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Leitartikel : Wider das Diktat

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Von Diskriminierung ist die Rede, von der Verletzung menschenrechtlicher Standards, von schärfster Verurteilung: Angesichts solcher Reaktionen könnte man meinen, der Pausenhof einer Realschule in Berlin sei in eine Art Germanisierungs-Guantanamo für Ausländerkinder umgewandelt worden.

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          Von Diskriminierung ist die Rede, von der Verletzung menschenrechtlicher Standards, von schärfster Verurteilung: Angesichts solcher Reaktionen könnte man meinen, der Pausenhof einer Realschule in Berlin sei in eine Art Germanisierungs-Guantanamo für Ausländerkinder umgewandelt worden. Dergleichen ist nicht geschehen. Entzündet hat sich die Empörung an einer schon vor Jahresfrist von Schulleitung, Eltern und Schülern getroffenen Vereinbarung, daß die Schüler "im Geltungsbereich der Schule" deutsch miteinander zu sprechen hätten, also nicht nur im Unterricht, sondern auch auf dem Schulhof.

          Es ist noch nicht so lange her, da galt es als Selbstverständlichkeit, daß an deutschen Schulen deutsch gesprochen wird, sogar auf ihren Fluren und Höfen. Doch der Berliner Fall zeigt, daß es diese Selbstverständlichkeit in Deutschland nicht mehr gibt. Schulen wie die nun mit Kritik überzogene Herbert-Hoover-Realschule in Wedding, an der die weit überwiegende Zahl der Schüler einen sogenannten "Migrationshintergrund" hat, also Ausländerfamilien aus aller Herren Ländern entstammt, müssen nun mit einem eigenen kleinen Gesellschaftsvertrag festlegen, daß auf ihrem Gelände eine Verkehrssprache gilt, eine Lingua franca. Wie lange wird das noch die Sprache Goethes sein? Vor solchen Problemen stehen viele Schulen in Deutschland, nicht nur die der Großstädte.

          Anliegen und Vorgehen der Berliner Schule, von den Eltern der Schüler unterstützt, hätten zurückhaltender kaum sein können. Und doch ist darauf mit erheblicher Aggressivität reagiert worden, auch von türkischen Organisationen in Deutschland. Das muß zu denken geben, denn das waren keine Signale der Integrationswilligkeit. Die deutschen Eruptionen dagegen kamen direkt aus der Magmakammer der Leitkulturdebatte. Denn auch auf dem Schulhof in Wedding geht es um die Frage, über die sich die Behörden neuerdings mit Fragekatalogen an die Einwanderer hinwegzuretten suchen: Was können, was müssen wir von Ausländern verlangen, die hier dauerhaft leben, gar Deutsche werden wollen?

          Mit der Antwort tut man sich in diesem Land schwer, weil sie eine Vorstellung dessen voraussetzt, was Deutschsein ausmacht. Diese Selbstbestimmung ist in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem ex negativo erfolgt: Am Anfang stand, was Deutsche nie wieder tun und nie wieder sein dürfen. Die daraus abgeleiteten und mit deutschem Idealismus befolgten Gebote der bis zur Selbstaufgabe reichenden Toleranz und Weltoffenheit verwandelten die Republik aber nicht in das versprochene multikulturelle Paradies. In Deutschland, auch auf seinen Schulhöfen, entstanden Parallelwelten, in denen Deutsche Minderheitenschutz brauchen. Das Laisser-faire der deutschen Ausländerpolitik mündete nicht in Integrations-, sondern in Segregationsprozesse, die wahrscheinlich noch nicht an ihr Ende gekommen sind.

          Das bürgerliche Lager hatte den Einwanderungskomplex vernachlässigt, weil es in seiner ideologischen Position gefangen war, wonach Deutschland kein Einwanderungsland sei. Für große Teile der Linken aber war und ist die Entnationalisierung Deutschlands ein Lebenstraum. Daher wurden über Jahrzehnte hinweg kaum nennenswerte Ansprüche an Ausländer gestellt, die nach Deutschland kommen und hier bleiben wollten. Das sprach sich auch im Ausland herum: Deutschland war das heimliche, aber fürsorgliche Einwanderungsland, das Teilhabe an seinem Wohlstand anbot, ohne besondere Anforderungen an die Eingliederungsbereitschaft der Ausländer zu stellen.

          Doch spätestens seit die rot-grüne Koalition die Einbürgerung weiter erleichtert hat, müssen die Deutschen sich der Frage stellen, wen sie in ihre Schicksals- und Solidargemeinschaft aufnehmen wollen. Diese kann nur funktionieren und Bestand haben, wenn sie auf anerkannten Regeln und gemeinsamen Werten gründet - und wenn ihre Mitglieder sich miteinander verständigen können.

          Es ist notwendig, den Einwanderungswilligen zu verdeutlichen, daß die deutsche Staatsangehörigkeit ein hohes Gut ist, schon wegen der mit ihr verbundenen Rechte und Pflichten. Noch immer an einer gebrochenen Identität leidend, wird Deutschland seinen Einwanderern so schnell nicht mit dem Selbstbewußtsein und Stolz der Schweizer oder Amerikaner entgegentreten. Es sollte seine Neubürger aber wissen lassen, daß sein Selbstverständnis in seiner Geschichte gründet, daß es an seiner in Jahrtausenden gewachsenen Kultur festhalten will und daß es aus den Ruinen zweier Diktaturen als wehrhafte Demokratie auferstanden ist.

          Niemand wird dazu gezwungen, Deutscher zu werden. Es sollte aber auch nur der Deutscher werden können, dem das erkennbar ein Anliegen ist. Zu diesem Wollen gehört wenigstens das Erlernen der deutschen Sprache. Diese Minimalanforderung darf Deutschland nicht aufgeben, wenn es nicht weiter in Gettos zerfallen will. Die Folgen der unterbliebenen Integration zeigen sich deutlich, auch an den Schulen. Die Leitkulturdebatte wird daher nicht auszutreten sein, sosehr sich manche auch darum bemühen. Die Kritikaster der "deutschen Leitkultur" sind ebenfalls Anhänger eines Leitkultur-Konzepts (namens multikulturelle Gesellschaft), dessen Scheitern allerdings nicht mehr zu bestreiten ist. Auch in der Ausländerpolitik beansprucht die deutsche Linke aber immer noch die Definitionsmacht, was in Deutschland als gut und fortschrittlich zu gelten habe. Man mag es als ein Zeichen der Hoffnung ansehen, daß sich deutsche Bürger, alte wie neue, diesem Diktat nicht länger unterwerfen, weil sie es aus eigener Erfahrung schon lange besser wissen.

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