https://www.faz.net/-gpf-7ecuk

Landtagswahl in Hessen : Diese Menschen

Der Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel begibt sich auf Sommertour zum Thema „Repekt vor harter Arbeit in Hessen“ Bild: Röth, Frank

Der Spitzenkandidat der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, will Geringverdiener für seine Partei gewinnen - und spricht darüber ausgerechnet mit ihren Arbeitgebern.

          3 Min.

          Der Chef der Baukranfirma im hessischen Maintal ist schwer beeindruckt von den Fahrkünsten des SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel. „Der hat noch nie so eine Maschine gefahren und gleich das richtige Feeling dafür. Das hat noch kein angehender Ministerpräsident gemacht“, sagt Claus Eisele im breiten Frankfurter Zungenschlag. Geradezu lässig hat Schäfer-Gümbel mit dem 600 PS starken und 140 Tonnen schweren Baukranlaster gerade eine Runde auf dem Firmengelände gedreht und dann auch noch passgenau rückwärts eingeparkt. Mit einem breiten Grinsen klettert er aus der Fahrerkabine und lässt sich feiern wie ein Wahlsieger.

          Thomas Holl
          Redakteur in der Politik.

          Noch sind es 45 Tage bis zur Landtagswahl am 22. September und noch sind in Hessen zwei Wochen Sommerferien, in denen es Politiker besonders schwer haben, Bürger mit ihren Botschaften zu erreichen. Doch wie Amtsinhaber Volker Bouffier (CDU) ist auch sein SPD-Herausforderer schon als Wahlkämpfer unterwegs im Land. An diesem Tag vor allem an Orten, wo der selbst in sozial schwierigen Verhältnissen aufgewachsene Schäfer-Gümbel die Arbeitsbedingungen einst klassisch sozialdemokratischer Wähler aus der Arbeiterschaft kennenlernen will. Viele dieser Wähler haben in den vergangenen Jahren der SPD enttäuscht den Rücken gekehrt und sind in das Lager der Nicht- und Protestwähler gewandert.

          Eigenes Wählerpotential noch nicht ausgeschöpft

          Für die SPD in Hessen wird es wie im Bund darauf ankommen, gerade diese Wähler zu mobilisieren, um einen Regierungswechsel zu schaffen. In der hessischen SPD wiederholt man zwar wie ein Mantra die Analyse mancher Meinungsforscher, dass CDU und FDP ihr Wählerpotential weitgehend „ausmobilisiert“ haben. Doch ihr eigenes Wählerpotential hat die SPD nach eigener Einschätzung selbst noch nicht ausschöpfen können. „Das ist die Frage: Wie erreichen wir diese Menschen kommunikativ? Bei einem Gehalt von 1400 Brutto leisten die sich keine Zeitung, hören vielleicht Radio oder schauen Fernsehen,“ sagt Schäfer-Gümbel während der Busfahrt zwischen zwei Wahlkampfterminen. Wie im erfolgreichen Oberbürgermeister-Wahlkampf des SPD-Kandidaten Peter Feldmann in Frankfurt werde man „Häuserwahlkampf“ in Vierteln mit einkommensschwachen Bewohnern machen. „Da ist die direkte Ansprache etwa für Mindestlohn notwendig.“ Einen anderen Teil dieser von der Politik enttäuschten Menschen erreiche man auf der Gefühlsebene: „Für die ist Glaubwürdigkeit wichtig, die wollen Emotionen spüren. Die fragen sich: Nehm’ ich dem ab, dass er meine Arbeitsbedingungen und mein Leben verbessern will?“ Als Motto seiner Sommertour hat Schäfer-Gümbel deshalb auch das ehrlich klingende Motto „Respekt vor harter Arbeit“ gewählt. Mitgenommen hat der Spitzenkandidat seine Arbeits- und Sozialministerin in spe, die Politologin Bärbel Feltrini. Die Tochter des früheren hessischen SPD-Sozialministers Armin Clauss ist als Vorstandsmitglied der Gewerkschaft IG Bau eine Frau vom Fach bei diesem Thema.

          Doch statt einfacher und oft ungelernter Arbeitnehmer, die für geringen Lohn malochen, kommen Schäfer-Gümbel und die mehr zuhörende als fragende Feltrini wie in Maintal mehr mit den Chefs der besuchten Firmen ins Gespräch. In Maintal etwa preist Geschäftsinhaber Eisele überschwänglich die Wirtschaftskraft, Infrastruktur und Arbeitsmoral in Deutschland, die viel besser sei als in all den anderen Ländern wie Italien oder Kanada, die er schon bereist habe. „Über Deutschland muss niemand schimpfen. Hier kann es jeder schaffen mit harter Arbeit und wenn er ein bisschen Glück hat.“ Schäfer-Gümbel hört sich dieses indirekte Lob auch für die Arbeit der schwarz-gelben Bundesregierung schmallippig an.

          Bekenntnis zum Einhalten der Steuermoral

          Belohnt für seinen Besuch wird der Sozialdemokrat neben der Baukranfahrt jedoch noch mit einem Bekenntnis des Unternehmers zum Einhalten der Steuermoral. „Steuern muss man zahlen. Wenn niemand Steuern zahlt, kann der Staat seine Aufgaben wie Straßenbau nicht leisten.“ Am Frankfurter Flughafen hatte Schäfer-Gümbel zuvor beim Besuch der Catering-Firma LSG Sky Chefs gelernt, wie Hunderte Mitarbeiter - meist Frauen - per Hand, im Stehen und in Schichtarbeit die Bordverpflegung für Millionen von Passagieren der Lufthansa und vielen anderen Airlines zubereiten und verpacken. Zehn Euro die Stunde werden hier als Einstiegslohn gezahlt, hinzu kommen Zuschläge bei Nachtarbeit.

          Bevor er seinen Rundgang im weißen Kittel und mit Schutzhaube durch die Produktionsräume beginnt, erklärt Schäfer-Gümbel den Geschäftsführern der Lufthansa-Tochter in der Besucherlounge den Grund seiner Visite: „Es gibt eine Menge von Berufsfeldern, wo Menschen hart arbeiten und nicht unerheblich zum Reichtum unseres Landes beitragen, aber selbst keine Reichtümer nach Hause tragen. Diese Menschen will ich in den Fokus stellen, weil es ohne sie nicht geht.“ Mit „diesen Menschen“ kommt Schäfer-Gümbel wenig später nur im unpolitischen Smalltalk in Tuchfühlung, seine schöne Würdigung ihrer harten Arbeit lässt er in der Chefetage zurück. Eine Frau, die gerade asiatisches Fingerfood in kleinen Schalen drapiert, fragt er freundlich, ob sie abends noch selbst koche, wenn sie den ganzen Tag hier gestanden habe. Lachend antwortet sie: „Mehr als vorher.“ Schäfer-Gümbel wünscht ihr: „Frohes Schaffen“.

          Weitere Themen

          Gespräche für Hungerstreikenden nach Wahl Video-Seite öffnen

          Laschet bietet an : Gespräche für Hungerstreikenden nach Wahl

          Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) hat den Hungerstreikenden in Berlin gemeinsam mit den beiden anderen Kanzlerkandidaten ein Gespräch angeboten - allerdings erst nach der Bundestagswahl. Bei einer Wahlkundgebung in Bremen wurde Laschet immer wieder von Zwischenrufern unterbrochen.

          Topmeldungen

          Australien taucht ab – aber nicht mehr mit U-Booten aus Frankreich.

          Sicherheitspakt im Pazifik : Ein Deal entzweit den Westen

          Australien, die USA und Großbritannien haben einen Sicherheitspakt geschlossen, der Canberra Zugang zu Atom-U-Booten ermöglicht. Frankreich fühlt sich durch die Vereinbarung betrogen und reagiert enttäuscht.
          Authentizität, Professionalität und Perfektion: Frauen haben es bei Bewerbungsbildern nicht leicht.

          Empfehlungen für Frauen : So wird das Bewerbungsbild perfekt

          Immer besser, hoffentlich perfekt: Was Bewerbungsfotos betrifft, bewegen sich Frauen auf einem schmalen Grat. Der Wunsch, sich optimal zu präsentieren, kann schnell nach hinten losgehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.