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Kurt Beck : Volksverbunden

  • -Aktualisiert am

Kurt Beck (2003) Bild: dpa

Kurt Beck kennt seine Grenzen. "Einem alten Bären kann man das Tanzen nicht mehr beibringen", so beschied er einen Mitarbeiter der Mainzer Staatskanzlei, als dieser seine Besorgnis über die Leibesfülle seines Chefs äußerte und zu mehr Bewegung riet.

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          Kurt Beck kennt seine Grenzen. "Einem alten Bären kann man das Tanzen nicht mehr beibringen", so beschied er einen Mitarbeiter der Mainzer Staatskanzlei, als dieser seine Besorgnis über die Leibesfülle seines Chefs äußerte und zu mehr Bewegung riet. Der frischgewählte Stellvertreter von Gerhard Schröder im SPD-Bundesvorstand gehört zur Spezies der übergewichtigen und gleichzeitig selbstbewußten rheinland-pfälzischen Genußmenschen. Nirgendwo in Deutschland weist der Body-Mass-Index der Menschen, so das Ergebnis eines Mikrozensus, solche Extremwerte auf wie an Rhein und Mosel. Deshalb auch kann kein Landespolitiker sich bei den Sympathiewerten mit denen des Kurt Beck vergleichen. Denn der ist schon äußerlich einer der Ihren. Was aus dem anders gebauten Vorgänger, dem Westerwälder Rudolf Scharping, geworden ist, dessen Platz in der Spitzengruppe der Bundespartei nun Beck eingenommen hat, ist bekannt.

          Seine politische Rolle definiert Kurt Beck als die des ausgleichenden Elementes. Auch deshalb zählt die aus dem Norden des Landes kommende SPD-Linke Andrea Nahles, die den Widerspruch zur herrschenden Parteilinie zum Vehikel ihres Fortkommens macht, nicht eben zu den engsten Parteifreundinnen des Südpfälzers. Beck ist stolz darauf, nicht als Überflieger in den Spitzenrängen der Politik angekommen zu sein. Der in Bergzabern geborene Sohn eines Maurers hat den Realschulabschluß in Abendkursen nachträglich erworben und sich als Techniker weiter ausbilden lassen. Der politischen Karriere in Gewerkschaft und Partei kam seine Volksverbundenheit zupaß, die er bis heute durch regelmäßige Sprechstunden in seinem südpfälzischen Heimatort Steinfeld weiter pflegt. Beck ist mit einer Friseuse verheiratet. Sein Sohn praktiziert als Rechtsanwalt.

          Die in deutschen Landen atypische Mainzer Koalition von SPD und FDP, der Beck seit 1994 vorsteht, ist ihm in mehr als neun Jahren als Ministerpräsident nicht aus dem Ruder gelaufen. Sie verlangt den Verzicht auf ideologische Sperenzien, gelegentlich aber auch das Nachgeben in Angelegenheiten, die sozialdemokratische Grundsätze berühren. Dazu gehört Becks Credo, wonach der Wohlhabende sich vor der Pflicht, seinen Beitrag zum Wohle des Ganzen zu leisten, nicht drücken solle. Die Hilfe seiner Landesregierung beim Aufbürden neuer Lasten für Leistungsträger ist gleichwohl nicht zu erwarten. Die FDP aus Mainz kann im Bundesrat jedes zustimmende Votum zu solchen Beschlüssen der Bundestagsmehrheit verhindern. In der Landespolitik hat Beck nach den für die FDP enttäuschend verlaufenden Landtagswahlen 2001 ihr ein wenig die Daumenschrauben anlegen können. Das hat Becks innerparteiliche Stellung weiter gefestigt.

          Als bodenständiger Pragmatiker tut sich der 54 Jahre alten Beck mit großen Entwürfen schwer. Und wo er sich gemeldet hat, da sind seine Vorstöße - so zur Einführung einer Luxussteuer, zum Erlaß der Hundesteuer für Tiere aus dem Asyl, zur Gründung von Vermittlungsagenturen für sozialversicherungspflichtige Haushaltshilfen oder zur Förderung des deutschen Liedgutes im öffentlich-rechtlichen Radio - schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Als Glücksfall hat sich hingegen der mit seinem Namen verbundene flächendeckende Ausbau der Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz erwiesen. Hier hat er breite Zustimmung erfahren.

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