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Leitartikel : In der Hand des Kreml

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Fürs erste muß wegen des Gasstreits zwischen Rußland und der Ukraine niemand in Deutschland frieren. Aber manchen Politikern wird es kalt den Rücken heruntergelaufen sein, als der russische Staatskonzern Gasprom am Sonntag dem Nachbarland den Gashahn zudrehte.

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          Fürs erste muß wegen des Gasstreits zwischen Rußland und der Ukraine niemand in Deutschland frieren. Aber manchen Politikern wird es kalt den Rücken heruntergelaufen sein, als der russische Staatskonzern Gasprom am Sonntag dem Nachbarland den Gashahn zudrehte. Rohstofflieferungen als Waffe, das kannte man bisher vor allem aus dem Nahen Osten - und selbst dort hat seit den siebziger Jahren kein Staat mehr gewagt, Forderungen an das Ausland mit einer Unterbrechung von Öl- oder Gaslieferungen Nachdruck zu verleihen. Selbst wenn man in Betracht zieht, daß es in den vergangenen Jahren immer wieder zu solchen Auseinandersetzungen zwischen Moskau und Kiew kam, gibt das rüde, die Erpressung kaum verschleiernde Auftreten Rußlands zu denken. Hier versucht der wichtigste Lieferant Europas, mit Gas die Kontrolle über die wirtschaftliche Infrastruktur und - noch bedenklicher - Einfluß auf die Innenpolitik eines Kunden zu erlangen. Das geht nicht nur die Ukraine an.

          Daß man in Berlin (und Brüssel) erst mit Sprachlosigkeit und dann mit hilflos wirkenden Appellen auf diesen Vorgang reagierte, hat einen guten Grund. Der Gasstreit offenbart, wie kurzsichtig die meisten Europäer und besonders Deutschland in der Vergangenheit gewesen sind, indem sie sich immer stärker von Rußland abhängig gemacht haben. Das Projekt der Ostsee-Pipeline, das die neue Bundesregierung von der alten geerbt hat, war dabei nur der jüngste Mißgriff. Denn schon seit langem leidet die deutsche Energiepolitik unter einer Fehlannahme: Da die Förderländer doch selbst ein Interesse daran hätten, ihr Öl und ihr Gas zu verkaufen, sei mit Versorgungskrisen kaum zu rechnen, lautete das Kalkül - und zwar das aller Bundesregierungen der vergangenen Zeit.

          So gesehen, muß man den Russen fast dankbar sein, daß sie jetzt das Gas zur Machtprobe mit der auf mehr Eigenständigkeit bedachten Ukraine zu nutzen suchen. Vielleicht verstehen dann auch die deutschen Politiker besser, wie wenig es besagt, daß sogar zu Zeiten der Sowjetunion die Gaslieferungen aus Sibirien immer zuverlässig kamen. Während des Kalten Krieges mußte Moskau den "Klassenfeind" nicht mit Gas erpressen, weil militärische Stärke den weltpolitischen Rang des Landes sicherte. Putins Rußland dagegen ist eine jener halbentwickelten Rohstoffökonomien, die sich Einfluß oft nur noch mit der Drohung verschaffen können, anderen Schaden zuzufügen. Es wäre fahrlässig, darauf

          zu vertrauen, das zahlungskräftige Deutschland (oder Europa insgesamt) genieße da eine Sonderstellung. Heute paßt dem Kreml der prowestliche Kurs Juschtschenkos nicht, morgen mag es ein EU-Beschluß zu Tschetschenien sein.

          Leider wird sich das Problem in den nächsten Jahren deutlich verschärfen. Eine Reihe von Studien der vergangenen Jahre hat ans Licht gebracht, daß Europa immer abhängiger von Energieeinfuhren wird. Im Jahr 2000 kamen noch 36 Prozent des Gasverbrauchs der europäischen OECD-Länder aus dem Ausland. 2030 werden es nach einer Schätzung der Internationalen Energieagentur 63 Prozent sein. Und beim Öl, dem wichtigsten fossilen Energieträger, sieht es noch dramatischer aus. Im Jahr 2000 förderten die europäischen OECD-Staaten noch 48 Prozent ihres Ölverbrauchs selbst. Im Jahr 2030 dürfte dieser Anteil auf 15 Prozent geschrumpft sein. Das liegt unter anderem daran, daß die Vorkommen in der Nordsee und vor der norwegischen Küste weniger werden.

          All das sind keine Staatsgeheimnisse, sondern gut dokumentierte Prognosen, die jedem verantwortlichen Beamten in Europa vorliegen. Die Politik hat sich bisher aber davor gedrückt, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Gerade in Deutschland hat man sich zu sehr auf die - oft nur kostspielige - Suche nach alternativen Energien versteift, obwohl es noch mehrere Generationen dauern wird, bis Öl und Gas zur Neige gehen. Beim Öl reichen die bekannten Vorräte noch mindestens für vierzig Jahre, und obwohl die Förderung immer teurer ist, wird sie auch danach nicht über Nacht versiegen.

          So wird auf absehbare Zeit die größte Gefahr für die Energieversorgung des Westens nicht von der Knappheit der Ressource ausgehen, sondern von ihrer Konzentration in den Händen einiger weniger, politisch oft höchst unzuverlässiger Staaten. Das Who's who der wichtigsten Öl- und Gasexporteure liest sich wie ein Handbuch der internationalen Krisenschauplätze. Neben Putins zunehmend autoritärem Rußland gehören dazu das für Terrorismus anfällige Indonesien, das von einem antiwestlichen Populisten regierte Venezuela, diverse zentralasiatische Despotien und natürlich die Golfanrainer, deren Stabilität spätestens seit dem 11. September 2001 nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. In dem Maße, in dem diese Länder neue Kunden im aufstrebenden Asien gewinnen, werden sie es sich leisten können, ihren westlichen Abnehmern die Stirn zu bieten, wenn ihnen das (politisch) geboten scheint.

          Davor gibt es nur einen Schutz: Europa muß mit einer Diversifizierung seiner Energieeinkäufe beginnen, wie das Amerika schon seit längerem macht. Daß heute 66 Prozent aller europäischen Gaseinfuhren aus Rußland stammen, ist nicht zu verantworten. Der kaspische Raum, der mit Landleitungen zu erreichen wäre, oder die Golfstaaten, die viel Erfahrung mit Flüssiggastransporten haben, kämen als neue Lieferanten in Frage. Wenn man es schon mit unsicheren Kantonisten zu tun hat, dann sollte man das Risiko streuen.

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