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Legendenbildung : Der grausige Krieg der Daniela M.

Bild: Robert Bochennek

Eine frühere Bundeswehrsoldatin hat ein Buch über ihren Auslandseinsatz geschrieben. Sie behauptet, deutsche Soldaten hätten tatenlos dem Mord an Kindern zugesehen und aus Hunger Hundefleisch gegessen. Die Medien feiern die Autorin. Ob ihre Behauptungen stimmen, wird nicht gefragt.

          Die Show ist vorbei, und sie ist total toll gelaufen. Es waren ganz besondere Gäste da. Zwei Schauspielerinnen, zwei Journalisten, ein Nachrichtenvorleser, ein Kabarettist und eine Buchautorin. Lauter Individualisten, die gegen den Strom schwimmen und sich dabei nicht stören lassen von den wenigen Entgegenkommenden. Bei der After-Show-Party in den Räumen des Westdeutschen Rundfunks zu Köln plaudert die Moderatorin Bettina Böttinger jetzt bei öffentlich-rechtlichen Häppchen und Getränken noch ein wenig mit den Menschen, die sie zuvor in ihrer Talkshow "Kölner Treff" befragt hat. Das besondere Interesse des Abends gilt einer Frau, die in der Sendung zuletzt an der Reihe war, als dramaturgischer Höhepunkt: Daniela Matijevic, früher Bundeswehrsoldatin, jetzt Autorin. Sie hat im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, mit dem sie seit Monaten durch deutsche Talkshows und Redaktionen tingelt. "Mit der Hölle hätte ich leben können" lautet der Titel. Es ist ein Buch voller schrecklicher Details und grausamer Szenen, "die die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengen", so heißt es im Klappentext.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Im "Kölner Treff" wird die Verfasserin angekündigt als eine Frau, die 88 Tage im Krieg war "und dabei Dinge erlebt hat, die keiner von uns erlebt hat". Daniela Matijevic war als Rettungssanitäterin und Dolmetscherin im Kosovo. Weil ihre Eltern aus Bosnien nach Deutschland kamen, spricht sie fließend jene Sprache, die einst Serbokroatisch hieß. Was sie über ihren Einsatz berichtet, ist schockierend. So sei es schon in der Vorbereitungsphase im Ausbildungslager der Bundeswehr in Hammelburg durch "water boarding" zur Anwendung von Folter gekommen.

          Quatsch mit Soße

          Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit" und an diesem Abend Gast der Sendung, fragt erstaunt nach: Ob "water boarding" an ihr selbst verübt worden sei? Matijevic bestätigt das. Dann geht es um eine besonders entsetzliche Episode ihres Buches, die in fast jedem Interview erwähnt wird: Eines Tages habe sie den Befehl bekommen, in ein Dorf zu fahren, in dem 21 serbische Kinder von anderen Dörflern sexuell missbraucht worden waren. Zwei Wochen lang, so heißt es in dem Buch, befragten Matijevic und ihre Kameraden die Einwohner nach dem Fall.

          Besonders den kleinen Ivica schlossen sie ins Herz: "Ivica war ein schmächtiger Junge von etwa sieben Jahren . . . Der kleine Kerl war von ein und demselben Mann unzählige Male missbraucht worden. Daher lag es nahe, eine Gegenüberstellung zu initiieren, bei der Ivica seinen Peiniger identifizieren sollte." Doch der Versuch endet tragisch: "Wir gingen zum Dorfplatz, wo die Militärpolizei in der Zwischenzeit den beschuldigten Mann zusammen mit vier weiteren, unschuldigen Männern aufgestellt hatte . . . Doch in derselben Sekunde, in der Ivica mit seinen spindeldürren Ärmchen auf den Mann zeigte, griff dieser nach hinten und zog aus seinem Hosenbund einen kleinen Revolver. Er zielte auf den Jungen und drückte ab. Ein Schuss. Das Gesicht des kleinen Ivica explodierte." Wie es weiterging, erfährt der Leser nicht. Matijevic behauptet, sie habe einen Zusammenbruch erlitten und könne sich an nichts mehr erinnern. Nicht an den Namen des Dorfes, nicht an Kameraden, die dabei waren. Das Publikum in Köln ist dennoch beeindruckt von der Geschichte, und Frau Böttinger fragt Frau Matijevic, ob sie sich vor ihrem Einsatz im Kosovo habe vorstellen können, "was Krieg eigentlich bedeutet". Antwort: "Als westlich orientierter, zivilisierter Mensch, der die Demokratie kennt und sie zu lieben gelernt hat, war es einfach so, dass ich Krieg nur aus ,Platoon' kannte."

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