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Leitartikel : Ich hatt' einen Kameraden

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Die Anfangszeile des Gedichts "Der gute Kamerad" von Ludwig Uhland, das Friedrich Silcher vertonte, kommt einem in den Sinn, wenn von militärischer Trauer die Rede ist. Das Stück erklingt noch heutzutage bei Beisetzungen mit militärischen ...

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          Das Ehrenmal für die Toten der Bundeswehr gehört in die Nähe des Reichstagsgebäudes.

          Die Anfangszeile des Gedichts "Der gute Kamerad" von Ludwig Uhland, das Friedrich Silcher vertonte, kommt einem in den Sinn, wenn von militärischer Trauer die Rede ist. Das Stück erklingt noch heutzutage bei Beisetzungen mit militärischen Ehren, und zwar sowohl bei Soldaten als auch bei Zivilisten mit einem gewissen Bezug zur Bundeswehr - wie vor vierzig Jahren auf dem Rhöndorfer Friedhof, unmittelbar bevor der Sarg Konrad Adenauers in die Erde sank. Immerhin war der erste Bundeskanzler der Hauptinitiator des westdeutschen Verteidigungsbeitrags. Während seiner Kanzlerschaft rückten im April 1957 erstmals zehntausend Wehrpflichtige ein. Für fünfzehn dieser Rekruten endete das ungewohnte Leben beim "Barras" schon nach zwei Monaten jäh, als sie im Allgäu einen reißenden Gebirgsfluss durchqueren mussten.

          Auf die Opfer des Iller-Unglücks kam auch Verteidigungsminister Jung kürzlich noch einmal zu sprechen, als der Bundestag über Anträge aller drei Oppositionsfraktionen beriet, die sich gegen das von ihm geplante Ehrenmal richteten. Auf dem Berliner Gelände des Verteidigungsministeriums will der Minister ein vierzig Meter breites, acht Meter tiefes und zehn Meter hohes Monument errichten lassen, aus dessen bronzener Außenhaut die Formen von halben Erkennungsmarken herausgestanzt werden. Die Opposition hatte Einwände gegen Gestalt, Ort, Widmung und Eigenmächtigkeit dieser Planung. Jung entgegnete: Seit 1955 hätten 2600 Bundeswehrangehörige "im Einsatz" ihr Leben verloren. Sie verdienten ein "würdiges Andenken".

          Die Debatte drehte sich vorwiegend um die 69 Soldaten, die seit Anfang der neunziger Jahre bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen sind. Hinzuzuzählen wären - so der Grünen-Abgeordnete Nachtwei - zwei Diplomaten, sechs Polizisten und 25 Personen aus der Entwicklungszusammenarbeit. Weil sie alle im Rahmen des Friedensauftrags des Grundgesetzes zu Tode gekommen seien, brauche die Bundesrepublik keine bloße Ressort-Erinnerung, sondern einen Erinnerungsort im Umfeld des Bundestages. Auch der SPD-Abgeordnete Thießen hob hervor, dass das von Jung geplante Ehrenmal keinen Unterschied zwischen Gefallenen und Unfallopfern mache. Außerdem stifte die Symbolik des Entwurfs Verwirrung: Die eine Hälfte der Erkennungsmarken werde Gefallenen abgenommen, was in beiden Weltkriegen ein Zeichen massenhaften Sterbens gewesen sei. In "Ausübung ihres Dienstes" seien allerdings nur wenige Soldaten der Bundesrepublik gestorben: "Die anderen starben während ihrer Zeit als Angehörige der Bundeswehr, mehrheitlich ohne direkten Bezug zu ihrem Auftrag. Das ist ebenso tragisch und ebenso traurig, aber das gehört nicht in dieses Ehrenmal."

          Gerade wenn Jung nicht nur derjenigen gedenken wolle, die in Auslandseinsätzen umgekommen seien, stelle sich die Frage, ob mit der Symbolik der zerbrochenen Erkennungsmarken nicht alle Gestorbenen "in die Gruppe der Gefallenen vereinnahmt werden". Das wäre "dann eher ein Kriegerdenkmal", was doch keiner wolle. Eine Abgeordnete der Fraktion Die Linke unterstellte dem Minister, den Soldatentod verklären zu wollen, und empfahl ein Mahnmal "für sämtliche Opfer der gegenwärtigen Kriege, besonders für die Opfer der Zivilbevölkerung, aber auch für die umgekommenen Soldaten". Wahrscheinlich fühlten sich Jung und seine Berater durch solche Kritik darin bestätigt, dass es richtig gewesen sei, die konkrete Planung für das im vergangenen Jahr angekündigte Ehrenmal als eine Art geheime Kommandosache zu behandeln.

          Bisher obliegt das Totengedenken den Teilstreitkräften: am "Ehrenmal des deutschen Heeres" in Koblenz-Ehrenbreitstein; am "Ehrenmal der Luftwaffe und der Luftfahrt" in Fürstenfeldbruck und am "Marine-Ehrenmal" in Laboe. Die Grundsteinlegung an der Ostsee fand schon 1927 statt, nach 1945 wurde der 72 Meter hohe Turm mit Hallen dem "Gedenken aller toten deutschen Seefahrer beider Weltkriege" zugeordnet und vor mehr als zehn Jahren zu einer "Gedenkstätte für die auf See Gebliebenen aller Nationen" verwässert.

          Deshalb ist Jungs Projekt eines Ehrenmals, das sich auf die Bundeswehr insgesamt bezieht, ohne deren Tote zu kategorisieren, längst überfällig. Aber warum hat er sich dafür eine relativ versteckte Ecke auf dem Bendlerblock-Gelände ausgesucht, das im vorderen Teil der Stauffenbergstraße die Gedenkstätte Deutscher Widerstand beheimatet? Wegen des geplanten Standorts an der Hildebrandstraße sprach ein Mitglied des Beirats für Fragen der Inneren Führung in der Reservistenzeitschrift "loyal" zu Recht von einem Ehrenmal im "Hinterhof" des Ministeriums, "wo Passanten nur vorbeikommen, wenn sie sich verirrt haben".

          Dieses Ehrenmal - weniger monumental und symbolisch verkrampft - gehört in die Nähe des Reichstagsgebäudes. Einerseits wird dort über die Verwendung der "Parlamentsarmee" entschieden, so dass eine versinnbildlichte Warnung vor den tödlichen Risiken der Missionen gerade dort am Platz wäre. Andererseits empfiehlt sich außerhalb des militärischen Sicherheitsbereiches ein Gedenkort im Herzen Berlins, weil viele der "toten Kameraden" - diese Bezeichnung hört man in der Armee wieder öfter - keine Berufssoldaten waren, sondern Wehrpflichtige, wie die Opfer des Iller-Unglücks, oder Wehrübende, wie jene drei Beamte der Bundeswehrverwaltung, die Ende Mai durch einen Terroranschlag in Kundus getötet wurden.

          Ihnen allen gebührt ein Ehrenmal in zentraler Lage und in ziviler Umgebung, wo ihre Angehörigen dann vielleicht wie einst Uhland empfinden können: "Als wär's ein Stück von mir".

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