https://www.faz.net/-gpf-7vl8x

Kriege und Konflikte : Nahöstliche Anarchie

Der Staatszerfall im Nahen Osten führt zu Konflikten, die tief in unsere Gesellschaften hineinwirken. So werden wir wohl auch dort wieder Diktaturen akzeptieren müssen, wo wir vor ein paar Jahren noch geglaubt haben, es entstünden Demokratien.

          Die Konflikte und Kriege des Nahen Ostens wirken bereits tief in unsere Gesellschaften hinein. Sie verändern unser Zusammenleben mehr als alle anderen Umwälzungen der vergangenen Jahre: Zunehmend werden die Konflikte auch auf unseren Straßen ausgetragen, aus unserer Mitte reisen Dschihadisten in das Kriegsgebiet, und von dort greifen immer mehr Flüchtlinge verzweifelt nach einem sicheren Ufer. Wer kann, steuert Europa an. Allein der Krieg in Syrien hat schon mehr als neun Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Europa kann sie natürlich nicht alle aufnehmen. Die Augen vor ihrem Leid kann aber auch niemand verschließen.

          Lange ist die Gefahr unterschätzt worden, die von den europäischen Dschihadisten ausgeht. Heute ist die Öffentlichkeit alarmiert. So haben die Sicherheitsbehörden die Zahl der aus Deutschland ausgereisten Kämpfer auf 1800 vervierfacht, und eine aufgeregte (und streckenweise ratlose) Debatte hat eingesetzt - die einen wollen die Dschihadisten an der Ausreise hindern, die anderen wollen sie ausweisen.

          Was immer man tut, es löst das Problem nicht. Wer an der Ausreise gehindert wird, kann seine Frustration hier in Gewalt entladen; das ist die Lehre aus dem Anschlag auf das kanadische Parlament. Und wer verroht aus dem Kriegsgebiet zurückkehrt, kann in unserer Mitte bedenkenlos zur Waffe und zum Sprengstoff greifen; das ist die Lehre aus dem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel.

          Beunruhigt sind die Sicherheitsbehörden auch, weil neben Dschihadisten immer mehr Kurden von Deutschland nach Syrien reisen. Sie werden von der PKK angeworben und wollen gegen den „Islamischen Staat“ kämpfen. Die Fronten im dortigen Kriegsgebiet wiederholen sich bei uns. Eine Vorstellung von der wachsenden Gewaltbereitschaft gaben die blutigen Zusammenstöße von Herford und Hamburg.

          Ob aus dem Kriegsgebiet Rückkehrer zu uns kommen oder Flüchtlinge: Jeder bringt seine Konflikte und Traumata mit, was unseren gesellschaftlichen Frieden gefährdet. Die Konflikte und Kriege des Nahen Ostens führen zu einem Staatszerfall und damit zu Anarchie. Die Anarchie aber ist schlimmer als die Diktatur, und so werden wir wohl auch dort wieder Diktaturen akzeptieren müssen, wo wir vor ein paar Jahren noch geglaubt haben, es entstünden Demokratien.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Droht ihm eine jahrzehntelange Haft? Video-Seite öffnen

          Druck auf Assange wächst : Droht ihm eine jahrzehntelange Haft?

          Die amerikanische Justiz hat ihre Anklage gegen Julian Assange erheblich verschärft – und dadurch den Druck auf den in Großbritannien inhaftierten Wikileaks-Gründer erhöht. Dazu war er Anfang Mai wegen Verstoßes gegen die Auflagen seiner Kaution verurteilt worden.

          Tillerson keilt gegen Trump

          Ehemaliger Außenminister : Tillerson keilt gegen Trump

          Mehr als ein Jahr nach seiner Entlassung spricht Trumps ehemalige Außenminister Rex Tillerson im Kongress über seine Amtszeit. Dabei erhärtet er eine Sorge vieler Beobachter.

          Ziemiak lädt Rezo zu Debatte ein Video-Seite öffnen

          Reaktion auf „Zerstörung“ : Ziemiak lädt Rezo zu Debatte ein

          Mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ mischte YouTuber Rezo kurz vor der Europawahl die deutsche Politik auf. Nun reagiert die CDU in Person von Generalsekretär Paul Ziemiak – und stimmt überraschend versöhnliche Töne an.

          Topmeldungen

          Ehemaliger Außenminister : Tillerson keilt gegen Trump

          Mehr als ein Jahr nach seiner Entlassung spricht Trumps ehemalige Außenminister Rex Tillerson im Kongress über seine Amtszeit. Dabei erhärtet er eine Sorge vieler Beobachter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.