https://www.faz.net/-gpf-9lpjr

Bürgerkrieg in Libyen? : Vulkan der Wut

Auf dem Weg zur Entcsheidung? Ein Fahrzeug der Misrata-Miliz auf dem Weg nach Tripolis. Bild: Reuters

In Libyen marschiert Militärführer Haftar auf die Hauptstadt Tripolis zu. Doch die Regierung gibt nicht klein bei. Beide Seiten können sich ihres Rückhalts nicht sicher sein – und die Bevölkerung rechnet mit dem Schlimmsten.

          Die Einwohner von Tripolis wappnen sich für neue Kriegstage. Vor den Tankstellen bildeten sich am Wochenende lange Schlangen, weil sich die Leute Benzinvorräte anlegten. Viele horten Lebensmittel, versuchten noch schnell libysche Dinar in harte amerikanische Dollar umzutauschen. Es wurde sogar berichtet, dass Zivilisten wieder ihre Waffe aus den Verstecken holten. Für den Fall der Fälle. Chalifa Haftar, der Militärführer der Gegenregierung aus dem Osten des Landes, ließ sich durch die eindringlichen internationalen Appelle nicht von seinem Marsch auf die Hauptstadt im Westen abbringen. Der UN-Sicherheitsrat hatte seine „Libysche Nationale Armee“ (LNA) aufgefordert, ihre Offensive zu stoppen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Fajez Sarradsch, der Chef der unter UN-Vermittlung eingesetzten „Regierung der Nationalen Übereinkunft“, die dort ihren Sitz hat, gibt aber nicht klein bei. Seine Truppen würden sich Haftar „mit Stärke und Macht“ entgegenstellen, kündigte er in einer Fernsehansprache am Wochenende an. Er, Sarradsch, habe dem General die Hand zum Frieden gereicht, während dieser ihn verraten habe und einen Staatsstreich vorantreibe. Sarradsch sprach von einem „Krieg ohne Sieger“.

          Schlagkräftige und kampferfahrene Milizen

          Am Samstag teilte die Luftwaffe, die nominell der Übereinkunftsregierung untersteht, mit, sie habe Angriffe gegen die Truppen Haftars geflogen. Der Sprecher der Streitkräfte der Führung in Tripolis kündigte am Sonntag eine Gegenoffensive mit dem Namen „Vulkan der Wut“ an. Deren Ziel sei es, alle libyschen Städte von „Aggressoren“ und „illegitimen Kräften“ zu säubern. Sarradschs Innenminister Fathi Bashaga verlangte, jetzt den Krieg in Haftars Heimat, den Osten Libyens, zu tragen. Er stammt aus der westlibyschen Küstenstadt Misrata, einer Bastion der Feinde Haftars, die über schlagkräftige und kampferfahrene Milizen verfügt.

          Auch wenn die Propaganda des Haftar-Lagers versuchte, einen anderen Eindruck zu erwecken, deutete zunächst wenig auf einen schnellen Vormarsch und Sieg des ostlibyschen Militärführers hin. Den Truppen des Feldmarschalls könnte ein langer Abnutzungskampf bevorstehen, wie der General ihn über Jahre im ostlibyschen Benghasi gegen radikale Islamistenmilizen führte. Und in Tripolis denkt mancher dieser Tage wieder mit Grauen an die Zerstörungen, die dieser Krieg hinterließ, und die vielen Menschen, die er zu Vertriebenen machte.

          Auch Haftars Selbstinszenierung als starker Militär, der Recht und Ordnung bringt, und den islamistischen Terrorismus bekämpft, hält der Wirklichkeit nicht stand. Die LNA ist dem Titel und den Uniformen und Abzeichen nach eine straff organisierte Streitmacht. Tatsächlich aber führen Haftars Truppen ein Eigenleben. Davon zeugen unter anderem Massenerschießungen von Kriegsgefangenen, willkürliche Festnahmen und Angriffe auf Wohnviertel. Der Feldmarschall aus dem Osten hat vor allem Stammesmilizen einverleibt, als er seine Streitkräfte aufbaute. Und obwohl sich Haftar als Anti-Islamist darstellt, kämpfen salafistische Milizen unter dem LNA-Banner, die zwar politischen Aktivismus ablehnen, aber die Gesellschaft ihren rigiden Moralvorstellungen unterwerfen wollen.

          „Die Strategie der LNA fußt darauf, Milizen zu kooptieren, die gerade in einen Machtkampf über Ressourcen oder Territorium verwickelt sind. Ihnen wird Unterstützung angeboten“, sagt El Gomati Anas El Gomati, der Direktor der in Tripolis ansässigen Denkfabrik „Sadeq Institute“. Er befürchtet, dass der Krieg im Westen des Landes unübersichtlich werden könnte. Denn die Loyalität unter Haftars Verbündeten fern der Machtbasis im Osten müsse eben nicht ewig halten, weil Milizkommandeure im Zweifel ihren Eigeninteressen folgten und Allianzen nur begrenzt belastbar seien. Es drohten Auseinandersetzungen mit wechselnden Zweckbündnissen, sagt El Gomati. Er bezweifelt, dass es Haftar auf diese Weise gelingen wird, dauerhaft Gebiete zu kontrollieren und den Nachschub für seine Truppen zu sichern.

          Weitere Themen

          Die da oben

          FAZ Plus Artikel: Populismus : Die da oben

          Populisten geben sich gerne als Männer und Frauen des Volkes. Am Beispiel der AfD kann man jedoch sehen: Kritiker der „Elite“ sind meist elitärer, als ihre Rhetorik vermuten lässt.

          Solidarität in der Flüchtlingsfrage?

          Migrationsgipfel auf Malta : Solidarität in der Flüchtlingsfrage?

          Auf dem Minigipfel auf Malta wird sich zeigen, ob es in der Flüchtlingsfrage eine Lastenteilung in der EU gibt oder ob es beim Widerstreit nationaler Interessen bleibt. Selbst eine Einigung könnte noch viele Probleme offen lassen.

          Topmeldungen

          Passagiere des insolventen Reisekonzerns Thomas Cook am Flughafen von Palma de Mallorca.

          Thomas Cook ist pleite : Was Reisende jetzt wissen müssen

          Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verunsichert Tausende von Urlaubern. Geht mein Geld verloren? Wie sicher ist das Absicherungsversprechen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Reisende.
          Volkstribun? Der Landesvorsitzende der AfD in Brandenburg, Andreas Kalbitz

          Populismus : Die da oben

          Populisten geben sich gerne als Männer und Frauen des Volkes. Am Beispiel der AfD kann man jedoch sehen: Kritiker der „Elite“ sind meist elitärer, als ihre Rhetorik vermuten lässt.
          Glitzernde Autoshows wollen die Marketingstrategen der Firmen nicht mehr.

          War’s das mit der IAA? : Dilettanten am Steuer

          Wie ruiniert man eine IAA? Man nehme streitende Konzerne, einen Frankfurter Oberbürgermeister und einen hilflosen Verband. Schadenfreude? Ist nicht angebracht. In Deutschland sollten die Alarmglocken schrillen.
          Das Mercedes-Benz Logo auf dem Turm des Hauptbahnhofes in Stuttgart.

          Brandbrief : Daimler-Vorstand rüttelt die Belegschaft wach

          Der Daimler-Vorstand Ole Källenius will mit einem Brandbrief seine Führungskräfte wachrütteln: Daimler will kurzfristig mindestens 4,2 Milliarden Euro einsparen. Die Mitarbeiter sollen selbst Ideen dafür finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.