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Lager für alte Atom-U-Boote : Deutsche Hilfe für Russlands strahlendes Erbe

  • -Aktualisiert am

Sorgenkinder: Zwei alte Atom-U-Boote im April 2010 im Hafen von Murmansk Bild: Photopool

Berlin hat viel Geld zugesagt, um nahe Murmansk ein sicheres Lager für Überreste von Atom-U-Booten zu errichten. Risiken für Menschen und Umwelt sollen so beseitigt werden.

          7 Min.

          Friedlich liegt der einstige Kraftprotz „Lenin“ im Hafen von Murmansk im äußersten Nordwesten Russlands an den Haltetauen. Er kreuzt längst nicht mehr im Nordpolarmeer. Im Schiffsbauch lauscht eine Schulklasse dem Museumspersonal, das ihnen erzählt, was dieser erste sowjetische Atomeisbrecher so alles konnte, damals, als er noch in Betrieb war und kein Mensch daran dachte, dass die „Lenin“ je zum Museumsschiff werden könne. Lange Gesichter beim Personal und den Kindern gibt es erst, als ein Ausländer fragt, ob es stimme, dass einer der Atomreaktoren der „Lenin“ nach einem Unfall kurzerhand im Nordmeer versenkt wurde.

          Immerhin geht von diesem Schiff keine Gefahr mehr für die Menschen in Murmansk aus. Bei einem Versorgungsschiff der Eisbrecherflotte, der „Lepse“, war das anders. Es hatte verrottete Behälter mit Brennelementen aus Reaktoren an Bord, die ohne Gefährdung der Bevölkerung nicht entfernt werden konnten, und jede Menge anderen Atommüll. Die „Lepse“ lag jahrelang nur wenige Kilometer vom Murmansker Stadtzentrum entfernt am Pier bei „Atomflot“. Erst vor einem Jahr wurde sie endlich in die weiter nördlich gelegene Nerpa-Werft geschleppt, wo das Schiff abgewrackt, zerlegt und entsorgt werden soll. Auch die „Wolodarskij“, eine schwimmende Versorgungsplattform mit Atommüll von Eisbrechern und atomar angetriebenen Unterseebooten der einstigen sowjetischen Nordmeerflotte, lag lange Zeit bei „Atomflot“, bis sie im Sommer schließlich in die Sajda-Bucht einige Autostunden nordwestlich von Murmansk geschleppt wurde.

          Gestrandete Wale aus Stahl

          In der Menschentraube an einer Bushaltestelle am Murmansker Leninprospekt fühlen sich viele dennoch nicht sicher. Sie haben Angst vor dem strahlenden Erbe aus der Zeit des Kalten Krieges und sagen es frei heraus. Es geht ihnen dabei nicht nur um Murmansk, sondern auch um die Umgebung, im Grunde um die gesamte Halbinsel Kola, auf der die Stadt liegt. Denn bis vor gar nicht langer Zeit trieben in den Buchten der Halbinsel ganze Rudel außer Dienst gestellter Atom-U-Boote wie gestrandete Wale aus Stahl im Wasser. Sie wurden nicht richtig entsorgt, trugen teilweise sogar noch nuklearen Treibstoff im Leib und rosteten vor sich hin. Nach dem Zersägen in Dreiersektionen – die mittleren Reaktorsektionen und jeweils zwei leere Nachbarsektionen, die für den besseren Auftrieb nicht abgetrennt wurden – dümpelten sie an vielen Stellen der Küste in den Wellen. In der Andrejewa-Bucht im Westen oder in Gremicha im Osten der Kola-Halbinsel verrotteten Behälter mit Brennelementen aus den Reaktoren von U-Booten und anderer Atommüll in Lagern, um deren Infrastruktur und Anlagen sich keiner kümmerte.

          Die Sowjetunion war unter Michail Gorbatschow zum Abrüsten bereit gewesen, um durch ein Ende des Wettrüstens mehr Luft für die zivilwirtschaftliche Entwicklung zu bekommen oder wenigstens den Staatsbankrott abzuwenden. Moskau wollte 250 Atomunterseeboote der Nordflotte und der Pazifikflotte außer Dienst stellen. Angeblich sind noch bis zu 30 davon in Betrieb. Bei etwa 200 wurden mehr schlecht als recht mit der „Entsorgung“ begonnen. Russland ließ den Dingen dann später aus Mangel an Geld und aus Desinteresse lange Zeit einfach ihren Lauf. Im Norden wie im Fernen Osten war das Ergebnis: strahlender Rost. Der Meeresboden in der Kara-See östlich des Inselarchipels Nowaja Semlja war bereits früher zur größten atomaren Müllhalde der Welt geworden. Während des Kalten Krieges und kurz danach waren ausgediente Atomunterseeboote und etwa 20 verseuchte Versorgungsschiffe geheim „entsorgt“ worden. Sie wurden mit Bitumen, Beton und Konservierungsmitteln gefüllt und versenkt. Versenkt wurden ebenfalls Container mit radioaktivem Müll und 14 Reaktoren, zum Teil samt den Brennelementen. In 33 Metern Tiefe tickt vor Nowaja Semlja eine besonders gefährliche Zeitbombe an der Stelle, an der vor drei Jahrzehnten das Atom-U-Boot K-27 („Goldfischlein“) auf Grund geschickt wurde. Der defekte Reaktor enthält hochangereicherten Nuklearbrennstoff. Nur wenige Liter Wasser, die durch ein Loch eindringen könnten, das durch Korrosion entstünde, würden zu einer nuklearen Kettenreaktion führen. Aus dem „Goldfischlein“ vor Nowaja Semlja würde eine gewaltige Atombombe.

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