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Warnung vor „Weltregierung“ : Bischofskonferenz geht auf Distanz zu umstrittenem Corona-Schreiben

Der deutsche Kardinal und einstige Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller (Archivbild) Bild: dpa

Prominente Geistliche warnen davor, dass dubiose Mächte die Pandemie nutzten, um Bürger- und Menschenrechte außer Kraft zu setzen. Würdenträger machten sich damit gemein mit Verschwörungstheoretikern, kritisiert die Laienbewegung „Wir sind Kirche“.

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          Ein vom früheren Nuntius in Washington, dem italienischen Titularbischof Carlo Maria Viganò initiierter Appell zum Umgang mit der Coronavirus-Pandemie hat im Vatikan und auch in Deutschland kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Der in sieben Sprachen veröffentlichte Aufruf „für die Kirche und für die Welt“ unter dem Motto „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8, 32) wendet sich „an Katholiken und alle Menschen guten Willens“. Der Tenor des gut drei Seiten langen Aufrufs ist, dass die Pandemie von dubiosen Mächten instrumentalisiert werde, um grundlegende Bürger- und Menschenrechte außer Kraft zu setzen und eine „Weltregierung“ zu schaffen, „die sich jeder Kontrolle entzieht“.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zu den Unterzeichnern des Appells gehören prominente rechtskonservative Würdenträger der Weltkirche, unter ihnen der deutsche Kardinal und einstige Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller, Kardinal Joseph Zen aus Hongkong, der texanische Bischof Joseph Strickland und Weihbischof Athanasius Schneider aus Astana in Kasachstan. Der guineische Kurienkardinal Robert Sarah zog seine zunächst geleistete Unterschrift wieder zurück.

          In dem Schreiben wird von angeblich wachsenden Zweifeln „an der tatsächlichen Ansteckungsgefahr, der Gefährlichkeit und der Resistenz des Virus“ berichtet. Die Medien werden bezichtigt, einen „Alarmismus wegen Covid-19“ zu betreiben, der „in keinster Weise gerechtfertigt“ sei. Unter dem Vorwand der Epidemie seien in vielen Fällen „unveräußerliche Rechte der Bürger verletzt und ihre Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt eingeschränkt“ worden, „einschließlich des Rechts auf Religionsfreiheit, der freien Meinungsäußerung und der Bewegungsfreiheit“.

          Außerdem ist von „übernationalen Organisationen“ mit „sehr starken politischen und wirtschaftlichen Interessen“ die Rede, die in der Bevölkerung Panik erzeugten mit dem Ziel, diese zu kontrollieren. Die Menschen werden in dem Appell implizit aufgefordert, sich einer „drohenden Impfpflicht zu entziehen und Tracingsysteme oder ähnliche Instrumente nicht zu benutzen“. Ausdrücklich wird darauf verwiesen, dass es für Katholiken „moralisch inakzeptabel“ sei, sich mit Impfstoffen behandeln zu lassen, „zu deren Herstellung Material von abgetriebenen Föten verwendet wird“.

          Kardinal Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und einer der schärfsten Kritiker von Papst Franziskus im Vatikan, begründete seinen Rückzug von der Unterstützerliste damit, dass er als ranghoher Kurienmitarbeiter „eine gewisse Zurückhaltung in politischen Fragen“ zeigen müsse. Persönlich teile er aber die in dem Aufruf mitgeteilten „Bedenken zur Einschränkung von Grundrechten“.

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Limburger Bischof Georg Bätzing, wollte den Aufruf nicht im Einzelnen kommentieren. Die Einschätzung der Pandemie durch die DBK unterscheide sich aber „grundsätzlich“ von jener des Aufrufs, sagte Bätzing. Die katholische Laienbewegung „Wir sind Kirche“ äußerte sich am Sonntag entsetzt darüber, dass sich Würdenträger wie Kardinal Müller zu „Handlangern von Verschwörungstheoretikern“ machen ließen.

          Vom Vatikan selbst gab es zu dem Appell bis zum Sonntag keine offizielle Reaktion. Papst Franziskus hatte sich im Streit der italienischen Bischöfe mit der Regierung in Rom um die möglichst rasche Wiederzulassung von Gottesdiensten auf die Seite von Ministerpräsident Giuseppe Conte geschlagen und die Kirchenführer zum Gehorsam aufgerufen. In Italien dürfen Gläubige erst nach dem 18. Mai unter besonderen Hygienevorschriften wieder an der Eucharistiefeier teilnehmen.

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