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Leitartikel : Unter falscher Flagge

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Seit Wochen überbieten die beiden Regierungsparteien einander mit Vorschlägen und Ideen, die jungen Deutschen den Kinderwunsch schmackhafter, finanziell attraktiver oder zumindest verkraftbarer machen sollen.

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          Seit Wochen überbieten die beiden Regierungsparteien einander mit Vorschlägen und Ideen, die jungen Deutschen den Kinderwunsch schmackhafter, finanziell attraktiver oder zumindest verkraftbarer machen sollen. Doch das Wettrüsten auf diesem Gebiet hat nicht mit Ursula von der Leyen begonnen, sondern lange vor der großen Koalition. Zu Zeiten der Familienministerin Renate Schmidt verging fast keine Woche, in der nicht ein neues Gutachten, eine neue Initiative, ein neuer Kinder-, Jugend- oder Familienbericht vorgestellt worden wäre - und jede einzelne dieser Veranstaltungen war Wasser auf die Mühle der Werbekampagne, die immerfort klapperte: "Kinder kriegen mehr."

          Kinder kriegen: mehr Betreuung, frühe Förderung, mehr Aufmerksamkeit, qualifizierte Tagesmütter, aktive Väter, zufriedene Mütter, verhieß das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf ungezählten Plakatwänden. Frau Schmidt, die wohl rührigste Familienministerin, die es je gab, hat der SPD und dem frauenpolitisch unmusikalischen Bundeskanzler Schröder erst gezeigt, wieviel gesellschaftspolitische Musik in diesem Thema steckt. Ob es darum ging, den Arbeitsmarkt in Schwung zu bringen, die Gleichstellung von Mann und Frau voranzutreiben, die Renten zu sichern, den demographischen Knick zu begradigen, dem Bund mehr Mitsprache in der Bildungspolitik zu verschaffen oder einfach sozialpolitisch umzuverteilen - für alles fand sich ein Ansatzpunkt in der Familienpolitik. Und das beste daran: Frau Schmidts Hebel waren länger als die aller Interessengruppen, denn der Einsatz "für die Kinder", die schwächsten und schutzbedürftigsten Glieder der Gesellschaft, schlug - und schlägt auch unter ihrer Nachfolgerin - jede Konkurrenz.

          Fragt sich nur, ob dieser Einsatz wirklich vorrangig den Kindern gilt. Zuallererst sorgt sich die Politik immer um die Wähler, also um die Bürger über 18 im allgemeinen und neuerdings um die potentiellen Familiengründer der Altersgruppe unter dreißig Jahren im besonderen. Nach deren Wünschen fragten die Umfrageinstitute, die das Familienministerium ausschwärmen ließ, und was sie herausfanden, paßte perfekt ins politische Konzept eines "qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbaus der Betreuung für Kinder im Alter unter drei Jahren": Fast sechzig Prozent der jungen Erwachsenen sagen, es gebe zuwenig Betreuungsplätze für die Kleinsten. Nur fünf Prozent der jungen Frauen wollen sich ausschließlich um Haushalt und Familie kümmern, nur zehn Prozent ausschließlich dem Beruf widmen. Die überwältigende Mehrheit will beides. Aber wer verlangt denn das absolute Entweder-Oder, die Entscheidung für ein Kind als lebenslange Absage an Erwerbstätigkeit?

          Auch wenn die Antworten den Befragten schon in den Mund gelegt wurden, wird niemand bestreiten, daß sie reale Erwartungen an die Politik widerspiegeln. Gestützt werden sie von Jugendforschern, die ein professionelles System von Krippen und Tagesmüttern befürworten, vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag, der "die Anpassung der Kinderbetreuung an die Erwerbsrealitäten" fordert, und vom Institut der deutschen Wirtschaft, das ausgerechnet hat, daß der Ausbau kostenloser Kita-Einrichtungen "volkswirtschaftlichen Nutzen" einbringe, der dessen Kosten bei weitem übersteige. Daß die Politik auf solche Erwartungen eingeht, wird man ihr nicht vorwerfen können. Nur sollte sie sich dabei nicht auf das Kindeswohl berufen, denn die Umfragen und Gutachten, auf die sie sich stützt, handeln doch ausschließlich von den Problemen der Erwachsenenwelt: vom Arbeitsmarkt, von elterlicher Lebensplanung, von Flexibilitätsansprüchen und sanierungsbedürftigen Sozialsystemen.

          Nicht gefragt hat das Familienministerium die Kinderärzte und -psychologen, die davon abraten, Kinder schon im Krabbelalter fremder Betreuung zu überlassen. Nicht berücksichtigt werden die uralten Erkenntnisse der Bindungsforschung und die neuesten Beiträge der Hirnforschung, die darin übereinstimmen, daß die Fundamente einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung in den ersten drei Lebensjahren gelegt werden und wesentlich von stabilen Beziehungen abhängen. Nicht gefragt sind die Erfahrungen von Kriminologen und Jugendrichtern, die tagtäglich die Folgen emotionaler Verwahrlosung vor Augen haben. Deren Stimmen würden freilich die Eintracht der Familienpolitiker aller Fraktionen stören, die die Not der Alleinerziehenden zur Tugend eines erwünschten gesellschaftlichen Wandels erklären - und das traditionelle Familienbild, das in Wahrheit noch immer das Ideal ist, zum Auslaufmodell.

          Nichts gegen Ganztagsschulen, Tagesmütter oder Ganztagskindergärten. Auch Krippen können in bestimmten Lebenslagen die beste verfügbare Lösung sein. Doch eine Familienpolitik, die mehr von wirtschaftlichem Nutzdenken her konzipiert ist als von kindlichen Bedürfnissen, segelt unter falscher Flagge. Arbeits- und Sozialpolitik sollte vom Arbeits- und Sozialminister entworfen und vertreten werden. Aufgabe der Familienpolitik ist es jedenfalls nicht, junge Erwachsene mit steuerlichen Anreizen vorzeitig in die Erwerbsarbeit zu locken und vom (wenigstens vorübergehenden) Zusammenleben mit ihren Kindern abzubringen, um die Arbeitsmarktstatistik aufzubessern. Schon gar nicht dürfen Mütter und Väter finanziell dafür bestraft werden, daß sie sich um ihrer Kinder und ihres eigenen Lebensglücks willen solchen Verlockungen entziehen. Doch mit ihrem familienpolitischen Wettrüsten ist die große Koalition dabei, genau das zu tun.

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