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Kritik am Geodienst : Google ist gefährlich, nicht Street View

Sieht doch eigentlich ganz harmlos aus: Vor dem Google-Hauptquartier in Kalifornien Bild: AP

Die Kritiker von Google Street View erklären plötzlich Dinge zur Privatsache, die jeder offen anschauen kann. Viel schlimmer ist doch: Der Konzern liest in unseren Köpfen.

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          Zu den großen Rätseln unserer sogenannten Streitkultur gehört der Umstand, dass niemand, kein bekannter Politiker und keine große Zeitung jedenfalls, sich aufregt über Microsofts „Bird’s View“ – über jenes Internetprogramm also, welches es seit Jahren jedem Nutzer möglich macht, aus der Perspektive eines sehr niedrig fliegenden Vogels hineinzuschauen in Gärten und Innenhöfe, auf Terrassen und Balkone: auf Orte also, die ohne Zweifel zur Privatsphäre gehören.

          Nicht zu dieser Sphäre gehören dagegen die Straßen, über welche die Kamerawagen von Google fahren, nicht privat sind die Fassaden, welche von diesen Kameras aufgenommen werden. Und wer jemals versucht hat, die Umgebung eines Hotels in New York zu erkunden, oder wissen wollte, ob eine Straße in Neapel den Spaziergang lohnt, der weiß es zu schätzen, dass die großen Städte (und manche spektakuläre Landschaft) in den Vereinigten Staaten oder Italien über Street View verfügbar sind. Und er wundert sich darüber, auf welchen Widerstand das Projekt in Deutschland stößt.

          Die Kamera kann nirgendwohin schauen, wohin wir nicht selbst schauen

          Was die Firma Google da betreibt, die Konstruktion von dreidimensionalen Stadtplänen und Landkarten, das steht ja in einer Tradition, die schon bei den geschnitzten Stadtmodellen des Mittelalters beginnt und mit Ed Ruschas allseits gefeiertem Fotokunstwerk „Every Building on Sunset Strip“ noch lange nicht zu Ende ist. Wenn jetzt Googles Kritiker zur Privatsphäre auch die Bürgersteige und die Fassaden der Häuser zählen, fragt man sich nicht nur, wo dann wohl der öffentliche Raum beginnt. Man zweifelt auch daran, dass denen die tatsächliche Privatsphäre, der Raum hinter unseren Wohnungstüren, so heilig ist. Und wer einwendet, die Kamera bewege sich aber einen Meter höher, als das unsere Köpfe tun, der vermutet offenbar, dass der öffentliche Raum nach oben geschlossen sei.

          Nein, diese Kamera kann nirgendwohin schauen, wohin wir nicht auch selbst schauen könnten, wenn wir nur wollten. Und für sich betrachtet ist Google Street View ein altmodisches und fast schon rührend analoges Projekt; die Kamerafahrt wurde 1924 von Karl Freund erfunden, und dass die Bilder interessanter werden, wenn die Kamera nicht durchs Studio, sondern durch Paris oder München fährt, das weiß fast jeder Kinogänger. Das Dumme daran ist nur, dass alle Skepsis, alles Misstrauen berechtigt ist – ja, dass es gute Gründe gibt, in der Firma Google einen Gegner der Freiheit zu sehen. Und vielleicht sollte es uns am meisten beunruhigen, dass sich das Misstrauen ausgerechnet das eigentlich so harmlose Street View als Gegenstand sucht: Das zeigt vor allem, wie wenig wir wissen wollen von den Möglichkeiten, die Google tatsächlich zur Verfügung stehen.

          Am Ende wissen sie Dinge über mich, die ich selbst nicht weiß

          Ja, klar, wenn der Chef von Google im Interview sagt, „falls es etwas gibt, von dem Sie nicht möchten, dass es jemand erfährt, dann sollten Sie es vielleicht bleiben lassen“: Dann gibt er sich ganz offen als jemand zu erkennen, der vom Menschenrecht auf Privatsphäre keine Ahnung hat. Mit dem Satz, dass mein Zuhause meine Burg sei, beginnt die bürgerliche Freiheitsgeschichte der Angelsachsen.

          Aber wenn Google alle meine Suchanfragen bis zu achtzehn Monate lang speichert (und damit Algorithmen füttert, die wir Nutzer, wenn wir keine Mathematiker sind, nie verstehen werden), dann werden nicht nur die Mauern meines Hauses durchsichtig; dann liest Google in meinem Kopf wie in einem aufgeschlagenen Buch und weiß am Ende Dinge über mich, die ich selbst nicht weiß. Wenn Google all die Daten, welche die Firma von mir gesammelt hat, verknüpft und vernetzt, dann hat die Firma nicht nur ein relativ scharfes Profil von mir; sie kann mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit sogar Aussagen über mein zukünftiges Verhalten machen. Das sind Aussichten, die uns weit mehr beunruhigen sollten als die Frage, ob ein Internetnutzer aus Neapel demnächst per Street View durch Münchner Straßen fahren darf.

          Man kann an Daten auch ersticken. Wer alles weiß, weiß am Ende nichts: Das war die Lehre der analogen Welt, in welcher die Stasi den Umsturz erst zur Kenntnis nahm, als er im Fernsehen übertragen wurde. Auf den Festplatten von Google ist aber noch sehr viel Speicherplatz frei. Und wenn jetzt Google danach strebt, dass die Neutralität des Netzes aufgehoben werde, dass Google also die dauernde Vorfahrt bekommt in der Straßenverkehrsordnung des Internets, dann gibt es wirklich etwas, wogegen zu kämpfen sich dringend lohnt. Das Hauptquartier von Google, 1600 Amphitheatre Parkway in Mountain View in Kalifornien, kann mit Street View sehr schön umrundet werden. Man sieht nichts von dem, was die Firma so gefährlich macht.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

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