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Kulturgüterschutz bei Kriegen : Schüsse auf die Zivilisation

  • -Aktualisiert am

Januar 2011: Ein ägyptischer Soldat bewacht kostbare Artefakte des Ägyptischen Museums in Kairo, nachdem dort Plünderer und Vandalen eingebrochen waren Bild: dapd

In vielen Teilen der Welt bedrohen Kriege das kulturelle Vermächtnis der Menschheit. Mit jedem zerstörten Denkmal und jedem vernichteten Buch verblasst der historische Fingerabdruck unserer Vorfahren. Wie aber lassen sich Kulturgüter in Kampfgebieten retten?

          Erst vor kurzem haben ISIS-Terroristen im Irak unzählige Grabstätten, Schreine und Gebetssteine rund um Mossul verwüstet. Der religiös motivierte Bildersturm gegen Kulturschätze nimmt nicht ab. Ganz im Gegenteil, immer mehr wird in Kriegen und bewaffneten Konflikten nicht nur auf die Infrastruktur des Gegners gezielt, sondern vor allem auf seine Identität. So ist die Zerstörung von Kulturgut eins der Primärziele in der modernen - asymmetrischen - Kriegsführung. Das kulturelle Erbe des Feindes soll nachhaltig beschädigt oder gar vernichtet werden.

          Deswegen zertrümmern Terroristen, Rebellen oder Söldnerarmeen mutwillig archäologische Stätten, sakrale und weltliche Denkmäler oder plündern Bibliotheken, Archive und Museen. Die Sprengungen der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan-Tal oder der Brücke von Mostar sind nur einige Beispiele. Angegriffen wird dabei oft auch prächristliches und christliches Kulturgut. Um weiteren Zerstörungen von Weltkulturerbe entgegenzuwirken, soll nun eine Zwei-Säulen-Strategie mit zivilen NGO-Helfern und konkreten Militäroffensiven Abhilfe schaffen.

          Gegen das Vergessen

          Eine Nichtregierungsorganisation bemüht sich besonders um einen globalen und interkulturellen Kulturgüterschutz: das „International Committee of the Blue Shield“ (ICBS) mit 23 Nationalkomitees und Sitz in Den Haag. Gegründet wurde das ICBS im Jahr 1992.

          Schwarze Rauchwolken über der brennenden Altstadt von Dubrovnik im November 1991

          Ausschlaggebend für die Schaffung einer internationalen Organisation, die sich konsequent dem Schutz des Kulturerbes widmet, waren die Jugoslawien-Kriege in den 1990er Jahren. So wurden 1991 die historische Altstadt von Dubrovnik in Kroatien durch die Jugoslawische Volksarmee bombardiert und in Mostar, Bosnien-Hercegowina, die beinahe 500 Jahre alte Brücke „ Stari most“ durch die Armee des kroatischen Verteidigungsrates gesprengt.

          Die „Stari Most“ Brücke von Mostar, Bosnien-Herzegowina war im 16.Jahrhundert ein Meisterwerk der osmanischen Ingenieurbaukunst.

          Wie das Rote Kreuz im Krieg die Menschen zu schützen versucht, so will das Blue Shield für die bedrohten Kulturgüter sorgen. Deshalb bietet das ICBS spezielle Notfallpläne,Workshops, Hilfsprojekte und einen Pool von Experten an. Auch werden regelmäßig Beobachterteams in potentielle Konfliktregionen geschickt, um den tatsächlichen Zustand von archäologischen Grabstätten, Baudenkmälern und anderen historischen Artefakten zu dokumentieren. Aktiv war das Blue Shield vor allem in den zuletzt von Bürgerkrieg und Terror gebeutelten Krisenregionen Mali, Syrien, Ägypten und Libyen.

          Militärische Verpflichtung?

          Der Kulturgüterschutz in militärischen Konflikten ist schon seit 60 Jahren eindeutig im Humanitären Völkerrecht verankert, anwendbar bei internationalen und nicht internationalen bewaffneten Konfrontationen sowie im Fall der militärischen Besetzung fremden Gebietes. Damit verbunden gewinnt auch die Krisenbewältigung durch friedensunterstützende Aktionen einen höheren Stellenwert als je zuvor. Darunter fallen sowohl die Nato-geführten Crisis Response Operations, als auch die von der EU koordinierte Crisis Management Operations.

          Eine explizite völkerrechtliche Schutz-Verpflichtung besteht sogar schon seit 1954. In der „Vereinbarungen über den Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“ heißt es, „dass jede Schädigung von Kulturgut, gleichgültig welchem Volke es gehört, eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit bedeutet, weil jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt leistet“.

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