge zu leugnen, dass das Abendland auch „auf muslimisch-morgenländischen Beinen“ stehe; doch bestritt er, das auf Gauck bezogen zu haben.

          Joachim Gauck spricht auf dem Rückflug aus Tel Aviv mit Journalisten.

          Gauck sagte in dem Interview, nach seiner Vorstellung sei man nicht durch Geburt beheimatet, sondern durch „Bejahung des Ortes und der Normen, die an diesem Ort gelten“. Wer also nach Deutschland gekommen und gerne hier sei, „der gehört zu uns, solange er diese Grundlagen nicht negiert“. Gauck unterstellte Wulff die Intention zu sagen, man möchte sich der Wirklichkeit öffnen, dass in Deutschland viele Muslime leben; diese teile er. Doch distanzierte er sich von der Formulierung „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, mit der Wulff in seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit 2010 den Islam diesbezüglich mit dem Christentum und dem Judentum gleichgestellt hatte.

          Gauck sagte, es seien „Ein-Satz-Formulierungen über Zugehörigkeit immer problematisch, erst recht, wenn es um so heikle Dinge geht wie Religion. Da kann ich diejenigen eben auch verstehen, die fragen: Wo hat denn der Islam dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine Reformation? Dafür habe ich Verständnis, solange das keinen rassistischen Unterton hat. Ich bin hoch gespannt auf den theologischen Diskurs innerhalb eines europäischen Islam.“

          Wie Wulff zu seiner Formulierung gekommen sei, hat im Februar – nach Wulffs Rücktritt – der Journalist Hans-Ulrich Jörges in der Zeitschrift „Stern“ mitgeteilt. Er, Jörges, habe „im Weggehen“ nach einem Staatsbankett zu Ehren des Emirs von Qatar damals dem Pressesprecher von Bundespräsident Wulff, Olaf Glaeseker, von der Anregung eines muslimischen Kollegen erzählt: Er wünsche sich, dass Wulff in seiner Rede zur deutschen Einheit diesen „befreienden“ Satz wage. Per SMS habe der Sprecher ihm später eröffnet, der Satz sei nun in der Rede.

          Weitere Themen

          Conway sorgt für nächsten Eklat Video-Seite öffnen

          Trump-Beraterin : Conway sorgt für nächsten Eklat

          Die Seniorberaterin des Weißen Hauses, Kellyanne Conway, verteidigt den amerikanischen Präsidenten auf denkwürdige Weise. Während einer Pressekonferenz fragt sie einen der Reporter nach seiner ethnischen Herkunft, um Trumps Äußerungen zu verteidigen.

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.