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Leitartikel : Ein Lob dem Revisionismus

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Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, belastet die Gegenwart mit einer weiteren Kontroverse. Ein halbes Jahrhundert nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge wirft der Präsident von Kroatien, das der EU beitreten will, ...

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          Italien und Kroatien streiten über die Vergangenheit. Auch die EU muss sich ihr stellen.

          Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, belastet die Gegenwart mit einer weiteren Kontroverse. Ein halbes Jahrhundert nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge wirft der Präsident von Kroatien, das der EU beitreten will, dem Präsidenten von Italien, das die EU mitbegründet hat, "offenen Rassismus, historischen Revisionismus und politischen Revanchismus" vor. Sogar die sonst in solchen Angelegenheiten stets zurückhaltende Europäische Kommission kam nicht umhin, die Wortwahl des kroatischen Präsidenten als unangemessen zu schelten. Anlass für die harschen Worte des Exkommunisten Mesic war die Äußerung des Exkommunisten Napolitano gewesen, dass die "summarischen Abrechnungen und nationalistischen Exzesse" der Tito-Kommunisten, verbunden mit slawischen Annexionsbestrebungen, nach dem Krieg zu einer "ethnischen Säuberung" Jugoslawiens geführt hätten.

          Da weder Napolitano noch die italienische Regierung den Pariser Friedensvertrag von 1947 in Frage stellt oder den Vertrag von Osimo aus dem Jahr 1975, der die Grenzen zwischen Jugoslawien und Italien endgültig festlegte, kann von einem italienischen "Revanchismus" nicht die Rede sein. Nicht minder absurd ist der Vorwurf des "Rassismus". Napolitano sprach zwar von Hass, Terror und "blutrünstiger Wut" in dieser "Barbarei des 20. Jahrhunderts". Aber wie anders hätte er die Greuel benennen können, die sich damals in Jugoslawien ereigneten? Waren die Männer, Frauen und Kinder, die erschlagen, zerstückelt oder halbtot in die Karsthöhlen geworfen wurden, alle "Faschisten"? War dies die "Vergeltung" für die Verbrechen, deren sich die italienischen Faschisten und die italienische Armee auf dem Balkan schuldig gemacht hatten? Oder ist es etwa falsch, von "slawischen Annexionsbestrebungen" zu sprechen, da Tito nicht nur den Anschluss von Triest, sondern explizit von ganz Julisch Venetien gefordert hatte?

          Verwunderlich, dass ausgerechnet ein Kroate einem Italiener vorwirft, den Faschismus nicht bewältigt zu haben. In der Gegenrichtung wäre ein solch pauschaler Vorwurf genauso falsch, enthielte aber ebenfalls einen wahren Kern. Zu lange wurden in Zagreb die Verbrechen der Ustasa an Juden, Serben und Roma verharmlost und relativiert. Viele Kroaten wissen nicht einmal, dass viele Juden während des Krieges ins italienisch besetzte Dalmatien flüchteten, um ihrer sicheren Ermordung zu entgehen. Denn im Unterschied zum italienischen Faschismus betrieb die kroatische Ustasa den Holocaust mit deutscher Gründlichkeit. In Italien wiederum wurden jahrzehntelang sowohl die italienischen Verbrechen in Jugoslawien als auch die jugoslawischen Verbrechen an Italienern verdrängt, vergessen oder explizit geleugnet. Dahinter steckte die opportunistische Überlegung, lieber über die Verbrechen der anderen zu schweigen, als über die eigenen sprechen zu müssen. Rom zeigte deshalb bis vor wenigen Jahren auch wenig Interesse an der Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen in Italien. Tatsächlich war die italienische Okkupation auf dem Balkan, von der Judenverfolgung abgesehen, um nichts weniger brutal als die deutsche.

          Der nationalkommunistische Reflex ließ Mesic übersehen, dass sich Napolitanos Worte nicht an Kroaten und Slowenen, sondern an die eigenen Landsleute und in erster Linie an die italienische Linke richteten. Napolitano sprach von einer "Verschwörung des Schweigens" und forderte damit explizit die Revision eines Geschichtsbildes, das in Italien wesentlich auf die kulturelle Hegemonie der Linken zurückgeht. Palmiro Togliatti hatte die italienischen Kommunisten in Julisch Venetien 1945 explizit dazu aufgefordert, sich Tito zu unterstellen. Noch in den achtziger Jahren wurde dort im Geschichtsunterricht das Buch eines kommunistischen Historikers als Lehrbehelf verwendet, der behauptet hatte, in den Karsthöhlen lägen nur die Überreste der Opfer der Faschisten und der Nazis. Wer an die Tragödie der "esuli" erinnerte, setzte sich dem Vorwurf aus, faschistische Sympathien zu hegen. Insofern hat Mesic recht, wenn er Napolitano "historischen Revisionismus" vorwirft. Napolitano hat tatsächlich ein Geschichtsbild revidiert, das auch sein eigenes war. Das ist zu loben.

          Wie Deutsche, Polen, Tschechen, Serben, Griechen, Albaner, Ungarn, Bulgaren, Rumänen oder Türken erinnern sich auch Italiener, Slowenen und Kroaten lieber des Unrechts und der Gewalt, denen ihre Eltern oder Großeltern zum Opfer fielen, als der Verbrechen, die im Namen ihrer eigenen Nationen begangen wurden. Zwei Generationen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wäre es an der Zeit, alle politisch, ethnisch oder religiös motivierten Verbrechen offen zu benennen und einhellig zu verurteilen, statt sie zu leugnen oder als bedauerliche "individuelle Entgleisungen" zu verharmlosen. Die EU, die sich als "Friedensprojekt" und "Wertegemeinschaft" versteht, wäre dafür der geeignete politische Rahmen. Doch hatte sie schon im Vorfeld der Ost-Erweiterung darauf verzichtet, sich dieses gesamteuropäischen Problems anzunehmen, obwohl es dem Europäischen Parlament durchaus möglich gewesen wäre, in einer Resolution einen für alle verbindlichen Konsens zu formulieren.

          Rom und Zagreb wird es gewiss gelingen, die von Mesic herbeigeredete Krise zu entschärfen. Die verhaltenen Reaktionen der Regierung Sanader deuten darauf hin, dass ihr der Alleingang des Präsidenten peinlich ist. Wenn daraus etwas gelernt werden kann, dann dies: 62 Jahre nach Kriegsende und 50 Jahre nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge ist es höchste Zeit, ein Geschichtsbild zu ändern, das Europa in Sieger und Besiegte aufteilt. Dazu allerdings wäre eine gesamteuropäische Anstrengung vonnöten.

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