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Leitartikel : Opfer, Täter, Hintermänner

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Der Name Aleksander Kwasniewski ist nicht gefallen in den erbitterten Debatten, die in Polen in den vergangenen Tagen über die kommunistische Vergangenheit geführt worden sind. Alle Aufmerksamkeit galt dem als Geheimdienstmitarbeiter ...

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          Offen auf der Seite der Diktatur gestanden zu haben zahlt sich bis heute aus.

          Der Name Aleksander Kwasniewski ist nicht gefallen in den erbitterten Debatten, die in Polen in den vergangenen Tagen über die kommunistische Vergangenheit geführt worden sind. Alle Aufmerksamkeit galt dem als Geheimdienstmitarbeiter enttarnten Erzbischof Stanislaw Wielgus und der Frage, wie die katholische Kirche mit seinem Fall umgeht. Eine gute Figur machte sie dabei nicht. Noch nach dem durch die Veröffentlichung der Akten erzwungenen Geständnis des zuvor hartnäckig leugnenden Wielgus verteidigten viele Bischöfe ihren Amtsbruder und wehrten die Kritik an ihm als Angriffe auf die Kirche ab. Nun ist ihre Glaubwürdigkeit beschädigt, das Ansehen des zurückgetretenen Erzbischofs ist zerstört.

          Der frühere Präsident Kwasniewski dagegen, Sieger in zwei freien und fairen Wahlen, ist ein in aller Welt hochgeachteter Mann. Er begann seine Karriere als Funktionär der kommunistischen Diktatur, die ihn bis zum Zusammenbruch des Regimes 1989 ganz nach oben führte, im selben Jahr 1973, in dem sich der junge Priester Stanislaw Wielgus schriftlich zur Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst bereit erklärte. Während Wielgus als Geistlicher einer verfolgten Kirche insgeheim dem Druck der Staatsmacht nicht standhielt, hatte sich Kwasniewski offen auf die Seite des verbrecherischen Regimes gestellt. Das zahlt sich für ihn bis heute aus.

          Kwasniewski und Wielgus sind keine Einzelfälle. Sie stehen für das Missverhältnis, das die Schicksale von Tätern und Opfern der kommunistischen Diktaturen Osteuropas und den Umgang mit ihnen kennzeichnet. Zur Verantwortung gezogen worden sind nur einige wenige Funktionäre, denen eine unmittelbare Beteiligung am Tod von Regimegegnern nachgewiesen werden konnte; die alltägliche, bürokratische Unterdrückung Andersdenkender blieb ungesühnt - nicht nur rechtlich, sondern auch gesellschaftlich. Die in Partei und Sicherheitsapparat erworbenen Kontakte und Kenntnisse waren vielmehr oft das Kapital für einen erfolgreichen Start im neuen System. Es ist kein Zufall, dass am Anfang einiger besonders spektakulärer Wirtschaftskarrieren vom Baltikum über Polen bis in die neuen EU-Mitgliedstaaten Rumänien und Bulgarien Geheimdienstverbindungen stehen.

          Die einzigen Diener der kommunistischen Staatssicherheitsdienste, die dafür wirklich zu zahlen haben, sind informelle Mitarbeiter wie Wielgus, bei denen die Enttarnung die soziale Ächtung nach sich zieht. Dabei ist gerade bei ihnen oft schwer zu unterscheiden, ob sie Täter, Opfer oder beides sind. Es gab Zuträger, die vom Wunsch nach Geld und Karriere angetrieben wurden, doch viele wurden in Notlagen erpresst oder hatten als Regimegegner nach Verhören oder gar Gefängnisaufenthalten nicht mehr die Kraft zu widerstehen. Wie eifrig ein geheimer Mitarbeiter zu Diensten war, ob und wie sehr er anderen geschadet hat, lässt sich auf Grundlage der Akten mitunter schwer beurteilen - auch bei Wielgus ist das so. Dass man seinen Beteuerungen, er habe dem Dienst keine verwertbaren Informationen geliefert, nicht so recht glaubt, liegt vor allem an den Lügen der vergangenen Tage. Seine Darstellung aber ist durch die vorliegenden Dokumente zumindest nicht widerlegt.

          Das ist ein Grund für die Warnung der katholischen Kirche in Polen vor einer Veröffentlichung der Namen aller einstigen geheimen Mitarbeiter: Dieses Etikett allein reicht für ein moralisches Urteil nicht aus, und es besteht die Gefahr, dass Menschen, die schon einmal Opfer geworden sind, weil ihnen von einer totalitären Staatsmacht das Rückgrat gebrochen wurde, zum zweiten Mal zu Opfern werden. Hinzu kommt die begründete Furcht, dass die Konzentration auf die in den Geheimdienst verstrickten Priester den Blick dafür verstellt, was die Kirche vor allem war: eine Bastion der Freiheit.

          Es entspricht der Logik des Unterdrückungsapparats, dass er vor allem dort nach Mitarbeitern suchte, wo Widerstand gegen die Staatsmacht zu erwarten war - und dass dort die wahren, aufwühlenden (und heute medial verwertbaren) Tragödien stattfanden, wo Regimegegner in die Fänge einer politischen Polizei gerieten, deren Ziel es war, Menschen zu brechen. Darum ist Wielgus in den Kirchen Ostmitteleuropas kein Einzelfall, und darum wird die einstige antikommunistische Opposition in allen diesen Ländern öfter und härter von Enthüllungen getroffen als die einstigen Kommunisten. Dem Denunziantentum von Parteimitgliedern fehlt die Dramatik, denn wo kein Widerstand war, musste keiner gebrochen werden.

          So scheint es, dass Antikommunisten wie ehemalige Kommunisten gegen ihre eigenen Interessen handeln, wenn die einen eine Offenlegung der Geheimdienstakten verlangen, die anderen hingegen bremsen. Doch dieser Schein trügt. Dass in den meisten ehemals sozialistischen Ländern die Archive erst spät oder noch nicht geöffnet wurden (wie in den baltischen Staaten), hat die Macht der Geheimdienstseilschaften verlängert und das öffentliche Leben vergiftet. Erpressungen, nicht überprüfbare Verdächtigungen und gezielte Enthüllungen wurden so zum festen Bestandteil schmutziger, für die Bevölkerung nicht durchschaubarer Machtkämpfe. Und immer wieder stehen dann Menschen am Pranger, denen lediglich vorgeworfen werden kann, gegenüber einem totalitären Moloch normale menschliche Schwäche gezeigt zu haben. Die einstigen Täter haben dank ihrer besseren Informationen dabei oft die besseren Waffen. Sie wären stumpf, wenn die Akten, soweit das unter Wahrung der Intimsphäre der Opfer möglich ist, offenlägen. Das könnte zudem den Blick auf die eigentlichen Täter in Partei und Apparat lenken.

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