https://www.faz.net/-gpf-sfow
 

Leitglosse : Im Windschatten

  • Aktualisiert am

G.H. Wer hat nicht in Kindertagen versucht, den Eltern schlechte Schulnoten bei frohgemuten Anlässen "unterzujubeln"? Ganze Schülerkohorten spekulierten darauf, daß die Väter in Siegeslaune vom Fußballplatz nach Hause kamen.

          1 Min.

          G.H. Wer hat nicht in Kindertagen versucht, den Eltern schlechte Schulnoten bei frohgemuten Anlässen "unterzujubeln"? Ganze Schülerkohorten spekulierten darauf, daß die Väter in Siegeslaune vom Fußballplatz nach Hause kamen. Die Nachsicht der Eltern war im Augenblick angenehm, doch rächte sich die neunmalkluge Taktik oft auf lange Sicht. Ein sofortiges Donnerwetter hätte dem schulischen Erfolg wahrscheinlich mehr gedient. Die Kinder von damals sind die Politiker von heute. Die Taktik von damals haben sie anscheinend beibehalten.

          Die gut vier Wochen der Fußball-Weltmeisterschaft sind seit langem mit dicken Balken im politischen Kalender nicht nur der großen Koalition markiert: nur vordergründig, um keines der Spiele der berühmten Mannschaften, vor allem Deutschlands, zu verpassen, in Wahrheit aber, um immer genau zu wissen, wann die Bürger abgelenkt oder gar siegestrunken genug sind, um nebenbei die schlechten Nachrichten aus den Regierungsvierteln "durchzuwinken". So hat die Hessische Landesregierung darauf gesetzt, daß sie die Studiengebühren durch den Landtag bringt, während die Studenten dem Fußballfieber erliegen. Zwar lassen sich parlamentarische Verfahren genau terminieren, aber die Vorbereitungen nicht verheimlichen. Und als die Polizei gar noch kundtat, daß sie nicht Fußballfans und Studenten gleichzeitig in Schach zu halten vermag, war der Versuch, im Windschatten der Weltmeisterschaft zum Ziel zu kommen, gescheitert.

          So könnte es auch der großen Koalition in Berlin ergehen. Föderalismusreform, Gesundheitsreform, Antidiskriminierungsgesetz und Unternehmensteuerreform - sie alle sollen vor der Sommerpause entschieden, vorentschieden, zumindest im Kern vereinbart sein, also solange die Bürger auf die Fernsehschirme oder die Großleinwände starren. Doch sind die Ergebnisse so unkalkulierbar wie die Väter, die vom Fußballplatz kamen: Ein Tor zuwenig oder ein Bier zuviel, und statt Nachsicht schlug Grobheit durch. Zum einen wird die Konzentration der Politiker auf die Sachen selbst sichtlich abnehmen, sobald die schönste Nebensache der Welt zur Hauptsache geworden ist. Und erst recht, wenn die Spiele der deutschen Mannschaft ins Beinkleid gehen sollten, könnte die Idee, es nun mit einem Gesundheitsfonds zu versuchen, von einem plötzlichen Gegenwind zerzaust werden.

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.