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Landtagswahlen Sachsen-Anhalt : Das Leben der Anderen

Die DDR wirkt in Sachsen-Anhalt noch nach. Das Wahlverhalten dort ist längst nicht so eingespielt wie im Westen. Das aber ist kein Grund für Hochmut.

          Komisch, dass die im Osten immer noch so anders sind – und wählen. So denken nicht wenige in der alten Bundesrepublik. Man schämt sich ein bisschen für die Brüder und Schwestern drüben, die es immer noch nicht begriffen haben. Doch es wäre ein Wunder, wenn das (Wahl-)Verhalten dort schon genauso eingespielt wäre wie im Westen. Ganz abgesehen davon, dass es auch in den „alten“ Ländern erhebliche landsmannschaftliche und Mentalitätsunterschiede gibt: Auch nach bald einer Generation, die keine Mauer mehr kennt, wirkt die DDR noch nach.

          Zu der vom SED-Regime zu verantwortenden Lage gehören die hohe Arbeitslosigkeit (bald drei Mal so hoch wie in Baden-Württemberg), der Wegzug der Jungen und Tatkräftigen, der im Grunde schon vor dem Bau der Mauer einsetzte, das Fehlen von Fremden und eines Mittelstands sowie die Unkenntnis der Mechanismen und Regeln der Mediengesellschaft – oder der Unwille, sich diese anzueignen. Da ist viel weggebrochen und anderes hochgekocht, was niemals Gewalt rechtfertigt, aber Frustration und Denkzettel verständlich macht.

          Die Wanderung der Wähler von der Linkspartei zur AfD jetzt in Sachsen-Anhalt ist Ausdruck davon. Die SED-Nachfolgepartei ist nicht mehr die Volkspartei, die sie lange war, und ihre ideologische Bindekraft ist eben auch begrenzt. Das dürfte auch mit Blick auf die AfD gelten. Eines sollte dabei nicht untergehen: Das angeblich entbürgerlichte Sachsen-Anhalt wird auch künftig einen bürgerlichen Ministerpräsidenten haben. Das gebeutelte Land gehört genauso dazu wie alle anderen. Hochmut ist fehl am Platze.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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