https://www.faz.net/-gpf-9rj6u

Künstliche Befruchtung : Das gefährlichste Gesetzesvorhaben

Ein Monitor zeigt in einem Kinderwunschzentrum eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (Icsi). Ein neues Gesetzesvorhaben in Frankreich sieht die zukünftige Kostenübernahme für eine künstliche Befruchtung auch für lesbische Paare und alleinstehende Frauen vor. Bild: dpa

In Frankreich sollen sich bald auch alleinstehende Frauen auf Kosten des Staats befruchten lassen dürfen. Katholische Verbände rufen zum Protest dagegen auf.

          4 Min.

          Die Nationalversammlung in Paris berät seit Dienstag über das laut Emmanuel Macron „gefährlichste aller Gesetzvorhaben“. Gemeint hat der französische Präsident sein Wahlkampfversprechen, dass alle Französinnen sich fortan auf Krankenkassenkosten ihren Kinderwunsch erfüllen dürfen. Lesbischen Paaren und alleinstehenden Frauen, denen die sogenannte „medizinisch assistierte Fortpflanzung“ („PMA“) bislang verwehrt blieb, sollen ebenso wie Frauen ohne medizinische Notwendigkeit freien Zugang zur künstlichen Befruchtung erhalten. Bis zu sechs Befruchtungsversuche sollen je Frau von der staatlichen Krankenversicherung erstattet werden. Das sieht der Entwurf zu einem neuen Bioethik-Gesetz vor, über den nach monatelangen Bürgerdebatten und der Stellungnahme des Nationalen Ethikrates jetzt die Abgeordneten debattieren. Mehr als 2300 Änderungsanträge sind eingereicht worden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          In der Nationalversammlung war am Dienstagnachmittag noch wenig von der aufgeheizten Stimmung zu spüren, die vor sechs Jahren vor der Abstimmung über das Gesetz über die Homo-Ehe vorherrschte. Damals hatten die Gegner der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der traditionellen Ehe davor gewarnt, dass in ein paar Jahren die „künstliche Befruchtung für alle“ folgen und „Babys auf Bestellung“ zum Regelfall zu werden drohten. An den Protesten gegen die „Ehe für alle“ beteiligten sich Millionen Franzosen. Simone Veil, die 1975 das Abtreibungsgesetz verteidigt hatte, marschierte ebenso mit wie die Philosophin Sylviane Agacinski, Ehefrau des sozialistischen Premierministers Lionel Jospin. Agacinski kritisierte jetzt von neuem, dass das Kind zu einem Produkt degradiert werde, auf das alle ein Anrecht hätten. Sie befürchtet, dass das Verbot der Leihmutterschaft im Namen der Gleichstellung von lesbischen und schwulen Paaren demnächst fallen könnte. Diese Befürchtung teilen die christlichen Graswurzel-Bewegungen, die 2013 erstarkten und sich in der Partei „Les Républicains“ (LR) mit einer eigenen Struktur „Sens Commun“ seither Gehör verschaffen. Der LR-Präsidentschaftskandidat François Fillon versprach 2017, das Gesetz über die Homo-Ehe zu überarbeiten und das Adoptionsrecht einzuschränken. Doch konnte er sich nicht mehr auf eine Mehrheit der Franzosen stützen.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

          FAZ.NET komplett

          : 65% günstiger

          F.A.Z. Woche digital

          F.A.Z. digital – Jubiläumsangebot

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+