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Lektionen aus Amerika : Merkel im Nebelreich

Am Tag nach der Wahl Donald Trumps: Angela Merkel bei einer Kabinettssitzung. Bild: AFP

Auch die Deutschen mögen es nicht, wenn man ihnen ein X für ein U vormacht – und ihnen dann noch vorschreibt, das X als edel, hilfreich und alternativlos anzusehen.

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          Seit die Schockstarre weicht, versucht die westliche Politik fieberhaft, der Verunsicherung Herr zu werden, die das atlantische Bündnis nach Trumps Wahlsieg ergriffen hat. So bekräftigte auch Bundespräsident Gauck gegenüber der estnischen Präsidentin, dass Deutschland für die Sicherheit des Baltikums einstehe, und das „im Verbund mit allen unseren Partnern“. Die Balten haben anders als westeuropäische Kommentatoren, die sich jetzt vor allem um die Rechte der Schwulen in Amerika sorgen, nämlich sofort verstanden, dass Trumps noch im Wahlkampf gegebene Signale zum Rückzug aus der Welt auf Putin wie eine goldgeränderte Einladung wirken müssen.

          Derartige Nachhilfe im kleinen Einmaleins für den Umgang mit aggressiven Mächten wird Merkel dem Zauberlehrling im Weißen Haus sicher nicht gleich im ersten Telefongespräch erteilt haben. Es diente dazu, mit dem demnächst mächtigsten, derzeit aber noch am schwersten einzuschätzenden Mann der Welt ins Gespräch zu kommen. Viel Zeit zum Erlernen seines neuen Metiers wird Trump nicht haben, denn die aufstrebende weltpolitische Konkurrenz schläft nicht.

          Dass die Zeit ein kritischer Faktor in der Politik ist, gilt aber auch für die dienstälteste Regierungschefin des Westens. Sie muss sich nun endlich erklären, will sie das Nebelreich der Ungewissheiten, in das sich Europa und Amerika verwandelt haben, nicht noch selbst vergrößern. Merkel ist durch eigenes Verschulden nicht mehr die Autorität, die sie in Deutschland und in der EU einmal war. Doch wer wollte das von Zerfallserscheinungen geplagte Europa zusammenhalten, wenn nicht die wichtigste Macht in der Mitte? Und wer sollte dann am Steuer dieser Macht stehen? Gabriel, als Kanzler von Wagenknechts Gnaden?

          Merkel wird, wenn sie wieder antritt, eisiger Wind entgegenblasen aus dem von Trumps Triumph berauschten Lager jener, die sie „Kanzlerdiktatorin“ nennen. Doch könnte sie auch die Segel ihres eigenen Schiffes wieder etwas mehr füllen, wenn sie die vernünftigen Lektionen beherzigte, die im Ausgang der amerikanischen Wahl stecken. Auch die Deutschen mögen es nicht, wenn man ihnen ein X für ein U vormacht und dann noch vorschreibt, das X als edel, hilfreich und alternativlos anzusehen. Von dieser Praxis sollten CDU und SPD nicht erst dann lassen, wenn auch in Deutschland ein Trump auf der Bühne erscheint. Frankreich, Berlins wichtigstem Partner, droht bald noch Schlimmeres.

          Wahl in Amerika : Merkel bietet Trump Zusammenarbeit an

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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