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Leitartikel : Feindliche Einladung

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Das Jahr 1945 bezeichnet in Westeuropa eine Zeitenwende. Das Ende des schlimmsten Krieges, den der Kontinent erlebt hat, ist der Beginn einer besseren neuen Zeit. Aus den Trümmern erwuchs im Westen eine Gemeinschaft freier und reicher ...

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          Das Jahr 1945 bezeichnet in Westeuropa eine Zeitenwende. Das Ende des schlimmsten Krieges, den der Kontinent erlebt hat, ist der Beginn einer besseren neuen Zeit. Aus den Trümmern erwuchs im Westen eine Gemeinschaft freier und reicher Staaten, die zunächst einen Teil jenes Deutschlands, das seine Nachbarn zuvor mit Schrecken überzogen hatte, und dann (mit einigen Abstrichen) das ganze Land einschloß. Für dieses Westeuropa hat das Gedenken an die deutsche Kapitulation im Mai 1945 keine Zweideutigkeit. Darin ist es mit Rußland einig, in dessen Erinnerung die Verbrechen der deutschen Truppen die Stalins in den Schatten stellen.

          Im Baltikum existiert das Jahr 1945 als Ausdruck der Wendung zum Besseren nicht. Dort ist ein anderes Datum wichtiger: der 23. August 1939, der Tag des Hitler-Stalin-Paktes. Für die baltischen Staaten war die Niederwerfung des Nationalsozialismus keine Befreiung, sondern der Beginn einer anders gewandeten Okkupation. Während in Westeuropa der Wiederaufbau der Städte begann, brannten in Estland, Lettland und Litauen sowjetische Truppen Dörfer nieder und verschleppten etwa ein Zehntel der Bevölkerung nach Sibirien, wo Zehntausende an Hunger, Kälte und Zwangsarbeit elend umkamen.

          Diese Geschichte hat die EU mitaufgenommen, als die baltischen Staaten ihr beigetreten sind. Auch andere Neumitglieder brachten Erfahrungen mit, die mit dem in Deutschland wie in Frankreich oder Großbritannien gängigen Bild der Geschichte des Zweiten Weltkriegs kaum vereinbar sind. Zu Schwarz und Weiß kommen unbestimmbare Grautöne hinzu, schwererträgliche moralische Zweifelsfälle. Noch wollen die Altmitglieder das nicht sehen, doch im Baltikum werden sie darauf gestoßen, weil Rußland dort Geschichte zum Mittel der Machtpolitik machen will.

          Präsident Putin hat die Präsidenten der baltischen Staaten wie alle europäischen Staatsoberhäupter eingeladen, am 9.Mai zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes nach Moskau zu kommen. Doch was anderswo, auch in Berlin, als freundliche Einladung ankam, wurde in Tallin, Riga und Vilnius als ultimative Aufforderung zum Erscheinen vor Gericht zugestellt. Bei Nichtbefolgung wird mit Sanktionen gedroht. Damit einher gehen wohlorchestrierte Äußerungen, die daran erinnern, daß die Balten im Zweiten Weltkrieg auf der falschen Seite gestanden hätten.

          Tatsächlich haben Esten, Letten und Litauer am Ende des Zweiten Weltkriegs wie die Deutschen gegen die sowjetische Armee gekämpft, doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Ihre Untergrundbewegungen richteten sich auch gegen die deutschen Besatzer, in denen sie nach dem Jahr unter sowjetischer Herrschaft von Juni 1940 bis Juni 1941 aber das geringere Übel sahen. Ihre Lage war ausweglos: Gleichgültig wie sie handelten, sie unterstützten unmittelbar oder mittelbar entweder Hitler oder Stalin. Die Maßstäbe für Kollaboration und Widerstand, an denen das Geschehen in Frankreich oder den Niederlanden gemessen werden kann, passen hier nicht.

          Es gab in diesen drei Staaten eine verbrecherische Mitwirkung am nationalsozialistischen Judenmord. Doch jenseits der unmittelbaren Täter begann eine moralische Grauzone. Beispielhaft zeigt dies das Schicksal des Vaters von Vytautas Landsbergis: Er gehörte einem Gremium an, das den Deutschen im Angesicht des beginnenden Judenmordes Zusammenarbeit anbot, weil er darin die einzige Chance sah, den eigenen Staat wiederherzustellen - zugleich rettete er eine jüdische Familie über den Krieg. Esten, Letten und Litauer waren in einer Zwangslage, in der der einzelne zwar mit hohem Risiko moralisch richtig handeln konnte, in der es politisch aber nur falsche Entscheidungen geben konnte.

          Im Baltikum findet die Tragödie von damals derzeit Fortsetzung in einer diplomatischen Farce, die die Opfer verhöhnt. Moskau leugnet, daß die baltischen Staaten von der Sowjetunion besetzt worden sind, und bezeichnet Kritik an dieser Geschichtsklitterung als Versuch, den Ausgang des Zweiten Weltkriegs umzukehren, als Komplizenschaft mit dem Faschismus. Die lettische Präsidentin Vike-Freiberga hat die russische Einladung zum 9.Mai deshalb zunächst als "Beleidigung" bezeichnet. Nun wird sie doch reisen. Sie habe keine andere Wahl, rechtfertigte die Regierung die deswegen von ihren Landsleuten heftig kritisierte Präsidentin: Ein Fernbleiben Lettlands an einer Gedenkfeier zur Niederwerfung des Nationalsozialismus würde in Westeuropa falsch verstanden. Das Argument ist nicht neu - es wurde vom litauischen Präsidenten Brazauskas schon vor dem 50. Jahrestag des Kriegsendes vorgebracht.

          Die drei baltischen Präsidenten lehnten die Einladung nach Moskau damals dennoch ab. Mißverständnisse blieben aus, weil im Westen die Schwierigkeiten der Balten und Polen mit dem russischen 9. Mai nicht wahrgenommen wurden. Diesmal läßt der Kreml keinen Zweifel daran, daß ein Fernbleiben auch die Beziehungen zwischen Rußland und der EU belasten würde. Daher wird in den baltischen Staaten vermutet, entscheidend für den unerwarteten Sinneswandel der lettischen Präsidentin seien nicht die russischen Drohungen, sondern sei sanfter Druck aus Westen gewesen: Man wolle keinen Ärger.

          Es wäre schlimm, wenn das wahr sein sollte. Die europäische Einigung begann als Antwort auf eine historische Katastrophe. Soll sie weitergehen, soll die EU mehr sein als eine Freihandelszone, dann darf die Leidensgeschichte ihrer neuen Mitglieder nicht aus politischen Opportunitätsgründen ausgeblendet werden. Es ist an der Zeit, diese Geschichte endlich wahrzunehmen, so schwer auch zu ertragen ist, daß darin das Leiden der Opfer als einzige Gewißheit bleibt, weil Gut und Böse sich unentwirrbar verschränkt haben, wo die Völker zwischen zwei totalitäre Diktaturen geraten sind.

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