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Krawalle in Athen : Protokoll einer Zerstörung

Szenen der Zerstörung: Athen am Mittwoch Bild:

Die Besitzer der verwüsteten Läden in Athen fangen mit Aufräumen an. Viele werden erst in Wochen wieder öffnen können. Auch ihre Angestellten sind betroffen - während die Wirtschaftskrise das Land schon erfasst hat.

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          Im Auge des Sturms hängen arrivierte Herren in Öl an den Wänden, und im Hintergrund läuft Micky Maus. Die Herren hängen immer da, nur Micky Maus ist ein Zufall.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Hausherr wollte eigentlich Nachrichten sehen. Doch zeige der Sender wegen des Generalsstreiks bisher nur Kinderprogramm, was ihn allerdings nicht störe, sagt er: „Ich mag Zeichentrickfilme. An manchen Tagen lebt man ja selbst in einem.“

          Mehr als 400 Geschäfte zerstört

          Die würdigen Herren an der Wand sind seine Vorgänger als Vorsitzende des Athener Handelsverbands. Ingesamt waren es 26, von denen 15 kunstvoll gezwirbelte Schnauzbärte trugen wie sein Großvater Dimitris Karellas, der zur Zeit der Balkankriege von 1912/13 Direktor war. Enkel Panagis Karellas arbeitet seit 1999 in dem holzgetäfelten Büro in der Athener Innenstadt. Tage wie diese habe er jedoch noch nie erlebt, versichert er.

          Anhaltende Gewalt: In Athen am Mittwoch

          „Bis zum Dienstag um die Mittagszeit haben 402 Geschäfte im Großraum Athen Schäden gemeldet. Bei einigen wurden nur die Schaufenster zerstört, andere wurden vollständig verwüstet. Aber das war vor der Beerdigung. Die neuesten Zahlen haben wir noch nicht.“

          Beerdigt wurde am Dienstag der Schüler Alexandros Grigoropoulos, dessen Tod durch eine Polizeikugel am Samstag der Anlass für die Krawalle meist Jugendlicher Randalierer war, die das Land seither Nacht für Nacht in Atem halten.

          Höhe des Schadens steht noch nicht fest

          „Willkommen im Auge des Sturms“, sagt Herr Karellas und zitiert Einzelheiten aus dem Protokoll der Verwüstung: „Etwa 35 Geschäfte sind total zerstört worden. In den anderen Städten sind nach unseren Informationen bis zu 200 weitere Läden angegriffen worden. Wir schätzen, dass etwa 2500 Beschäftigte von den Zerstörungen betroffen sind.“ Nicht erfasst haben die Händler natürlich Schäden an öffentlichen Gebäuden, wie in Piräus, wo ein Polizeigebäude demoliert wurde.

          Noch sein es zu früh, um über die Höhe des Schadens zu spekulieren, doch eines stehe schon fest: „Viele Ladenbesitzer werden staatliche Hilfen benötigen.“ Sein Verband habe eine einmalige Entschädigungszahlung an die Betroffenen vorgeschlagen, wobei nicht nur die Inhaber zerstörter Geschäfte als Betroffene zu zählen seien: „Wenn in einer Einkaufsstraße ein Drittel aller Geschäfte zerstört wurden, leiden auch die anderen - denn wer geht dann noch dort einkaufen?“

          Ginge es nach Herrn Karellas, müssten die Banken zudem vom Staat verpflichtet werden, günstige oder gar zinslose Kredite an die von den Plünderungszügen betroffenen Geschäftsinhaber zu vergeben. Schließlich habe die Regierung unlängst ein Rettungspaket für die Banken im Wert von 28 Milliarden Euro verabschiedet. Da sei es nur recht und billig, wenn sie auch mitbestimme, wie das Geld eingesetzt wird.

          Versicherung nur über das Nötigste

          Der zerstörerische Furor kam zum schlechtesten vorstellbaren Zeitpunkt: Die Wirtschaftskrise macht sich im wirtschaftlich ohnehin schwachbrüstigen Griechenland längst bemerkbar. Da viele Läden erst in mehreren Wochen wieder eröffnen können, fällt für die betroffenen Händler das Weihnachtsgeschäft aus, das manchen von ihnen sonst ein Viertel des Jahresumsatzes bringt. Manche werden zudem Schwierigkeiten mit den Versicherungen bekommen, fürchtet Karellas.

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