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Leitartikel : Sommer der Sieger

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Der Sommer ist vorbei. Er verabschiedet sich in diesen Tagen unter Heulen und Zähneklappern mit Schauern und Ingrimm. Doch wir werden ihn in anderer Erinnerung behalten. Es war ein herrlicher Sommer, eine große Party mit vielen Gewinnern und wenigen Verlierern.

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          Kaum war das Finale abgepfiffen, begann der Run auf die Last- minute-Angebote.

          Der Sommer ist vorbei. Er verabschiedet sich in diesen Tagen unter Heulen und Zähneklappern mit Schauern und Ingrimm. Doch wir werden ihn in anderer Erinnerung behalten. Es war ein herrlicher Sommer, eine große Party mit vielen Gewinnern und wenigen Verlierern. Weltmeister sind die Deutschen zwar nicht geworden, doch als Weltmeister des Reisens wollten sie sich abermals von niemandem übertrumpfen lassen. Während der WM haben sie die ungewohnte Rolle des Gastgebers mit Inbrunst ausgefüllt, sie haben sich und ihre Gäste gefeiert, unbeschwert und sorgenfrei, um anschließend massenhaft zum Gegenbesuch aufzubrechen und manchem ihrer traditionellen Lieblingsziele neue Rekordergebnisse zu bescheren. Wahllos waren sie dabei aber keineswegs. Denn die Bilanz des Reisesommers 2006 zeigt - vielleicht gerade wegen der Sorglosigkeit des WM-Enthusiasmus -, daß stärker denn je die Sicherheit oder zumindest das Gefühl von Sicherheit in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, zum zentralen Motiv bei der Wahl des Ferienziels geworden ist.

          Kein anderes Land profitiert davon so sehr wie Spanien, das gerade das beste Jahr seiner touristischen Geschichte erlebt. Immer dann, wenn das östliche Mittelmeer von Turbulenzen erschüttert wird, nimmt Spanien als sicherer Hafen Heerscharen verunsicherter Touristen auf. Die Iberische Halbinsel erscheint im Tumult aus Terror und Angst wie ein Refugium ohne Karikaturenstreit und Vogelgrippe; wie eine Fluchtburg vor Krieg und Anschlägen. Die Türkei oder Ägypten dagegen werden bei jedem Konflikt im Nahen Osten, bei jedem Attentat islamistischer Terroristen in die Sippenhaft der Verängstigung genommen - auch wenn sie gar nicht direkt betroffen sind. Und explodieren tatsächlich Bomben wie jetzt in Marmaris oder Antalya, hilft der Tourismusbranche nur noch das Pfeifen im Wald.

          Spaniens guten Ruf scheint nichts erschüttern zu können - nicht die fürchterlichen Anschläge von Madrid, bei denen vor zwei Jahren fast zweihundert Menschen getötet wurden, und auch nicht die Morde der baskischen Terrororganisation Eta, die nicht davor zurückschreckt, Bomben in Ferienorten zu zünden. Spanien wird das verziehen, was an der türkischen Riviera oder am Roten Meer zum Kollaps des Tourismus führt. Denn Spanien hat sich in seiner mehr als hundertjährigen Karriere als Urlaubsland ein Vertrauen erworben, das über jeden Verdacht des Provisorischen, des Zerbrechlichen oder Ungeschützten erhaben zu sein scheint und zumindest so etwas wie gefühlte Sicherheit vermittelt. Das Fundament seines Massentourismus wurde - anders als in den Zielen im östlichen Mittelmeer - in Generationen gegossen und mag nicht immer malerische Resultate hervorgebracht haben. Doch es läßt sich nicht von einer Handvoll Fanatikern über Nacht wegsprengen. Es ist dasselbe geistige Fundament, auf dem auch die Deutschen stehen, denen Spanien in vielen Jahrzehnten symbiotischen Zusammenlebens zum Inbegriff des Urlaubslandes geworden ist. So wird der Schutz des Vertrauten in Zeiten der Verunsicherung zu einem höheren Gut als der Reiz des Fremden.

          Daß die Deutschen auch im Weltmeisterschaftssommer der Iberischen Halbinsel und den meisten anderen ihrer angestammten Ferienziele die Treue gehalten haben, ist nicht erstaunlich. Denn die Allmacht des Fußballs endet beim Urlaub. Er hat ihn nicht ersetzt, sondern verschoben. Alle Befürchtungen, die Deutschen könnten ihre Ferienkasse auf den Fanmeilen in Bier und Bratwürste investieren und ihren Jahresurlaub vor der Großbildleinwand verbringen, haben sich als unbegründet erwiesen. Zeit und Geld für den Urlaub sind immer da, dieses Gut ist sakrosankt, daran ändert selbst ein Ausnahmezustand wie das Weltereignis WM nichts - und schon gar nicht die ministerielle Mahnung, für die Rente auf die Ferien zu verzichten. Kaum war das Finale abgepfiffen, begann ein Ansturm auf die Restposten der Reiseveranstalter, die jetzt fast ausnahmslos mit ihren Geschäften zufrieden sind. Zum Reinfall wurden indes die Angebote vermeintlich einfallsreicher Hoteliers oder randständiger Ferienorte, die für sich als fußballfreie Zone warben und Verschonung von Deutschland-Fahnen oder Trötenlärm versprachen.

          Eine neue Karriere als leuchtender Stern auf der touristischen Weltkarte steht Deutschland allerdings nicht bevor, auch wenn sich seine Bewohner daheim vier Wochen lang als die besseren Brasilianer präsentierten, laut und lustig, friedlich und freundlich, ein Spaßvogelvolk. Sportliche Großereignisse haben ohnehin selten Einfluß auf touristische Bilanzen. Japan und Korea etwa konnten aus ihrer Weltmeisterschaft 2002 kaum touristisches Kapital schlagen, ähnlich erging es Athen mit den Olympischen Spielen 2004. Und kein Imagegewinn, sei er noch so spektakulär, kann aus Deutschland eine blühende Urlaubslandschaft machen. Aus der trüben Ostsee wird niemals die Costa Brava werden, aus dem Hunsrück keine Toskana. Spiekeroog ist eben nicht Capri, Bernkastel-Kues nicht Châteauneuf-du-Pape, da hilft alle Gastfreundschaft nichts. Und das Wetter war zwar wie bestellt zur WM, aber im August mußte man für die Sonne des Juni und des Juli bitter büßen, als habe sich der Sommer selbst erschreckt über seine eigene Großzügigkeit.

          Deswegen spricht auch nichts dafür, daß die Deutschen ihre Heimat im weltmeisterlichen Sommer 2006 im großen Stil als Urlaubsziel entdeckt haben und künftig scharenweise auf den Brocken steigen oder durch den Spreewald rudern, anstatt nach Mallorca zu fahren. Die Deutschen kennen die Welt. Sie wissen, wie schön sie ist. Das wollen sie nicht missen.

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