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Landwirtschaft : Der Bauer als Marke

Landwirt Etzel in seinem Blütenkranz: ökologisch wertvolles Marketing Bild: Daniel Pilar

Einst war er ein „Anführer in der chemisierten Landwirtschaft“ und setzte Pestizide ein - heute setzt er ganz auf „Bio“. Landwirt Etzel hat einen Riecher für Trends. Nun will er dank eines Öko-Patents mit Lebensmittelkonzernen ins Geschäft kommen.

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          Paul Erich Etzel wollte schon immer der Beste sein. Mit vierzehn setzte er sich in der landwirtschaftlichen Fachschule im mittelhessischen Usingen jeden Tag in die erste Bank, um nichts zu verpassen. Paul Erich wollte nicht aufs Gymnasium wie die Brüder. Er wollte Bauer werden. „Als Bauer war es verpönt, auf eine höhere Schule zu gehen“, sagt der 69 Jahre alte Mann mit den hellen Augen und den großen Händen.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anderthalb Jahre später war Etzel Bauer. Mit fünfzehn übernahm er den Hof des Vaters in Wehrheim im Taunus, einen Nebenerwerbsbetrieb der Familie von Sägewerksbesitzern: zwei Pferde, sechs Kühe, sechs Schweine. Das war 1955. Bis Etzel aber der „Bauer Etzel“ wurde, eine Verkörperung des deutschen Öko-Landwirts schlechthin - bis dahin sollten noch Jahrzehnte vergehen.

          „Weg vom Zwang der Turbo-Produktion“

          Zunächst einmal gewann seine Else einen Preis. „1956 hatte ich schon die beste Kuh in Hessen.“ Etzel wirft Schwarzweißfotos auf den runden Holztisch in der Bauernstube. „Die hat 8000 Liter Milch im Jahr gegeben.“ 1958 hatte Etzel den ersten Mähdrescher in Wehrheim. 1960 wurde er 21, heiratete und übernahm von der Familie seiner Frau den 400 Jahre alten einstmals kurhessischen Hof, ebenfalls in Wehrheim. „Das war das größte Anwesen im gesamten Hintertaunus.“ Seine Frau kannte er aus der Landjugend. Sie weinte damals viel - nicht, weil „wir uns, wie das damals üblich war, nach der Hochzeit erstmals als Menschen richtig begegnet sind“. Sondern weil Vieh und Maschinen fehlten, denn der Hof hatte 60 Jahre lang brachgelegen.

          Schon mit 16 besaß Bauer Etzel mit Else die beste Kuh in Hessen

          An diesem Vorfrühlingstag hat Frau Etzel mittags Pfannkuchen gebacken, und nachmittags feiert die Großfamilie den 18. Geburtstag des ältesten Enkels Moritz. Er will auch Bauer werden. Der Opa sagt: „Der ist wie ich.“ Dann berichtet er, dass er natürlich auch der Erste war in Wehrheim, der Pestizide auf seine Felder spritzte. „Ich war der Anführer in der chemisierten Landwirtschaft.“ Während seine Tochter nebenan in der Küche Geburtstagskaffee kocht, erzählt Etzel die Geschichte seines Sinneswandels. Wie er nach und nach merkte, dass „das irgendwie gegen mich ging“. Etzel sagt: „Ich wollte mich und meine Familie vom Zwang der Turbo-Produktion befreien.“ Damit meint er nicht nur die Pestizide, sondern zum Beispiel auch den Embryonen-Transfer in der Rinderzucht. „Diese immer feineren Stellschrauben - das mündet jetzt in die Gentechnik.“

          Ein blühendes Marketinginstrument

          Etzels Tochter steckt den Kopf zur Tür herein und sagt, sie wolle jetzt aber wirklich den Tisch decken. Etzel setzt sich einen Hut mit breiter Krempe auf, überquert den Innenhof mit dem Hofladen, den seine Tochter führt, und steigt in seinen neuen weißen Jeep. Den hat er sich wegen seiner Hüfte gekauft, das Einsteigen in flachere Autos ist ihm zu mühsam geworden. Auf der Fahrt durch die Taunushügel erzählt er, dass er zwar noch selbst pflügt, die Viehzucht aber ganz dem Sohn überlassen hat. Die Tiere fehlen ihm. „Schon als Kind habe ich auf dem Melkschemel gehockt. Dieser Geruch des Stalls, der Geruch der Milch, dieses Süße, die Atemluft der Kuh, das hat mich -.“ Etzel sucht ein Wort. Dann sagt er: „Berieselt. Inspiriert.“

          An einem Feldweg verlässt Etzel den Wagen. Er breitet die Arme aus und sagt: „Hier sind die besten Böden im Usinger Land.“ Der Öko-Bauer steht jetzt vor der „Krone meiner Schöpfung“. So nennt er den fahl-silbernen Kranz aus verwelkten Blüten, der sein Feld umgibt. Jeder seiner Äcker ist so geschmückt, und natürlich, sagt er, sei das im Sommer noch schöner. Aber es gehe hier nicht nur um Schönheit, sondern auch um „drei handfeste Argumente“. Die zählt Etzel sogleich auf.

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