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Lateinamerika : Die sozialen Konflikte vor Augen

  • -Aktualisiert am

Erzbischof Hummes: „Ernsthafter Dialog mit den Wissenschaften” Bild: REUTERS

Die katholische Kirche steht in Lateinamerika vor großen Aufgaben: Neben der Bekämpfung der Armut wird der kritische Ruf nach pragmatischem Realismus laut. Wird sich die Kirche in Zukunft stärker an der Realität orientieren?

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          „Man kann auf neue Fragen keine alten Antworten geben.“ Schon mit diesem schlichten Satz hat es der brasilianische Kardinal Claudio Hummes bei den Spekulationen um einen möglichen Papstnachfolger aus Lateinamerika zu einer Favoritenrolle gebracht.

          Von seinen theologischen Anschauungen zwar eher konservativ und standfest, hat er jedoch deutlicher als viele andere eine Art Profil eines künftigen Papstes entworfen, der für die Bewältigung der Probleme dieser Weltregion geeignet sein könnte. Hummes, ein Deutschstämmiger aus Brasiliens Süden, plädiert vor allem für ein stärker an der Realität ausgerichtetes Engagement der katholischen Kirche bei der Bekämpfung der Armut.

          Dilemma der Kirche

          Als Erzbischof von Sao Paulo kann Hummes die sozialen Probleme Lateinamerikas Tag für Tag wie in einem Brennglas beobachten. In der größten brasilianischen Stadt konzentrieren sich großer Reichtum und bittere Armut, die Stadt ist eines der anschaulichsten Beispiele dafür, daß beide Extreme immer weiter auseinanderklaffen.

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          „Eine Welt, die sich immer rasanter fortentwickelt, mit immer schnelleren Fortschritten in Wissenschaft und Technik, aber auch eine Welt, die im Egoismus und Individualismus lebt und der es an Brüderlichkeit fehlt“, so beschreibt der Erzbischof von Salvador da Bahia, Geraldo Kardinal Majella, gegenwärtig Präsident der brasilianischen Bischofskonferenz und gleichfalls „papabile“, aus ähnlicher Perspektive wie Hummes die soziale Lage Lateinamerikas.

          Mit „Befreiungstheologie“ und anderen Kampfbegriffen haben solche Äußerungen nicht mehr viel zu tun. Sie beschreiben das Dilemma der Kirche zwischen den Fronten einer Konsumwelt und einer in die Hoffnungslosigkeit abdriftenden Armutsgesellschaft.

          Hummes: „Ernsthafter Dialog mit den Wissenschaften“

          Zugleich wird in Lateinamerika die unter Johannes Paul II. gewachsene Kluft zwischen den Vertretern der Basiskirche, die soziale Mißstände in den Elendsquartieren zu mildern versuchen, und einer Kirchenführung deutlich, die sich vorrangig um die Einhaltung der reinen Lehre sorgt. Hummes verlangt von dem künftigen Papst einen „flüssigen Kontakt und ernsthaften Dialog mit den Wissenschaften“.

          Darin steckt die unverhohlene Aufforderung an die Kirche, sich intensiver als bisher mit der ungestümen Entwicklung in den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen. Zugleich kommt darin das Bedürfnis zum Ausdruck, die Debatte innerhalb der Kirche über bio- und sexualethische Fragen stärker an der Wirklichkeit einer zerrissenen Gesellschaft mit einem trostlosen Familienalltag der Armen zu orientieren.

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          Die Forderung nach einer intensiveren Beschäftigung der Kirche mit den Fortschritten in den Naturwissenschaften, die auch von anderen Kardinälen erhoben wird, rückt Jorge Bergoglio ins Blickfeld. Der Erzbischof von Buenos Aires hat eine Ausbildung als Chemie-Ingenieur absolviert, und die Erwähnung dieser Station in seiner Vita wirkt allein schon dem Verdacht entgegen, bei ihm handle es sich um einen weltfremden Theoretiker.

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