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Lehrermangel : Groß, so groß ist die Not

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Besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik mangelt es an Lehrern Bild: dpa

Überall fehlen in Deutschland die Lehrer. Vor allem in den so genannten „Mint-Fächern“, Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaft, mangelt es an Lehrkräften. Helfen da Importkräfte aus Osteuropa?

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          Frankfurt. Schön sieht die Benediktinerabtei Schäftlarn aus und imposant. Sie liegt an der Isar im Süden von München, gar nicht weit weg vom Treiben der bayerischen Landeshauptstadt. Fleißige Patres betreiben dort eine Schnapsbrennerei, machen Honig, bewirtschaften den Wald und organisieren den Klosterladen. Unter ihrem Dach geschieht aber noch mehr. Kümmert euch um die Erziehung und Bildung der Jugend, hatte den Mönchen im Jahr 1866 Bayerns König Ludwig I. aufgetragen. Die Benediktiner machen es bis heute. Vierhundertvierzig Schüler gehen auf ihr Gymnasium, eine staatlich anerkannte Privatschule, 42 Lehrer unterrichten sie. Unter ihnen sind drei Osteuropäer: Ein Rumäne aus Siebenbürgen gibt Physik. Eine Russin und eine Polin erteilen Mathematikunterricht.

          Für den Deutschen Philologenverband müsste das eigentlich die ideale Besetzung sein: drei osteuropäische Lehrer, und dann auch noch für Fächer, für die in Deutschland besonders viele Lehrer fehlen. Es sind dies Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaft, die Fachwelt hat sie „Mint-Fächer“ getauft. Nur - die drei Osteuropäer sind nicht seit kurzem da, lehren schon seit ein paar Jahren am Gymnasium der Abtei Schäftlarn und haben zuvor seit langem bereits in Deutschland gelebt. Und alles klappt wunderbar, auch wenn es nach den Schilderungen des kommissarischen Schulleiters damals einige Mühe kostete, bis das bayerische Kultusministerium die ausländischen Examina anerkannte, die pädagogische Eignung der Kandidaten prüfte. Aber für Helmut Riedl kommt es ohnehin nicht auf die Nationalität eines Lehrers an, sondern auf seine Persönlichkeit, „seine Empathie für die Schüler“.

          Lieber in die Industrie gehen und das Dreifache verdienen

          Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Philologenverbands, würde dem sicherlich nicht widersprechen. Aber ihn drückt die Not vieler Schulen, und Not macht schließlich erfinderisch. Meidinger hat in der vergangenen Woche wieder einmal die Kultusministerkonferenz aufgeschreckt. Weil es von dieser keine Zahlen darüber gibt, wie viele Lehrer in Deutschland zurzeit fehlen, stellte sein Verband eine eigene Rechnung auf, schaute sich an, wie viele Aushilfskräfte hierzulande unterrichten, die keine Lehrerausbildung haben oder nicht entsprechend „nachqualifiziert“ wurden. Die Diplom-Übersetzerin beispielsweise, die bei Französisch einspringt, der Forstmann, der in Biologie aushilft. Das Fazit: Der Anteil dieser Aushilfslehrer wächst weiter; im nächsten Schuljahr wird er wohl über alle Schularten hinweg fünf Prozent aller Lehrer erreichen. Das wiederum entspricht nach Zählung des Verbandes 40.000 Lehrern. Da nicht alle vollbeschäftigt sind, kommt er auf eine Lehrerlücke von 30.000 Stellen.

          Nach Schätzungen des Philologenverbands werden im Herbst rund 40.000 Lehrer fehlen

          30.000 Stellen, die im Herbst nicht mit adäquat ausgebildeten Lehrern besetzt werden können - das hört sich nicht gut an. „Einen solchen eklatanten Mangel in den Mint-Fächern hatten wir noch nie“, schlägt denn auch Meidinger Alarm. Überall in Deutschland fehlen Lehrer, in fast allen westdeutschen Bundesländern vor allem in Mathematik und Physik, in allen ostdeutschen Bundesländern in modernen Fremdsprachen. Mancherorts findet sich niemand für Religion, Chemie, Musik oder Latein. Und es werden noch mehr werden, wenn die Pensionierungswelle ins Rollen kommt, in den nächsten zehn Jahren etwa 300.000 der momentan 800.000 Lehrer in den Ruhestand gehen, wie es der Deutsche Lehrerverband erwartet. Umgekehrt werden sich junge Leute, die Mathematik und Physik studieren, weiter überlegen, ob sie zwei Jahre Referendariat mit einem Grundbetrag von etwa 1000 Euro im Monat auf sich nehmen - oder nicht lieber in die Industrie gehen und das Dreifache verdienen. Das alles ist nicht neu, aber die Schulen müssen damit zurechtkommen.

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