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Leitartikel : Handschriften können sprechen

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Die baden-württembergische Landesregierung hat sich doch besonnen: Nach der Erklärung vom Dienstag ist es klar, daß es den vorgesehenen Kuhhandel nicht geben wird. In diskreter Zurückgezogenheit hatte man mit Erbprinz Bernhard von ...

          Sind Kunstschätze wirklich unverkäuflich?

          Die baden-württembergische Landesregierung hat sich doch besonnen: Nach der Erklärung vom Dienstag ist es klar, daß es den vorgesehenen Kuhhandel nicht geben wird.

          In diskreter Zurückgezogenheit hatte man mit Erbprinz Bernhard von Baden das Geschäft ausgehandelt - und hätte es gern als abgeschlossen einer Öffentlichkeit präsentiert, von der die Abmachung ohne Widerspruch geschluckt werden sollte: Denn zu erhalten gelte es, so hieß es, das hohe Kulturgut von Schloß und Münster Salem am Bodensee. Diese Anlage befindet sich im Besitz der Markgrafen von Baden; sie wird von ihnen bewirtschaftet und ist auch zur Besichtigung für das Publikum geöffnet. Zur Bestandssicherung Salems sollten aus den insgesamt 3600 Handschriften im Besitz der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe Stücke im Wert von bis zu 70 Millionen Euro herausgenommen und auf dem internationalen Kunstmarkt veräußert werden.

          Mit 40 Millionen Euro aus diesem Verkauf wäre eine Stiftung auszustatten gewesen, in die außerdem Salem selbst eingebracht werden sollte; 30 Millionen Euro wären an die Markgrafenfamilie gegangen, um diese für die bereits getätigten Investitionen in Salem zu entschädigen. Im Gegenzug wollte das Haus Baden endgültig auf seine Ansprüche auf den Besitz von Kulturgütern im geschätzten Wert von 250 bis 300 Millionen Euro verzichten, die in den Museen und Bibliotheken des Landes bewahrt und gepflegt werden. Wer deren Eigentümer ist, darüber streiten Land und Adelshaus seit langem.

          Die an diesem Handel beteiligten Parteien hatten ihre Rechnung in zwei Punkten ohne ihr einstiges und gegenwärtiges Volk gemacht: Erstens hätte dem Erbprinzen Bernhard und dem Ministerpräsidenten Oettinger klar sein dürfen, daß unermeßlich - weil eben nicht meßbar - wertvolle Handschriften sehr beredt werden können und daß diese fragilen Zeugen unserer Hochkultur kraftvolle Streiter an ihrer Seite haben. Zweitens wurde von Rechtskundigen mit starken Gründen bezweifelt, daß das Eigentum an den Kulturgütern, in der Karlsruher Bibliothek und Kunsthalle zumal, wirklich so strittig sei, wie es sowohl dem Land als auch dem ehemals regierenden Haus recht sein mußte, um den geplanten "Vergleich" zu begründen und durchzusetzen: Denn das altmodische Wort Patrimonialeigentum bezeichnet zunächst den bestechend schlichten Tatbestand, daß das, was die ehemaligen badischen Fürsten mit den Steuern ihrer Untertanen erwarben, ihnen nur so lange zustand, als sie regierende Fürsten waren - mit nachvollziehbaren Konsequenzen.

          Die Schuldenlast der markgräflichen Unternehmungen ist öffentliches Thema spätestens seit 1995; damals wurde im Neuen Schloß von Baden-Baden die "Sammlung der Markgrafen und Großherzöge von Baden" versteigert. Der Umsatz betrug 77,6 Millionen Mark. Vor dieser Auktion wurden Kunstschätze in Höhe von rund 46 Millionen Mark aus dem Besitz des Hauses Baden vom Land Baden-Württemberg erworben. Niemand erwähnte damals freilich, was zuletzt als Tatsache genommen wurde: daß noch "strittige" Kulturgüter im Wert von 250 bis 300 Millionen Euro im Wartestand seien.

          Jetzt soll der gesamte verbliebene Kulturbesitz des Hauses Baden an das Land übergehen. Es soll weiterhin ein Vergleich geschlossen werden, in dem die Fürstenfamilie nun freilich auf alle Ansprüche verzichten wird. Geben wird es die Stiftung Schloß Salem. Die Regierung will dafür weder Kredite aufnehmen noch außerhalb des Kulturhaushalts Geld streichen. Sie appelliert daher an die Solidarität von Kulturinstitutionen und privaten Mäzenen. Wenn die Besitzfrage nun wirklich ein für allemal geklärt wird, dann sollte damit auch klar sein, daß die Landesregierung keine Privatperson ist, die weitherzig über das Eigentum des Volks verfügen kann - so indessen hatte der geplante Handel ausgesehen. Überdies wird kein möglicher Mäzen, sollte es nun zu Verkäufen aus den "Kunsteinrichtungen" des Landes kommen, sich bereit finden, sein Geld für ein Objekt herzugeben, das womöglich ohnehin schon dem Staat gehört.

          Was folgt aus der Stuttgarter Handschriftenaffäre? Das Werkzeug, das die Liste des national wertvollen Kulturguts darstellt, muß endlich vernünftig eingesetzt werden. Viel zu gering ist die Transparenz dieses Verzeichnisses, das die dort aufgeführten Objekte vor dem Export ins Ausland schützt. Damit sind sie den Begehrlichkeiten des internationalen Kunstmarkts entzogen, was Spekulationen die Spitze abbricht. Die Hoffnung, die vom Land und Haus Baden erwünschten 70 Millionen Euro mit den Karlsruher Handschriften zu erzielen, ließ sich nur so erklären.

          Doch die Lehre aus der Affäre ist zweischneidig: Besteht wirklich Einigkeit darüber, daß die Objekte und Güter, die in den Museen und in den Bibliotheken in Deutschland aufbewahrt werden, grundsätzlich nicht dazu da sind, Finanzlöcher zu stopfen? Wenn Oettinger sich ausdrücklich Verkäufe aus den Sammlungen vorbehält, stellt er sich nicht nur gegen Kulturstaatsminister Neumann. Nichts Gutes verheißt die Feststellung der Regierung, sie halte es "keineswegs für einen Akt von Kulturbarbarei, im Sinne einer Profilbildung von Kunst- und Kultureinrichtungen die Sammlungen zu überprüfen und weiterzuentwickeln". Die amerikanischen Gelehrten, die in einem Brief an die Herausgeber dieser Zeitung geäußert hatten, Oettingers Pläne liefen auf einen Vandalismus hinaus, den man nur aus Kriegszeiten kenne, dürfen diesen Satz als Retourkutsche lesen. Bis gestern sah die für Karlsruhe geplante Profilbildung so aus, daß man eine weltweit angesehene Büchersammlung zerstören wollte. Jetzt gibt die Regierung ihren Kritikern recht - nicht ohne ihnen nachzurufen, daß man in Stuttgart keine Belehrung darüber brauche, was sich für ein Kulturvolk gehört.

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