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Linkspartei : Frühling in Mittelerde

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Byzantinisch verzwickte Machtstrukturen

Gysi ist 65 Jahre alt. Dass er, nach fulminantem Wahlkampf, durchsetzen konnte, nicht an der Seite von Wagenknecht die Fraktion zu führen, sondern allein, gilt, nicht nur bei den linksradikalen Protagonisten, die vor den Wahlen eine Doppelspitze Gysi/Wagenknecht gefordert hatten, als das letzte Mal. Wagenknechts Machtansprüche werden weit über ihre linken Truppen hinaus anerkannt. Sie zählt zu den meistgebuchten Talkshow-Gästen und lebt inzwischen in der Sphäre, in der Menschen fürs Berühmtsein berühmt sind. Auch der Wahlkampf hat Gysi und ihr, etwa aus dem achtköpfigen Spitzenteam heraus, keine bundesweit prominente Konkurrenz erwachsen lassen.

Bartsch ist der Inbegriff des Reformers, des Flügels also, der so unideologisch wie möglich eine pragmatische Politik verfolgt, wie sie seine Partei in Ostdeutschland in den vergangenen zwanzig Jahren getrieben hat. Wenn die Linkspartei sich auf Bündnisse mit der SPD vorbereitet, wäre der langjährige Bundesgeschäftsführer, zunächst der PDS, dann der 2007 neu gegründeten Linkspartei, durchaus als wichtiger Akteur vorstellbar. Doch seit Lafontaine und Gysi ihn aus dem Amt vertrieben, erlebt Bartsch eine Niederlage nach der anderen: Er kandidierte 2012 um den Parteivorsitz – und verlor. Katja Kipping trat damals mit einem Konzept eines „Dritten Wegs“ an. Sie wurde Vorsitzende, ihr Ko-Vorsitzender wurde der damals weithin unbekannte Bernd Riexinger. Bartsch wurde, zusammen mit Wagenknecht, Erster Stellvertreter Gysis in der 17. Wahlperiode. Und nun ist er eben, fürs bloße Auge unsichtbar, aber in byzantinisch verzwickten Machtstrukturen wie denen der Linke-Fraktion gewiss schmerzhaft spürbar, zum „Zweiten“ geworden.

Wenn zwei sich streiten

Dass Wagenknecht und Bartsch, die als Vertreter der am weitesten auseinanderstrebenden Strömungen ihrer Partei gelten, nun versuchen, in zwei Jahren als die richtigen Gysi-Nachfolger zu erscheinen, kommentieren manche Abgeordnete als Hoffnungszeichen, dass der Abschied von Gysi dereinst gelingen könne. Andere sehen es als „Beutegemeinschaft“ an und berichten von Plänen, schon jetzt die Arbeit der Pressestelle zu dritteln, damit die Startpositionen schon markiert sind. Wieder andere berichten davon, dass sowohl der Rückhalt für Wagenknecht als auch der für Bartsch sinkt. Beide hätten in den vergangenen Jahren zu wenig parlamentarischen Fleiß und Präsenz gezeigt, heißt es. Das routinierte Bewegen in den komplizierten Machtstrukturen muss nicht die maßgebliche Qualifikation für Führungsaufgaben bleiben. Für die einen heißen die Nachfolger von Gysi Wagenknecht und Stefan Liebich, für die anderen Kipping und Jan van Aken, der bei der Postenverteilung leer ausging, obwohl ihm mehr zugetraut wird. Kipping wird inzwischen für die bessere Machtstrategin als Wagenknecht gehalten.

Die Macht in der Mitte wird, je nachdem, wer über sie spricht, mal „Mittelerde“, mal „Dritter Weg“ genannt. Jedenfalls habe sich eine Gruppe Abgeordneter entschlossen, sich zwischen Linksradikalen und Reformern nicht entscheiden zu müssen, sondern eigene, zunächst vor allem personalpolitische Akzente zu setzen. Fest steht: Neben Petra Sitte fänden sich noch andere, vom fruchtlosen Strömungsstreit vergangener Jahre unbelastete Abgeordnete, die zwar – noch – unbekannt sind, aber doch imstande wären, auch wichtige Posten auszufüllen.

Der „Dritte Weg“ ist seit dem Parteitag in Göttingen 2012, wo Kipping gemeinsam mit Katharina Schwabedissen die Partei aus der Agonie herausführen wollte, dann aber allein – und erfolgreich – zur Wahl antrat, bei vielen in Misskredit. Und ob die Hobbit-Heimat „Mittelerde“ zum politischen Ort auf der Linken werden kann, ist fraglich. Linke-Abgeordnete rechnen jedenfalls in dieser Wahlperiode nicht mehr mit zwei auseinanderstrebenden Lagern, sondern mit drei Blöcken, von denen der mittlere zum Gewinnler alten Streits werden könnte.

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